Frauen in Führungspositionen

Ein Leben zwischen Chefetage und Kinderzimmer

Virpy Richter kümmert sich nicht um alte Rollenbilder. Eine Studie zeigt, wie die Deutschen Frauen in Führungspositionen sehen

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Wenn Virpy Richter morgens in die Firma in der Kreuzberger Bergmannstraße kommt, gilt ihr erster Blick nicht dem Computer, sondern ihren Mitarbeitern. Den "Guten-Morgen-Rundgang" durch die angrenzenden Büros hat sie sich zum Pflichtprogramm gemacht. Virpy Richter arbeitet in der Geschäftsleitung bei MyToys.de und ist zuständig für die Finanzen und das Auslandsgeschäft des Spielwarenhändlers mit 380 Mitarbeitern. "Es ist mir wichtig, Stimmungen aufzunehmen und nachzuhaken, wenn ich Probleme spüre", sagt die 39-Jährige. "Auch wenn sie privater Natur sind. Denn Belastungen im Privatleben beeinträchtigen ja auch das Dienstliche."

Verständnis haben, Probleme offen ansprechen, Rücksicht nehmen: Das sind Eigenschaften, die hierzulande als typisch weiblich gelten. Auch im Berufsleben, wie eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD) zeigt, die am gestrigen Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Unter dem Motto "Typisch Frau, typisch Mann?" untersuchten die Meinungsforscher im Auftrag von Jacobs Krönung und in Kooperation mit "Bild der Frau" die Kommunikations- und Führungsstile beider Geschlechter - so, wie sie sich im Klischee und in der Wirklichkeit darstellen.

Mitarbeitern zuhören

Das Ergebnis: 46 Prozent der Befragten glauben, dass sich Frauen als Vorgesetzte anders verhalten, insbesondere was die Fähigkeit zur Empathie angeht. Gefragt nach den persönlichen Erfahrungen, beschrieben die 1852 Teilnehmer der Studie Frauen in Führungspositionen jedoch kaum anders als Männer. So sagten 67 Prozent, ihre weibliche Vorgesetzte habe "ein offenes Ohr für Mitarbeiter". Doch sagten auch 57 Prozent, dies treffe auf ihre männlichen Chefs zu. Die Beschreibung "Tritt sehr bestimmt auf" wurde zwar eher den männlichen Vorgesetzten zugeordnet (50 Prozent der Befragten). Doch ist der Vorsprung äußerst knapp: 46 Prozent sagten, dass dies genauso auf die weiblichen Führungskräfte zutrifft. "Offenbar hat ein Denkwandel stattgefunden", kommentierte Prof. Dr. Renate Köcher vom Allensbacher Institut das Ergebnis der Studie: Bemerkenswert sei, dass 57 Prozent der Beschäftigten angaben, es sei ihnen egal, ob ihr Chef männlich oder weiblich sei. "Und das, obwohl der Großteil der Arbeitnehmer an männliche Vorgesetzte gewöhnt ist."

Auch Virpy Richter kann sich nicht daran erinnern, dass ihr jemals Vorbehalte entgegengebracht wurden, nur weil sie als Frau im Chefsessel sitzt. Sie schreibt dies zum einen der Tatsache zu, dass ihre Mitarbeiter sehr jung sind und überwiegend Geschlechtsgenossinnen: 280 der 380 Angestellten bei MyToys.de sind weiblich, der Altersdurchschnitt beträgt 33 Jahre. "Da sind die alten Klischees nicht mehr so präsent", sagt sie. Zum anderen dürfte es aber auch an der Selbstverständlichkeit liegen, mit der die Betriebswirtin ihre Führungsrolle wahrnimmt. "Ich habe früher für längere Zeit in Frankreich und in Holland gearbeitet. Da ist es völlig normal, als Frau viel zu arbeiten - auch wenn man Kinder hat."

Notwendiges Selbstbewusstsein

Diese Erfahrung hat ihr einiges an Selbstbewusstsein gegeben, das sie in Deutschland dringend braucht. Denn Virpy Richter ist nicht nur Vollzeit-Chefin, sondern auch Mutter von drei Kindern: dem achtjährigen Saevin, der vierjährigen Sonsee und dem einjährigen Shay. "Immer wieder werde ich gefragt: 'Oh, leiden denn da die Kinder nicht?' oder: 'Wie geht das überhaupt?'", berichtet Virpy Richter. "Das ist anstrengend, sich immer wieder rechtfertigen zu müssen." Gerade weil es durchaus Tage gebe, an denen sie selbst Zweifel plagten. "Es ist nicht schön, wenn der Achtjährige vor dem Abflug nach Russland weinend in der Tür steht und sagt: 'Mama, fahr nicht!'", sagt sie. In solchen Momenten habe sie schon ein schlechtes Gewissen, nicht so viel Zeit für die Kinder zu haben - auch wenn sie wisse, dass sie gut aufgehoben seien. Virpy Richters Mann ist selbstständig und engagiert sich stark im Familienleben; zudem unterstützt ein Au-Pair-Mädchen die Familie im Alltag und überbrückt die Zeit zwischen Tagesmutter, Kita, Schule und dem gemeinsamen Abendessen der Familie souverän.

Virpy Richter glaubt, dass sich viele Mütter in Deutschland mit der Entscheidung für eine Karriere so schwer tun, weil sie unter Zweifeln leiden, ob sie Job und Familienmanagement gut unter einen Hut bringen können. Eine Sichtweise, die Meinungsforscherin Renate Köcher unterstreicht. "Die Berufstätigkeit von Frauen wird gerade in Westdeutschland noch oft stigmatisiert und als kinderschädigend betrachtet", sagt sie. "Das entmutigt viele Frauen. Wir brauchen eine kulturelle Revolution in den Köpfen - mehr noch als eine Frauenquote."

Allerdings legt die Allensbach-Studie auch nahe, dass sich die Vorstellungen nur langsam verändern. Trotz gleicher Ausbildung und zunehmender Berufstätigkeit von Frauen sind die Welten von Männern und Frauen nach wie vor sehr verschieden. Sport, Autos, Technik, Politik, Wirtschaft, Geld: Das sind die Gebiete, die Männer vor allem interessieren. Demgegenüber rangieren die Themen Familie, Gesundheit, Kinder, Partnerschaft bei den Frauen an vorderster Stelle. Virpy Richter hofft, dass ihr Familienmodell dazu beiträgt, dass ihre Kinder einen neuen Blick entwickeln werden: "Sie merken, dass ihre Mutter gern und viel arbeitet - und sich ihr Vater viel Zeit für die Familie nimmt."