Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen

Guck mal, was da flimmert

Wann darf wie viel Gewalt und Sex ins Fernsehen? Ein Besuch bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSK)

Wenn um 19 Uhr das Sandmännchen die Kleinsten ins Bett gesäuselt hat, verspricht das TV-Programm drei Sendeplätze weiter bunte Urlaubsbilder. "Die verrücktesten und schönsten Geschichten der Deutschen an ihren Lieblingsurlaubsorten" flimmern durchs Wohnzimmer. Klingt kindertauglich. Es folgen Szenen, in denen ein junges Paar seinen Urlaub zwischen Pool und Bier verbringt, bis die Mutter der Gattin eintrifft. Die rekelt sich alsbald im Tanga vor dem Schwiegersohn und gurrt in osteuropäischem Akzent: "Du weißt genau, was ich brauche." Der gesteht in einem einmontierten Kommentar: "So ein heißes Gerät! - Ich hätte sie am liebsten gleich im Frühstücksraum vernascht."

Kontrolliert denn keiner, was zu welcher Zeit über die Mattscheibe flimmert? Bei Kinofilmen und DVDs erhalten Eltern über die Etiketten der "Freiwilligen Selbstkontrolle Film - FSK" Hinweise, von welchem Alter an das Format für Kinder und Jugendliche unschädlich ist. Beim Fernsehen fehlt diese Warnung vor Sex & Crime - zumindest auf den ersten Blick. Denn auch die Filme für das Fernsehen werden kontrolliert. Die 26 deutschen Privatsender führen eine aufwendige Selbstzensur durch, die in den Händen der "Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen e.V. - FSF" liegt. Claudia Mikat ist eine von zwei hauptamtlichen Vorsitzenden der Prüfungsausschüsse bei der FSF. Wenn die studierte Medienpädagogin oder ihre 102 Kollegen beruflich fernsehen, ist "das Ziel der Prüfungen der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Sendungen, die geeignet sind, ihre Entwicklung oder Erziehung zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten zu beeinträchtigen oder zu gefährden". Das auf die bunte Bilderwelt zu übertragen, ist eine heikle Aufgabe. Die Kinokontrolleure lösten mit ihren Altersangaben gerade mal wieder eine hitzige Debatte aus. Darf man etwa Kindern Gruppensexszenen in Swinger-Clubs zeigen? Der Film "Elementarteilchen" tut dies und wurde dennoch von der FSK für Zwölfjährige freigegeben.

Die TV-Controller teilen die Sendungen nach der Zeit der Ausstrahlung ein. Je mehr Sex und Gewalt zu sehen sind, desto später wird gesendet. Die Systeme der Selbstkontrolle haben sich herausgebildet, weil es keine staatliche Zensur von Medien geben soll und darf. Aber immer wieder wird heftig gestritten, ob die Einstufungen sachgerecht sind. Bei der FSF in Kreuzberg stehen gerade die Urlaubsabenteuer der Deutschen auf dem Prüfstand. Freilich erst nachdem Zuschauer sich beschwert hatten. Die Sender sollen zwar alle Formate vorab vorlegen, aber sie tun es nicht immer.

Ehrenamtliche prüfen Filme

Im Prüfraum sitzt geballte Medien- und Jugendkompetenz. Die heutige Vorsitzende Tatjana Trögel ist Journalistin, betreute Jugendprojekte und gutachtet seit Jahren für die FSF. Wie ihre sechs Mitseher. Die stammen aus den Bereichen Medien, Pädagogik oder Theologie, sitzen in Auswahlkommissionen für die Berlinale oder den Grimme-Preis oder betreuen Jugendprojekte. Die sieben Ehrenamtlichen schauen in nüchternem Büroambiente auf einem Großgerät zu, wie ein TV-Vater seiner 15-jährigen Tochter Dosenbier anbietet. Sie notieren Beschimpfungen, die schon Dieter Bohlen Bußgelder eintrugen. Ein Prüfer schiebt die Brille hoch und reibt sich die müden Augen.

Auch wenn er nicht mehr mag, hier ist Hinschauen Pflicht: "Manchmal freue ich mich auf die Werbepause." Nach 44:15 Minuten endet die Urlaubs-Episode. Eine kontroverse Diskussion beginnt.

Jede Szene wird seziert. Ein Prüfer findet die "angeschnittene Thematik der Pubertät spannend und für Jugendliche angemessen." Das mit dem Bier bei der 15-Jährigen gehe natürlich nicht. "Auf der Tonebene" gebe es "verbale Entgleisungen", die aber "nicht nachhaltig desorientierend" seien. "Auf der Bildebene" passiere "nichts Wesentliches, die sexuellen Andeutungen werden nicht ausgeführt", fasst ein weiterer FSFler zusammen.

Ein Medienprofi plädiert für "Tagesprogramm", weil die Figuren zu überzeichnet seien, um überhaupt zur Identifikation und damit Werteentwicklung einzuladen. Er ahnt, dass er mit dieser Haltung allein dasteht. Die Mehrheit der TV-Weisen urteilt, "dass Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren durch die Sendung dem Risiko einer sozialethischen Desorientierung ausgesetzt sind". Die Episode wird ins Spätabendprogramm verbannt. Andere Serienteile sollen ab 20 Uhr ausgestrahlt werden. Hält sich der Sender nicht an die Auflage, drohen Bußgeldzahlungen.

Während die Trögel-Kommission noch abstimmt, berät die Mikat-Gruppe nebenan nur kurz, ob das geplante US-Bulimie-Drama "wegen des realen Familienschicksals Angstinhalte transportiert". Beim beantragten Sendeplatz von 22 Uhr gibt es keine Probleme. Umstritten ist das nächste Prüfobjekt. Für einen Blockbuster mit Will Smith (von der FSK ab 16 Jahre freigegeben) beantragt der Sender den eigentlich unzulässigen 20-Uhr-Programmplatz. Jetzt wird szenenweise solange Gewalt und Sex gekürzt, bis das angestrebte Hauptabendprogramm erreicht ist. Ein Balanceakt zwischen vermuteter Medienkompetenz der Heranwachsenden und schleichender Verrohung.

Die FSF-Kontrolleure können den jungen Zuschauern zwar Einiges ersparen, aber trotzdem sollten die Eltern den Medienkonsum ihrer Kinder begleiten. Im Zweifel gilt: mitgucken, mitreden, umschalten - und auch ausschalten.