Interview

"Der Wert des Lebens steigt mit der Zahl der Schicksalsschläge"

Seit 2006 veranstaltet die Berliner Firma ad.eo Filmbiographien den Wettbewerb "Was für ein Leben!" Wer eine bewegende Geschichte hat, kann einen Film über sein Leben gewinnen. Das Besondere liege oft im Alltäglichen, sagt ad.eo-Mitbegründerin Angelika Brötzmann. Die Wettbewerbschefin ist selbst Filmemacherin.

Mit ihr sprach Antje Hildebrandt.

Berliner Morgenpost: Frau Brötzmann, als Fernsehreporterin haben Sie jahrelang Prominente aus der Liga "Brangelina" interviewt. Was reizt Sie daran, das Leben von Menschen zu verfilmen, die nicht im Rampenlicht stehen?

Angelika Brötzmann: Ich finde solche Menschen einfach authentischer als Leute, die vorrangig damit beschäftigt sind, vor Paparazzi zu fliehen. Es ist einfach unglaublich und aufregend, was einige Teilnehmer erlebt haben. Bei vielen Geschichten wird so mancher Promi vor Neid erblassen.

Berliner Morgenpost: Wer bewirbt sich bei dem Wettbewerb?

Angelika Brötzmann: Die Spanne reicht von einem Transsexuellen aus der bayrischen Provinz, der sich im Alter von 60 Jahren zur Frau umoperieren ließ, bis zu einem Hitlerjungen aus Görlitz, der wegen eines banalen Deliktes fünfundzwanzig Jahre lang in einem sowjetischen Arbeitslager interniert wurde. Als er das erste Mal Klopapier bekommt, stellt er fest: Es ist eine Bibel. Statt sich den Po damit abzuwischen, liest er sie und wird religiös. Später wird er Chirurg. Es sind teilweise unglaubliche Stehaufgeschichten, die über unseren Schreibtisch gehen. Man lernt: Der Wert des Lebens steigt mit der Zahl der Schicksalsschläge.

Berliner Morgenpost: Welche Voraussetzungen muss man erfüllen, um den Wettbewerb zu gewinnen?

Angelika Brötzmann: Eigenes Filmmaterial aus verschiedenen Lebensphasen ist toll, aber keine Bedingung. Die bisherigen Gewinner hatten alle keine Super-Acht-Filme im Schrank. Wichtiger ist eine spannende Geschichte - und die Fähigkeit, diese kritisch zu reflektieren. Dazu brauchen wir Menschen, die in der Lage sind, im Alltäglichen das Besondere zu sehen und das auch zu schildern.

Berliner Morgenpost: Verfilmungen von Lebensgeschichten kann man bei Ihrer Firma auch kaufen. Warum wird dieses Angebot bislang kaum genutzt?

Angelika Brötzmann: So ein Film kostet 2000 bis 15 000 Euro. Das Gros der Menschen, die sich in diesem Jahr bei dem Wettbewerb beworben haben, könnte sich das nicht leisten. Und bei den Menschen, die das nötige Geld hätten, ist es so: Denen wäre es peinlich, sich einen solchen Film selbst zu schenken. Sie wären aber beglückt, wenn ihre Kinder sie damit überraschen würden.

Berliner Morgenpost: Ghostwriter für Autobiografien können sich vor Aufträgen kaum retten. Warum kommt das Geschäft mit dem Film nur schleppend in Gang?

Angelika Brötzmann: Bücher kann man notfalls selbst schreiben. Man hat die Kontrolle über sein Lebenswerk in der Hand. Das ist beim Film natürlich anders. Da kommt ein ganzes Team ins Haus. Wer das noch nicht erlebt hat, dem ist das wahrscheinlich suspekt. Viele fühlen sich vielleicht in ihrem Alter auch nicht mehr attraktiv genug, um vor die Kamera zu treten. Es ist meiner Ansicht nach aber nur noch eine Frage der Zeit, bis die Branche boomen wird. Langsam wächst die Generation nach, die mit audiovisuellen Medien und dem Internet groß geworden ist.