Familie Breitfeld

Geburtstag hoch drei

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Annette Kuhn

Am Tag vor Emils Geburt war seine Mutter Michèle Remy überzeugt: "Er wird sich noch ein bisschen Zeit lassen." Vielleicht blieb aber doch eine Rest-Unsicherheit, und darum hat sie alles für den zweiten Geburtstag ihrer Tochter Luise am nächsten Tag vorbereitet: den Kuchen für den Kindergarten gebacken, die Geschenke eingepackt, den Geburtstagstisch dekoriert. Dass Luises Geburtstag auch ihr eigener Geburtstag ist, hätte sie dabei fast vergessen.

Aber dann passierte doch das, was man kaum glauben kann: Heute genau vor einem Jahr kam auch Emil zur Welt, wie schon vor drei Jahren seine Schwester Luise und vor 33 Jahren seine Mutter.

Wenn die Landschaftsarchitektin das erzählt, wird sie immer ungläubig gefragt: "Wie geht das denn?", als ginge es hier nicht mit rechten Dingen zu oder als wäre Michèle Remy eine allzu ehrgeizige Perfektionistin, die die Geburt ihrer Kinder mit Einleitung und Kaiserschnitt entsprechend lanciert hätte. Aber nichts dergleichen. Beide Kinder kamen spontan, also ohne irgendwelche Einwirkungen auf die Welt. Und in beiden Schwangerschaften sah es auch gar nicht danach aus, dass beide Kinder am gleichen Datum und überdies am Geburtstag ihrer Mutter zur Welt kommen würden. Luises Geburtstermin war für den 22. Februar, Emils für den 23. Februar berechnet, und bei ihrem Sohn hat Michèle Remy lange gedacht, dass er eher zu früh als zu spät kommen würde. Aber beide Kinder ließen sich dann doch Zeit, und die Wehen setzten in beiden Fällen erst in der Nacht zum 1. März ein.

Im Mittelpunkt stehen die Kinder

Heute feiern die drei Geburtstagskinder nun zum ersten Mal gemeinsam. Allerdings, so richtig gemeinsam wird es wohl nicht werden. Denn heute stehen erst einmal die Kinder im Mittelpunkt. Und das beginnt schon mit den Vorbereitungen. Drei Kuchen hat Michèle Remy diesmal gebacken: einen für jedes Kind und noch einen für Luises Kindergarten, ein vierter Kuchen für sich selbst wäre dann doch etwas zu viel der Backerei. Auch wenn es noch eine Überraschung ist, weiß Luise schon genau, was auf ihrem Kuchen drauf sein wird: "Ganz viele Smarties!"

Wenn Luise heute aus dem Kindergarten zurückkommt, gibt es eine Feier zu Hause, zu der Freunde aus Luises Babygruppe kommen. Viele von ihnen haben inzwischen Geschwisterkinder im Alter von Emil, sodass gleich beide Kinder mit Gästen versorgt sind. "Heute wird es voll hier", sagt Michèle Remy lachend, zumal mit den Kindern auch deren Eltern kommen. Und wahrscheinlich wird es auch eine große Geschenkeschlacht geben, wenn jeder für jedes Geburtstagskind etwas mitbringt.

Ihren eigenen Geburtstag will Michèle Remy dann am Sonnabend nachholen - ohne Kinder. Emil und Luise kommen über Nacht zu den Großeltern, damit Michèle mit ihrem Mann Matthias Breitfeld und ihren Freunden zum Tanzen gehen kann. Seit vier Jahren feiert die junge Mutter dann zum ersten Mal wieder ihren Geburtstag. Und fühlt sich darum heute eher wie 30 als wie 33 Jahre. "Immerhin habe ich in den letzten drei Jahren meinen Geburtstag ausfallen lassen." Bei den beiden Geburtstagen im Krankenhaus war ans Feiern nicht zu denken, da war das Paar mit anderen Dingen beschäftigt.

Kerzen und Kekse im Kreißsaal

"Mein Arbeitsspeicher war voll", erinnert sich Betriebswirt Matthias Breitfeld an die Geburt seines ersten Kindes. Allerdings haben die Hebammen die werdende Mutter doch ein bisschen hochleben lassen. Der 32-Jährige weiß noch genau, wie aufgeregt die Hebammen waren, als er mit seiner Frau vor drei Jahren in die Maria Heimsuchung Caritas-Klinik in Pankow kam: "Die konnten das gar nicht glauben, als sie das Geburtsdatum im Mutterpass sahen." Um Mitternacht kamen sie dann mit Kerze und Keksen in den Kreißsaal. Noch größer war dann natürlich zwei Jahre später die Überraschung, als auch noch Emil am 1. März erschien. Das Geburtstagstrio landete gleich in der Klinikzeitung der Maria Heimsuchung. "Kaum war ich aus dem Kreißsaal heraus, wurde auch schon ein Foto von uns gemacht", erinnert sich Michèle Remy, denn so einen Geburtstag hoch drei hatte die Klinik vorher wohl noch nicht erlebt.

Für Luise ist das allerdings gar nicht so besonders. Schließlich kennt sie es ja nicht anders. Den ersten Geburtstag hat sie noch gar nicht bewusst erlebt, und beim zweiten waren es schon drei Geburtstagskinder. Gerade hat Luise jetzt gelernt zu sagen, wann sie Geburtstag hat, und ganz selbstverständlich fügt sie an diese Information immer noch hintendran: "Da hat auch mein Bruder Geburtstag. Und meine Mama."

Viel spannender findet Luise es heute, welche Geschenke sie bekommen wird. Sie hofft auf ein Fahrrad, "mit richtigen Pedalen", denn mit drei Jahren findet sie sich allmählich ein wenig zu groß fürs Laufrad - ohne Pedale. Das kann dann wohl bald ihr Bruder Emil haben, der sich an seinem ersten Geburtstag aber noch mehr für den Kuchen und die flackernden Kerzen interessiert.

Die Einzige, die ihr wohl schönstes Geburtstagsgeschenk schon vor ihrem Geburtstag kennt, ist die Mutter. Michèle Remy freut sich darauf, dass heute für ihren Mann die zweimonatige Elternzeit beginnt und dass sie die nächsten Wochen erst einmal gemeinsam den Familienalltag bestreiten werden. Zur Party kann sie seine Unterstützung heute gleich gut gebrauchen.

Und für die nächsten Jahre hofft Michèle Remy darauf, dass die Kinder - wie heute - gemeinsam feiern werden. "Schwieriger kann das werden, wenn Luise in die Schule kommt und neue Freunde hat", glaubt ihre Mutter, vielleicht wird dann auch zweimal Kindergeburtstag gefeiert, "aber später können sie dann ja wieder zusammen Partys feiern." Die Mutter will das auf sich zukommen lassen und sehen, ob sie bei so viel Kindergeburtstag in Zukunft überhaupt noch Lust zum Feiern ihres eigenen Geburtstages hat.

Geschenke für alle

Aus ihrer Sicht hat der gemeinsame Geburtstag der Kinder auf jeden Fall eine praktische Seite: "Niemand ist traurig, weil er keine Geschenke bekommt." Außerdem sei man flexibler, man könne den Kindern auch mal etwas gemeinsam schenken. Schon heute würden Luise und Emil viel miteinander spielen und sich für ähnliche Dinge begeistern. Und Michèle Remy ist überzeugt, dass der Dreier-Geburtstag die Familie und vor allem die Geschwister zusammenschweißt. Ohne abergläubisch zu sein, kann sie an einen reinen Zufall auch nicht so ganz glauben: "Es sollte wohl so sein", sagt sie, "das ist vielleicht das Besondere in unserer Familie."

Und der Vater? Nein, ausgeschlossen würde er sich nicht fühlen, sagt Matthias Breitfeld, nur weil er im Sommer Geburtstag hat. Dafür ist er ja auch viel zu eingebunden und wird heute, an seinem ersten Tag in der Elternzeit, kaum Zeit haben, darüber nachzudenken. Außerdem sei es ja auch ganz schön, einen Geburtstag ganz für sich zu haben. Wichtig sei nur eins, sagt er und lacht: "Man darf den Geburtstag nie vergessen!" Sonst gäbe es nämlich gleich Ärger hoch drei.