Ernäherung

Wenn Abnehmen zur Sucht wird

Das Unheil beginnt mit einer Kampfansage gegen Süßigkeiten. Kurz nach Weihnachten beschließt Marie, 14 Jahre alt und normalgewichtig, ein wenig abzunehmen. Sie hält ihr Versprechen und streicht außer Schokolade und Keksen auch Chips und Nüsse von ihrem Speiseplan.

Die Kilos purzeln. Da ist die Welt noch in Ordnung, und die Mutter erzählt einer Freundin stolz von ihrer willensstarken Tochter. Sie selbst hätte als junges Mädchen niemals genügend Selbstbeherrschung aufgebracht, um über einen längeren Zeitraum abzunehmen.

Doch die Freude über die disziplinierte Tochter weicht kurze Zeit später Angst und Beklemmung. Denn Marie beginnt, auch die Portionen der regulären Mahlzeiten zu reduzieren. Und ihre Zwillingsschwester Anna, bis dahin immer die Schmalere der beiden Mädchen, macht ebenfalls das Kalorienzählen zum Lebensinhalt. Im Skiurlaub reicht den beiden nach einem langen Tag auf der Piste eine dünn bestrichene Scheibe Brot.

Schoko-Eier bleiben unberührt

Von da an geht es bergab - mit dem Gewicht der Schwestern und mit der Stimmung in der gesamten Familie. Ostern, so schwört Marie, wird sie wieder "normal" essen. Doch daraus wird nichts. Die Schoko-Ostereier, die die Mutter so hoffnungsfroh gekauft hatte, werden nicht angerührt. Nur wenige Wochen später sind die beiden Mädchen beängstigend dünn und feiern ihre Konfirmation. Marie ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als ein "Gerippe mit traurigen Augen", sagt die Mutter.

Caroline Wendt, die Mutter der beiden Mädchen, hat ein Buch über das Leben mit ihren beiden magersüchtigen Töchtern geschrieben. Zum Schutz der Zwillinge schreibt die 49 Jahre alte Lektorin unter Pseudonym und möchte auch keine Bilder von sich veröffentlicht sehen. Das Buch erzählt von Wut, Trauer, Ohnmacht und von einer Familie, die unter der Last der Magersucht zu zerbrechen droht. Die gemeinsamen Mahlzeiten werden zur Qual, weil die Mutter mit ansehen muss, wie ihre Töchter vor ihren Augen beinahe verhungern. Eines Nachts ist sie so außer sich vor Sorge, dass sie Marie mitten in der Nacht weckt und sie anfleht, endlich wieder zu essen. "Diese absolute Hilflosigkeit, die Tatsache, dass ich nichts tun konnte, war für mich die bislang schlimmste Erfahrung meines Lebens", schreibt sie rückblickend. Der Vater beobachtet das Ganze ebenfalls besorgt, aber distanzierter.

"Die Tatsache, dass die beiden eineiige Zwillinge sind, hat unsere Situation enorm erschwert"; sagt Caroline Wendt. "Sie haben sich ständig gegenseitig belauert, was die jeweils andere isst, und ganz genau darauf geachtet, keinesfalls mehr zu essen. Unsere Mädchen haben sich geradezu aneinandergeklammert und steckten dann plötzlich in ihrer Krankheit fest." Bei eineiigen Zwillingen liegt die Wahrscheinlichkeit, dass beide erkranken, bei 80 Prozent, weiß Caroline Wendt heute. Wenn man mit ihr redet, erwähnt sie oft Statistiken und Zahlen, lässt immer wieder die Namen von Experten fallen.

Die Einsicht kommt spät

Mit dem Thema Magersucht hat sie sich wegen der Erkrankung ihrer Töchter intensiv auseinandergesetzt. "Mütter von Magersüchtigen lesen alles, was sie in die Finger bekommen können", sagt sie. Sie hat lange gehofft, dass sich das Problem von allein lösen könnte, hat hilflosen Ratschlägen von Bekannten und Freunden gelauscht.

Da war zum Beispiel der Tipp, Schalen mit Schokolade und Gebäck im ganzen Haus aufzustellen. Denen würden die Mädchen nicht widerstehen können. Doch nichts funktioniert: Keine ambulante Therapie, keine ärztliche Überwachung, kein Betteln, kein Drohen bringen die Schwestern dazu, ihr krankes Essverhalten abzulegen. Das Sorgenkind dabei ist immer Marie, die als Erste an Magersucht erkrankte "Marie ist krank. Wir können ihr nicht helfen. Diese Einsicht hat mich mehrere Nächte gekostet", schreibt Caroline Wendt. "Bis dahin hatte ich immer gehofft, dass wir selbst eine Lösung finden oder sich das Problem in Luft auflösen würde nach dem Motto: So schlimm ist unsere Familie nun auch nicht, dass man hier dauerhaft hungern muss." Am nächsten Morgen meldet sie sich in einer Klinik, die auf die stationäre Behandlung von magersüchtigen Teenagern spezialisiert ist. Marie und wenig später auch Anna werden mehrere Wochen in unterschiedlichen Kliniken verbringen.

Geholfen haben Caroline Wendt in dieser Zeit Gespräche mit Freunden und Therapeuten. "Man sollte sich dringend Hilfe suchen", sagt sie. Unter der Tatsache, dass man gerade in Deutschland sofort nach einem Schuldigen suchen würde, hat sie sehr gelitten. "Die Schuldige ist natürlich im Zweifelsfall immer die Mutter", kann Caroline Wendt heute sagen. Doch damals hat sie sich mit Selbstvorwürfen zerfleischt. War sie ein schlechtes Vorbild, weil sie selbst sehr schlank ist? Oder lag das Problem in der Familie? Viele Fragen, kaum Antworten.

Heute sucht Caroline Wendt nicht mehr nach der Schuld an der Magersucht. Nicht bei sich, nicht bei den Töchtern oder Zeitschriften, die Fotos von bedenklich schmalen Models drucken. "Dass dieses superschlanke Schönheitsideal vorherrscht und unsere Welt von Oberflächlichkeit geprägt ist, hat die Sache sicherlich nicht einfacher gemacht", sagt sie. Kurz vor Maries Einweisung, als das Mädchen um die 40 Kilogramm wog, hätten Schulkameradinnen noch gefragt: "Wow, wie hast du das bloß gemacht?", erzählt Caroline Wendt. Später erkannte sie, dass sie einen Teil der Verantwortung an Fachärzte und Therapeuten übergeben musste. "Man steht sich und dem Kind im Weg, wenn man in Sachen Essstörung die mütterliche Löwin abgibt."

Getrennte Wege

Knapp vier Jahre und viele Therapiestunden sind vergangen, seit Marie und Anna lebensbedrohlich an Magersucht erkrankten. "Eine der wichtigsten Erkenntnisse war, dass sich die beiden gegenseitig nicht guttun", sagt die Mutter. "Deshalb werden sie im Sommer ausziehen - und zwar in getrennte Wohnungen!" Die 18-Jährigen machen gerade Abitur. Dünn sind sie noch immer, aber nicht mehr auffällig. Bei einer Größe von 1,60 Meter wiegen sie knapp 50 Kilo. Anders als viele Magersüchtige haben sie die Krankheit ohne größere körperliche Schäden überstanden. "Beide essen gut und gerne, die gemeinsamen Mahlzeiten laufen wieder entspannter ab", sagt Caroline Wendt. Noch immer würden sie sich beim Essen beäugen, und noch immer wolle keine mehr wiegen als die andere. "Ganz ausgestanden ist die Sache vielleicht noch nicht, aber die existenzielle Krise haben wir überwunden."