Ernährung

Fleisch - nein danke!

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Annette Kuhn

Vegane Ernährung ist umstritten - eine Berliner Familie erzählt, wie sie ganzg ohne tierische Produkte lebt

Gerade kommen sie vom Mittagessen aus einem Fastfood-Restaurant. Für Sohra Behmanesh gab es ein Gyros-Wrap, für ihren Freund Oliver Huber Nuggets. Ihr einjähriger Sohn Levi knabberte derweil an einer Pizza. Also ganz normale Fleischesser? Mitnichten. Die 30-jährige Sohra und der drei Jahre jüngere Oliver leben vegan und wollen auch ihren Sohn entsprechend erziehen. Kein Fleisch, keine Milchprodukte, keine Butter, kein Fisch und keine Eier. Aber nicht nur auf dem Speiseplan der Familie wirkt sich das aus. Vegan zu leben bedeutet mehr als Ernährung. Das Paar kauft auch keine Lederschuhe, keine Wollpullis, keine Kosmetik, die an Tieren getestet wurde. Und die beiden gehen mit ihrem Sohn auch nicht in den Zirkus. "Alles, wofür Tiere leiden, versuchen wir zu vermeiden", erklärt Informatiker Oliver. Bleibt dann überhaupt etwas übrig? "Klar, man kann alle Gerichte veganisieren", sagt Sohra pragmatisch, und Oliver ergänzt: "Vegan zu leben ist wesentlich einfacher, als man es sich vorstellt."

Seit 16 Jahren wird im November der Weltvegantag gefeiert. Veganismus ist wohl die radikalste Ausprägung vegetarischer Ernährung. Im Gegensatz zur ovo-lacto-vegetarischen Kost, bei der lediglich Fleisch- und Fischprodukte ausgeschlossen werden, nicht aber Eier und Milch, verzichten die Veganer auf jegliche tierische Produkte. Nur wenige Vegetarier entschließen sich jedoch zu diesem Schritt. Nach Schätzungen der Nationalen Verzehrstudie liegt der Anteil der Veganer in Deutschland bei weniger als 0,1 Prozent, Vegetarier insgesamt machen nach ihrer Berechnung hingegen 1,6 Prozent aus. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung schätzt die Zahl der Vegetarier sogar auf 5,5 Millionen Deutsche, das entspricht 6,7 Prozent der Bevölkerung. Wie viele von ihnen Veganer sind, wird dabei nicht erfasst.

Tofu, Seitan und Soja gibt es überall

Oliver Huber wurde zunächst Vegetarier. Er hatte als Jugendlicher einen Bericht über Fischfang gelesen, danach konnte er kein Fleisch mehr essen. Sein älterer Bruder schloss sich ihm gleich an, die Eltern unterstützen die Söhne in ihrer Entscheidung. "Zwei Jahre später wollte ich dann ganz auf tierische Produkte verzichten", erinnert sich Oliver Huber und wurde Veganer. Bei Sohra Behmanesh dauerte es hingegen Jahre, bis ihre Familie ihre Entscheidung, vegan zu essen und zu leben, wirklich akzeptierte. Die gebürtige Afghanin entschloss sich vor elf Jahren dazu. Damals engagierte sie sich während des Kosovokrieges als Friedensaktivistin und sagte sich irgendwann: "Wenn ich gegen Gewalt bin, dann auch gegen Gewalt gegen Tiere." Leicht gefallen war ihr das erst nicht, weil sie bis dahin am liebsten dreimal am Tag Fleisch gegessen hat, "aber das war für mich dann keine Option mehr". Inzwischen hat sie ihre vegane Lebenseinstellung sogar zu ihrem Beruf gemacht: Sohra arbeitet bei der Tierschutzorganisation Peta.

Ende der 90er-Jahre war die vegane Ernährung allerdings noch schwieriger zu realisieren als heute. Sohra kommt aus einer Kleinstadt, da gab es überhaupt nur in einem Laden Sojamilch, "und die schmeckte auch noch furchtbar". Heute, in Zeiten, wo Biosupermärkte zum alltäglichen Straßenbild gehören, sei es gar kein Problem mehr, an Tofu, Seitan oder Soja zu kommen. Veganer seien sehr gut vernetzt, und besonders in Berlin könne man in vielen Läden entsprechend einkaufen, außerdem gebe es viele vegane Restaurants. Aber auch in einem nicht-veganen Restaurant haben Sohra und Oliver meist keine Schwierigkeiten, Essen zu bestellen. "Das ist alles Übungssache", sagt Sohra. Und die Lust auf ein Steak? "Ja, die gibt es noch immer, aber dann kann ich ja ein veganes Steak essen - das schmeckt genauso gut."

Auch ihren Sohn Levi wollen Sohra und Oliver vegan ernähren. Er ist 14 Monate alt. Manchmal wird er noch gestillt, aber er isst Brei und gern auch schon mal das, was die Eltern auf dem Teller haben. Vor dem Zufüttern haben sich seine Eltern intensiv mit dem Thema beschäftigt, weil Levi natürlich trotz des Verzichts auf tierische Produkte vollwertig ernährt werden sollte. "Es gibt inzwischen viel Literatur", sagt Levis Mutter, und wenn sie sich ihren propperen Sohn mit seinen rosigen Wangen ansieht, dann ist sie überzeugt, dass eine vegane Ernährung auch für Babys gut ist.

Ärzte und Ernährungsexperten sind dennoch skeptisch. Die meisten raten vor allem von einer veganen Ernährung für Schwangere und Kinder ab, weil sie fürchten, der Nährstoffbedarf könne ohne tierische Produkte nicht ausreichend gedeckt werden. Immer wieder wird von Fällen berichtet, bei denen vegan ernährte Kinder mit gravierenden Mangelerscheinungen ins Krankenhaus eingeliefert werden und die behandelnden Ärzte deren Ernährungsweise als Ursache in Betracht ziehen. Levis Eltern absolvieren aber jede vorgeschriebene Untersuchung mit ihrem Sohn, und die Kinderärztin bestätigt den Eltern, dass ihr Sohn völlig gesund ist und sich altersentsprechend entwickelt. Sohra betont: "Wenn ich auch nur den geringsten Zweifel hätte, dass es nicht gut ist für meinen Sohn, dann würde ich ihn doch nicht vegan ernähren." Die Beispiele von vegan ernährten Kindern mit Mangelerscheinungen sind aus ihrer Sicht Einzelfälle - außerdem gebe es auch viele Kinder, die mit einer fleischhaltigen Kost mangelhaft ernährt werden.

Eigenes Essen in der Kita

Inzwischen geht Levi auch schon in die Kita. Eine vegane Kita gibt es in Berlin nicht, Sohra Behmanesh hatte sogar schon überlegt, selbst eine aufzumachen. Aber dann haben sie eine Kita gefunden, die zwar Mischkost, also auch mit Fleisch, anbietet, die aber bereit war, sich auf Levis Ernährungsweise einzustellen. Immerhin ist auch eine Erzieherin dort Veganerin. Die Kita wird von einem Caterer beliefert, der für Levi nun immer ein spezielles Essen bringt.

Auch wenn er irgendwann einmal zum Kindergeburtstag eingeladen wird, bei dem Würstchen, Buletten und Kuchen mit Butter und Eiern meist zur Basisernährung gehören, wollen Levis Eltern ihrem Sohn eine Box mit Seitan-Würstchen oder veganem Kuchen mitgeben. Und wenn andere Kinder Milchschokolade bekommen, dann hat Levi eben seine eigenen Süßigkeiten. Dass ihr Sohn dadurch isoliert werden könnte, glaubt Sohra Behmanesh nicht. "Ob ein Kind gemobbt wird, ist doch eine Frage der Persönlichkeit, nicht der Gewohnheiten." Wichtig ist ihr, dass Levi lernt, selbstbewusst mit seiner veganen Ernährung umzugehen. Und sie will ihrem Sohn einen Bezug zu Tieren zu vermitteln: "Alle Kinder mögen Tiere. Wenn sie hören, dass das Schnitzel von einem Kalb kommt, dann essen sie es meist ohnehin nicht mehr."

Sohra Behmanesh ist aber schon klar, dass Levi auch mal vergessen wird, dass er Veganer ist, zum Beispiel wenn ihm auf dem Spielplatz ein Keks geschenkt wird, der möglicherweise Ei enthält. Das ist für sie auch kein Problem. "Allerdings wundere ich mich schon, was die Leute fremden Kindern so alles in die Hand drücken. Man weiß doch nie, ob ein Kind bestimmte Unverträglichkeiten hat", gibt sie zu bedenken. Jedenfalls würde sie einschreiten, wenn jemand Levi ein Würstchen geben will.

Das Paar will seinem Sohn jedoch kein veganes Leben aufzwingen. Sohra und Oliver sind zwar zuversichtlich, dass sie Levi von ihrer Lebensweise überzeugen können, "aber wir werden ihn später seine eigene Entscheidung fällen lassen", sagt Oliver. Solange es seine Eltern aber beeinflussen können, wird der Junge an einer Pizza mit Sojakäse statt mit Salami knabbern.