Doris Egbring-Kahn

Aufbruch in eine neue Welt

Da steht sie in der Tür. Eine Dame mit elegantem Kostüm und Dutt. Sie deutet einen Knicks an, während sie einem die Hand reicht. Und man ahnt, dass zwei Stunden kaum reichen werden, um das Geheimnis ihrer Ausstrahlung zu ergründen.

Diese Frau umgibt eine Aura, die sich nur schwer beschreiben lässt. Es ist, als verändere sich das Zimmer in dem Moment, in dem sie es betritt. Als hätte jemand ein Licht angeknipst.

Das Leben, es ist ihre Bühne. So steht es in ihrem Wikipedia-Eintrag. Doris Egbring-Kahn, 1926 geboren im nordrhein-westfälischen Münster, Ballerina und Schauspielerin. Man wäre allein darauf gekommen. Diese Frau versteht es, ihre Zuhörer für sich einzunehmen. Man hat kaum den Mantel abgelegt, da ist man schon mittendrin in ihrem Leben. Aus dem Stegreif hält sie einen bühnenreifen Vortrag darüber, wie alles begann.

Berlin, 1933. Ein Ballettsaal in der Deutschen Oper. Ein siebenjähriges Mädchen, das barfuß die Bühne betritt. Doris Egbring. Es war nicht ihre Idee, hier vorzutanzen. Vergilbte Fotos aus jener Zeit zeigen ein burschikoses Mädchen, das sich in Lederhosen oder mit Zylinder gefällt. Ihre Mutter, eine alleinerziehende Opernsängerin, hat sie angemeldet. Sie ist extra nach Berlin gezogen, um den vier Kindern eine künstlerische Ausbildung zu ermöglichen. Doris Egbring-Kahn nennt sie "Mutter Courage".

Es ist eine neue Welt, die sich dem Mädchen eröffnet. Sie sagt, was heute die Castingshows sind, sei damals die Oper gewesen. Eine Schule fürs Leben. Disziplin und Rhythmus hat sie hier gelernt. Harte Arbeit muss das gewesen sein. 400 Mark verdiente sie in manchen Monaten - genug, um die ganze Familie zu ernähren. Doch in Erinnerung blieb etwas Anderes: die Liebe zur Musik. "Ba-ba-bam, ba-ba-ba ...." Wie zum Beweis singt die alte Dame eine Melodie aus Bellinis Oper "Norma". Ihre Augen funkeln. Die Geschichte erzählt davon, wie eine Priesterin ihre Söhne töten will. Doris Egbring spielt einen der Jungen und bringt es zum Kinderstar der Deutschen Oper. Es kostet nicht viel Fantasie sich vorzustellen, wie sie auch als Fünfzehnjährige so in ihrem Spiel aufging, dass ein gewisser Otto Grotewohl ergriffen ihre Hand nahm. Das war 1941. Sie sagt, der SPD-Politiker und spätere Ministerpräsident der DDR sei der erste Mann gewesen, der ihr die Hand geküsst habe.

Ihrer Wirkung auf andere Menschen ist sich Doris Egbring-Kahn noch immer bewusst. Sie sitzt kerzengerade auf einem Canapé in einem Wohnzimmer, das eher an einen Salon erinnert. Schwere Möbel aus der Gründerzeit, Ölbilder an der Wand. Sie sagt, ihre Präsenz hänge wohl auch auch mit ihrem Pantomime-Studium zusammen. Sie war 42 Jahre alt, als sie an der Akademie der Künste noch einmal Unterricht nahm.

Davor war einiges passiert. Der Zweite Weltkrieg. Die Flucht nach Österreich. Lehrjahre in Hamburg. Hunger. Ein erstes großes Engagement am Deutschen Theater in Berlin. Eine Hochzeit, die Geburt der beiden Töchter, eine Scheidung, eine neue Ehe, ein Umzug in die USA, Engagements an Bühnen in New York und im US-Bundesstaat Vermont, die Rückkehr nach Berlin. Sie sagt: "Im Studium habe ich gelernt, wie ich allein durch meine Bewegung überzeugen kann." Das war 1968. Sie sagt, sie habe nicht ahnen können, dass ihr der größte Moment ihrer Karriere noch bevorstehen würde.

Zehn Jahre später, ihr zweiter Mann ist verstorben, ruft der britische Schauspieler und Regisseur Laurence Olivier an und lädt sie zum Vorsprechen in Hollywood ein. Seine Worte will sie noch im Ohr haben: "Sie haben einen Stil und eine Manière, die wir versuchen zu erreichen." Es ist eine Story, die ihre Tochter zum ersten Mal hört. "Mama hat eine blühende Fantasie", sagt sie halb amüsiert, halb erschrocken. Die Mutter protestiert. Aus dem Film ist nichts geworden. Die alte Dame murmelt etwas von einer Familienangelegenheit, die sie nach Europa zurückrief. Wie auch immer: Doris Egbring-Kahn muss sich nicht grämen. Ihr Leben war reich genug.

"Ich ahnte nicht, dass mir mit 42 Jahren der größte Moment noch bevorstand"

Doris Egbring-Kahn, Schauspielerin und Ballerina, 84

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