Ausgehen

Mit den Kindern in den Club

Das "Cookies" lädt sonnabends zum Familiennachmittag - und entdeckt eine neue Zielgruppe

Foto: Christian Hahn

Ella und Martha haben sich schick gemacht, die beiden gehen heute in einen der angesagtesten Berliner Clubs. Über ihren geblümten Strumpfhosen tragen sie Röcke, als sie durch einen dunklen Hinterhof in Mitte schlendern. Es geht vorbei an Müllcontainern und rohen Betonwänden, schließlich wird hinter einem abgestellten Lastwagen eine kleine, von Glühbirnen beleuchtete Tür sichtbar. Dass Ella und Martha wie selbstverständlich durch diese Tür den legendären Club "Cookies" betreten, ist auf den ersten Blick etwas irritierend: Die beiden Mädchen sind vier und sieben Jahre alt.

Doch an diesem Sonnabendnachmittag ist alles ein wenig anders als sonst im "Cookies". Ella und Martha sind an den Händen ihrer Mutter in den Club gekommen. Als sie die Kasse passiert haben, wartet kein Türsteher, hallen ihnen keine tief wummernden Bässen entgegen. Auf der in kühlen Farben schimmernden Tanzfläche drängt sich keine Meute feiernder Nachtschwärmer. Stattdessen wird der Raum von lautem Gelächter erfüllt: Scharen von Kindern wuseln durch den Raum, spielen unter der Discokugel Fangen oder krabbeln über die dunklen Polstermöbel.

Heute hat das "Cookies" seine Pforten nur für Familien geöffnet. Seit fast einem Jahr organisiert der Club unter dem Titel "Kidz want Cookies" eine Partyreihe nur für Kinder und ihre Eltern. "Auch in Berlin ist es schwierig, coole Orte für Kinder zu finden", sagt Myriel Walter. "Die Kinder, aber auch die Eltern sollen hier einfach Spaß haben", so die Sprecherin des Clubs. An den Nachmittagen gibt es ein wechselndes Programm für die Besucher. Für 7 Euro pro Kind stehen diesmal Filme von "Dick und Doof" auf dem Programm, ein Pianist begleitet die Szenen, dazu gibt es Popcorn. Für die Eltern ist an den Nachmittagen das zum Club gehörende Restaurant geöffnet, oft wird auch mit den Kindern gemeinsam gekocht.

Eltern erinnern sich an ihre Jugend

Als Disco ist das "Cookies" eine Institution des Berliner Nachtlebens. Seit der Eröffnung 1994 zog der Club siebenmal um, bis er vor drei Jahren den Standort an der Französischen Straße fand. In den Katakomben hinter dem Hotel Westin Grand versteckt, werden nur dienstags und donnerstags die Türen geöffnet, meist wird House oder Elektro aufgelegt.

In den 16 Jahren seines Bestehens hat der Club immer wieder junges Publikum angezogen. "Doch die Besucher der ersten Stunde sind inzwischen natürlich auch älter geworden", sagt der Gründer des "Cookies", Heinz Gindullis. "Viele meiner Freunde haben mittlerweile Kinder bekommen", so der Club-Besitzer, der in der Szene nur "Cookie" genannt wird.

Die Idee, das "Cookies" für junge Familien zu öffnen, habe da einfach nahe gelegen: "Die meisten Eltern, die zu uns kommen, kennen den Club noch aus ihrer Jugend, fühlen sich hier zu Hause und treffen Freunde." Eltern könnten so ohne Babysitter einen Club besuchen, die Kinder entdecken eine neue Welt der Abenteuer.

Das "Cookies" ist nicht der einzige Club, der sich für Kinder und Familien öffnet. Seit einigen Jahren bieten verschiedene Berliner Clubs Partys für Altersklassen an, die normalerweise noch nicht im Nachtleben vertreten sind. Der legendäre Technotempel "Tresor" veranstaltet jeden Monat eine Party für Zwölf- bis 15-Jährige. Im "Ruderclub" gibt es von Mai bis September beim nachmittäglichen "Mutter-Kind-Rave" Elektrobeats auf einer Wiese am Monbijoupark. Die Club-Betreiber erschließen sich so eine neue Klientel. Gleichzeitig scheint der Trend aber auch von einer jungen Elterngeneration auszugehen, die trotz Kindern auf Club-Kultur und elektronische Musik nicht verzichten will. "Das ist schon lange ein großes Thema in der Szene", sagt Lutz Leichsenring von der "Club Commission", dem Zusammenschluss Berliner Club-Betreiber. Kinder begeisterten sich zudem immer früher für Popstars und deren Musik - der iPod begleitet heute schon Grundschulkinder. "Wenn die Veranstaltungen zuverlässig organisiert sind, kann man so von vornherein einen verantwortungsvollen Umgang mit der Club-Kultur vermitteln", sagt Leichsenring.

Naturtrüber Apfelsaft statt Cocktails

Doch wie wird aus einem angesagten Elektro-Club ein Ort, an dem Kleinkinder über den Boden krabbeln und Eltern beruhigt ihrem Nachwuchs beim Spielen zusehen? Für den Familiennachmittag hat das "Cookies" ein braves Gesicht aufgesetzt. Das Licht ist zwar schummrig, die Betonwände sind in dunkles Violett getaucht. Doch an der Bar, wo normalerweise verschwitzte Menschen um hochprozentige Drinks rangeln, wird heute nur naturtrüber Apfelsaft serviert, und selbst im Raucherraum herrscht Rauchverbot.

Auch der Kunstgeschmack von Heinz Gindullis muss zurücktreten, wenn die Kinder in seinen Club kommen: Bekannter Blickfang im Restaurant des "Cookies" ist ein großes, modernes Ölgemälde. In riesigen Lettern steht darauf ein ziemlich vulgäres Wort. "Das hängen wir natürlich jedes Mal ab", sagt Myriel Walter, schließlich wolle man die Eltern nicht in Erklärungsnot bringen.

Doch brauchen Kinder für einen ausgelassenen Nachmittag wirklich die Atmosphäre eines Berliner Elektro-Clubs? Zumindest vielen Eltern scheint die Idee des Club-Betreibers zu gefallen. "Das ist mal was anderes als Kasperle-Theater", sagt Charlotte Tamschick. Mit ihrem Mann und der fünfjährigen Tochter Malou ist sie heute aus Dahlem zu der Familien-Party gekommen. Merkwürdig sei nur, den Club bei Tageslicht zu betreten. Ihr Mann Marc hat früher oft nachts im "Cookies" gefeiert. "Es ist toll, mal wieder hier zu sein, und zwar mit Kindern", sagt der 41 Jahre alte Filmregisseur und Medienkünstler. Ihm gefalle besonders, sich mit andern Eltern bei guter Stimmung auszutauschen.

Auch die jüngeren Besucher scheinen sich an diesem Nachmittag im "Cookies" wohlzufühlen. Das Programm richtet sich heute an Kinder zwischen sechs und zehn Jahren, viele Besucher sind allerdings deutlich jünger. Lou gehört schon zu den ältesten Kindern. Sie ist mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern gekommen und freut sich besonders auf die Stummfilme, die später gezeigt werden. "Dick und Doof finde ich super, und man kann sie nur so selten ansehen", sagt sie. Von der Atmosphäre des Clubs zeigt sie sich eher unbeeindruckt. "Die bunten Lichter finde ich ganz gemütlich", sagt die Elfjährige.

Martha freut sich, dass "so viele andere Kinder da sind", während ihre Schwester Ella in einer johlenden Kinderhorde über die Tanzfläche jagt.

Gemeinsam haben sie sich jeden Winkel des Clubs erobert, jetzt gehört das "Cookies" ganz den kleinen Tagschwärmern. Und wilder als in diesen Minuten kann es bei den Nächten der Erwachsenen auch nicht zugehen.

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