Neue Kraft tanken

Mama geht jetzt mal ins Kloster

Auf dem Rückweg von Hamburg, die Autobahn gerade und grau, hinten ein schlafendes Kind und vorne eines, das fortwährend etwas wollte, aber nicht mit Genauigkeit sagen konnte, was es war. Zwei Stunden später, das Gepäck über der einen Schulter, das feuchtwarme Kind auf der anderen, bleierne Müdigkeit in den Knochen.

Wieder sechzig Minuten danach, das Essen steht endlich auf dem Tisch, aber nein, das wollen wir nicht, da ist ja viel zu viel Gemüse drin. Dann, als alles ruhig ist, kommen die Tränen, weil das Leben manchmal so verdammt anstrengend ist, ohne dass man genau sagen könnte, was daran so schwierig ist. Sicher ist nur eines: Alleinerziehend sein ist nichts für Feiglinge.

Ich hatte so etwas wie ein Mutter-Burn-out. Ich merkte das daran, dass ich morgens nicht mehr aus dem Bett kam oder vielmehr: nur mit größter Mühe. Dass mir das Lachen vergangen war und ich mit Schlappheit reagierte, wo früher Heiterkeit war. Die Nerven lagen blank. Warum? Ich hatte wohl Ansprüche an mich, die ich nicht erfüllen konnte. Supermutter mit engelsgleicher Geduld sein, die kocht und reinlich ist, vielleicht sogar geschminkt morgens das Kind zur Schule bringt und am Nachmittag die kreativsten Dinge tut. Nebenher natürlich noch arbeitet, damit genug Geld da ist, und abends ein wertvoller, weil unglaublich reflektierter und vergnüglicher Teil dieser Gesellschaft. Das mit dem Schminken, der Kreativität und dem Partymäuschen habe ich schnell drangegeben und für die Reinlichkeit eine Putzhilfe engagiert. Und trotzdem fühlte ich mich vom Rest überfordert. Zu Recht? Oder war ich nicht mehr als ein empfindlicher Waschlappen, eine Memme, ein Windelpüppchen, dass mich die paar Kinder (zwei Stück, um genau zu sein) so platt machten? Wie dem auch sei: Ich war leergelaufen.

"Keine Sorge, die nehmen jeden"

Das sind die Momente im Leben, in denen Freunde die unwahrscheinlichsten Dinge zu seinem sagen. Zum Beispiel: "Geh doch einfach ins Kloster." Eine entfernte Bekannte war es, die diesen Satz formulierte. Ich starrte sie an. Dann dachte ich nach. Was meinte sie bloß? Für immer? Alles hinwerfen und hinter hohe Mauern flüchten, die Kutte anlegen und fromm sein, bis das Licht ausgeht?

"Ich bin doch gar nicht getauft", sagte ich schließlich. "Außerdem habe ich Kinder. Ich lebe in Sünde, und zwar ständig! Die nehmen mich doch gar nicht!" Sie fasste auf diese Junge-Junge-sind-wir-aber-heute-verspannt-Art nach meinem Arm und sagte: "Ist nur für ein paar Tage. Du wirst sehen, danach fühlst du dich wie neugeboren. Übrigens, keine Sorge, die nehmen jeden. Auch dich." Danach ging es mir tatsächlich besser.

Es gibt eine erstaunliche Menge Klöster in Deutschland. Sogar in Berlin. Dabei dachte ich immer, dass man dort, wo es Klöster gibt, auch Nonnen auf den Straßen sähe. Tatsächlich sieht man in Berlin so gut wie nie Ordensschwestern, außer an Karneval vielleicht. Also reiste ich auf der Landkarte weiter nach Süden, dort nimmt die Klosterdichte exponentiell zu. Die Auswahl ist vielfältig. Es gibt moderne Klöster mit Fernseher und Internetanschluss, es gibt ursprüngliche Kloster mit alten Stallungen und Brotbackstuben, es gibt kleine, es gibt große, dann gibt es solche, in denen außerhalb der Gebetszeiten nie gesprochen wird. Ich hatte keine Ahnung, dass man in einem Kloster Urlaub machen kann. Einkehr, so nennen sie es.

Wenn man etwas Neues tut, steigt man am besten mit der Light-Variante ein. Etwa so, wie erstmalige Afrika-Reisende nicht in den Kongo fahren sollten, sondern besser nach Namibia. Ich suchte mir also ein Kloster, in dem ein Halb-Agnostiker wie ich nicht weiter auffallen würde. Während der Schulzeit war ich vom Religionsunterricht befreit, ich wusste nicht mal, in welche Richtung man sich richtig bekreuzigt.

Also brachte ich die Kinder zu den Großeltern und setzte mich in den Zug, um in das schöne Bayern zu reisen. Schon die Zugfahrt war eine Tortur. Würde ich mich im religiös gestalteten Alltag unauffällig einfügen? Oder würde der Stress, keine Ahnung von dem zu haben, was die Menschen dort bewegt, die ganze Erholung zunichte machen? Auf dem Bahnhof stand ich einigermaßen belämmert herum. Das Kloster sei leicht zu finden, hatte man mir gesagt. Ich fragte nach. Der Mann wusste es nicht mit Bestimmtheit. Ich fragte ihn, wie man in einem so winzigen Ort übersehen kann, dass dort ein Kloster herumsteht. Er antwortete, dass das jawohl durchaus möglich sei, er interessiere sich nicht für das göttliche Konzept. Ich deutete an, dass er ein Ignorant sei. Er deutete an, dass der nächste Zug zurück in einer halben Stunde führe.

Als ich im Kloster eintraf, fand gerade die Mittagsandacht statt. Ich wartete vor der Klosterpforte, die riesig war. Über geschnitzten Ornamenten baumelte ein metallenes Glöcklein, auf das niemand reagierte. Aus der Kapelle wehten Gebetsfetzen herüber. Schließlich wurde geöffnet. Eine Schwester, die nichts fragte und auch nicht viel sagte, führte mich in einen Speisesaal, dessen großer Tisch für sechs Personen gedeckt war. Ich stand eine Weile herum, bis sich die Tür öffnete und fünf weitere Personen eintraten: eine Ordensschwester, die hier Urlaub machte, ein Pater, drei Leute, die ein Lächeln im Gesicht trugen und es in den folgenden fünf Tagen niemals absetzten. "Wollen wir?", fragte der Pater, und zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass vor dem Essen (wie auch danach) gebetet wurde. Leider nicht das Vater Unser, was im Übrigen das einzige Gebet ist, das ich kenne.

Ohrenbetäubende Stille

Mein Zimmer war simpel eingerichtet, ein bisschen Krankenhaus, ein bisschen Altersheim, überall waren Griffe montiert, damit man sich sicher durch den Raum bewegen konnte. Ein Bett, ein Schrank, ein kleiner Tisch, ein Stuhl davor, sonst nichts. Kein Telefon, schon gar kein Fernseher. Wer Kinder hat, weiß, wie selten Stille ist. Wer die Stille vergessen hat, weiß, wie bestürzend sie sein kann. Ich saß in meiner Kammer und schwieg. Es gab nichts, womit ich mich ablenken konnte. Draußen regnete es inzwischen. Der Gedankensturm tobte. Und dann, gegen Abend, begann er sich zu legen.

Im Kloster ist das Leben streng getaktet. Fünfmal am Tag wird gebetet, dreimal am Tag gibt es Essen. Dazwischen kann man tun, was man möchte. Manche entschieden sich für das Weiterbeten. Ich entschied mich für das Spazierengehen. Der Starnberger See lag direkt vor der Tür. Ich fütterte stundenlang Enten, nur mit dem Unterschied, dass mir niemand die Brottüte aus der Hand riss, um sich die Hälfte der Kanten selbst in den Mund zu stopfen, während der andere Dinge rief wie: "Mama, guck mal, ich kann hier an der Kaimauer auf einem Bein balancieren!" Die Nächte waren still und ungestört.

Ich versuchte, mir ein bisschen Arbeit zu besorgen. Schwester Elisabeth schüttelte bedauernd den Kopf. "Zur Arbeit lassen wir nur die Langzeitgäste." Also nichts mit ora et labora. Meine sieben Tage qualifizierten mich gerade mal zum Essen und Mitbeten, eine Tätigkeit, der ich widerwillig nachkam, weniger aus mangelndem Glauben als vielmehr aus alberner Furcht, als Nichtchristin aufzufliegen. Ich mochte nämlich gar nicht mehr reden und schon gar nicht diskutieren, ich wollte schweigen und einfach nur da sein.

Nach ein paar Tagen war der graue Schleier weg und ich konnte wieder klar sehen. Ich beglückwünschte mich zu dem fabelhaften Leben, das ich führen durfte. Gratulierte mir zu zwei herrlichen Kindern. Klopfte mir auf die Schulter, weil ich doch alles hinbekam. Und als ich die zwei Kerle nach sieben Tagen vollkommener, ach was: göttlicher Ruhe wieder in Empfang nahm, war der Lärm ohrenbetäubend. Wie hatte noch Schwester Agnes gesagt? "Wenn man lebt und liebt, dann muss es auch mal laut sein. Wahrhaft jubeln kann man nicht gut im Stillen."