Jörg Züfle

Sehen, was andere nicht sehen

Neulich war eine Frau vom Bezirksamt da. Sie wolle doch mal sehen, wie er so allein zurechtkomme in seiner Wohnung.

Jörg Züfle hat sie zielsicher in die Küche gelotst und ihr einen Kaffee gekocht. Er hätte gerne ihr Gesicht gesehen, als er ihr erst den Kaffee servierte und sie dann fragte, ob sie ihn mit oder ohne Milch trinke. Jörg Züfle ist blind, so lange er zurückdenken kann. Er hat ihre Blicke gespürt. Sie hat ihn angeschaut, wie man jemanden mustert, von dem man denkt, er könne keinen Fuß vor den anderen setzen, ohne sich in Lebensgefahr zu bringen.

Die Frau vom Bezirksamt schrieb sich dieses und jenes auf. Am Ende sagte sie, in Steglitz gebe es ein Blindenheim. Ob er mal überlegt habe, ob er dort nicht besser aufgehoben wäre?

Jörg Züfle, 39 Jahre alt, ist ein ruhiger Typ. Er drückt Fremden lange die Hand, um sich ein Bild von ihnen zu machen. Er trägt Sonnenbrille. Sein durchtrainierter Körper steckt in einer schwarzen Lederhose und einem T-Shirt mit der Aufschrift "Underdog". Er trägt es trotzig wie ein Credo. Es spricht aus, was andere über ihn denken.

Von der Frau vom Bezirksamt hat er nichts mehr gehört. Er sagt, er habe ihr freundlich zu verstehen gegeben, er, Jörg Züfle, ausgebildeter Kaufmann, würde eher durch den Ärmelkanal schwimmen, als seine Wohnung aufzugeben. Er denke gar nicht daran, in ein Heim zu ziehen. Jetzt nicht und in Zukunft nicht und überhaupt nie, basta.

Er sagt, er habe solche Momente schon häufiger erlebt. Momente, in denen ihn andere ganz anders sahen als er sich selbst. Damals, als ihm seine erste Freundin im Urlaub auf Lanzarote eröffnete, es gebe da jemand anderen in ihrem Leben, und hinzufügte: "Ich brauche einen Mann, kein Sensibelchen." Damals, bei der Pleite mit dem Job, der ihm den Kick gegeben hatte, seine Heimat im Schwarzwald endlich hinter sich zu lassen und nach Berlin zu ziehen. In die Stadt, die ihn schon als Teenager fasziniert hatte, weil es an jeder Ecke anders roch. Ein Vertrieb von Druckerpatronen hatte ihn als Call Center Agent eingestellt. Jörg Züfle kann gut reden. Er soll Toner und Druckerpatronen verkaufen. Es sind gebrauchte Kapseln, die billig wieder aufgefüllt und als Premium-Produkte angeboten werden. Er findet das zufällig heraus und stellt den Geschäftsführer zur Rede. Die Firma setzt ihn vor die Tür. Seither lebt Jörg Züfle von Hartz IV.

Das ist ein Thema, über das er nicht gern redet. Dem Staat auf der Tasche zu liegen ist ihm peinlich. Er würde lieber arbeiten. Er verdient sich mit Gelegenheitsjobs etwa dazu. Zum Beispiel posiert er als Nacktmodell für eine Zeichenschule, zwanzig Euro die Stunde. Scham, nein, Scham empfinde er dabei nicht, sagt er. "Vielleicht komme ich so an einen Job heran. Man muss alles probieren." Mit dem Geld finanziert er sich seine Besuche im Solarium. Er streicht sich über das gebräunte Kinn. Man darf sich Jörg Züfle als einen Menschen vorstellen, der gern in den Spiegel schauen würde, wenn er könnte.

Bekannten hat seine Geradlinigkeit imponiert. Sie haben ihn für den Biografiewettbewerb "Was für ein Leben!" vorgeschlagen. Er hat sein Leben schon mal aufgeschrieben, auf 151 Seiten. Es fängt an mit einer Bilderbuchkindheit auf dem Bauernhof - mit Kühen, Pferden und drei Schwestern. Seine Mutter weint viel. Sie kann sich nicht verzeihen, dass sie ihn und seine Zwillingsschwester nach der Geburt in jenen Brutkasten gegeben hat, den er blind und die Schwester gesund wieder verlässt. Sein Vater bringt ihm Schwimmen und Skifahren bei und steckt ihn in den örtlichen Kindergarten. Vielleicht verdankt er ihm, dass er den Glauben an sich nie aufgegeben hat.

Das Buch endet mit einem Traum: Jörg Züfle würde gern als Werbetexter arbeiten. Seine Slogans aus der Sicht von Blinden haben PR-Leute aufhorchen lassen, große Konzerne haben ihn schon zum Vorstellungsgespräch eingeladen, sein Jobberater kann das bestätigen.

Warum es nicht geklappt hat, kann er sich auch nicht erklären. Vielleicht ist die Zeit noch nicht reif für einen, der Dinge sieht, die andere nicht sehen.

"Ich würde eher durch den Ärmelkanal schwimmen, als meine Wohnung aufzugeben"

Jörg Züfle, Kaufmann, 39, blind