Schule

Einsatz für die deutsche Sprache

Rechtschreibung ist langweilig? Eine Lehrerin und eine Autorin beweisen das Gegenteil

Foto: Marion Hunger

Evelyn Schärer hat eine Mission. Schwungvoll betritt sie Raum 076 der Fritz-Karsen-Schule in Britz. Sie parkt ihren schwarzen Rollkoffer neben dem Pult und lässt den Blick über die 20 Schüler der 11. Klasse schweifen. Neugierig schauen diese die Besucherin an. "Guten Morgen", begrüßt Deutschlehrerin Claudia Styzinski die Klasse und Evelyn Schärer. Dann wendet sie sich den Schülern zu: "Wisst ihr noch, welches Thema heute dran ist?"

Eine Antwort bleibt aus, die Begeisterung auf Claudia Styzinskis Ansage auch. Die Rechtschreibung soll im Mittelpunkt stehen, in den Augen der 16- bis 18-jährigen Jugendlichen nichts anderes als ein Minenfeld. "Die letzte Klausur hat reichlich Lücken aufgezeigt", sagt Claudia Styzinski. "Vor allem Groß- und Kleinschreibung bereiten der Klasse Schwierigkeiten - und die Regeln, wann man Wörter zusammenschreibt und wann getrennt."

Ungeliebtes Handwerkszeug

Evelyn Schärer nickt wissend. Die Berlinerin ist Autorin eines Handbuchs zur deutschen Rechtschreibung - entstanden aus dem Bedürfnis, ihre eigenen Unsicherheiten zu beseitigen und für sich und andere einen Leitfaden zu schaffen. "Zunächst erschien mir das Thema genauso trocken wie Ihnen", wirbt die promovierte Biologin um die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler. "Doch inzwischen ..." Sie habe ein ganz anderes Verhältnis zur Sprache bekommen, ihr Ausdruck sei viel differenzierter geworden, beginnt Evelyn Schärer zu schwärmen.

Die Schüler schauen ungerührt. Mit dieser Reaktion sind sie keine Ausnahme. Zwar empfindet eine Mehrheit der Deutschen Liebe und Stolz für ihre Sprache, hat das Mannheimer Institut für Deutsche Sprache 2009 in einer Studie herausgefunden. "Schön" sei das Deutsche, "anziehend" und "logisch", wenn auch "schwierig". Und fast alle Befragten halten es für wichtig bis sehr wichtig, dass man sich beim Sprechen (92 Prozent) und Schreiben (95 Prozent) sorgfältig ausdrückt und die Rechtschreibregeln beachtet. In der Praxis sieht es jedoch oft anders aus. "Die Rechtschreibung ist ein Stiefkind, selbst bei denen, die sich professionell mit der deutschen Sprache befassen", sagt Dr. Kerstin Güthert, Geschäftsführerin des Rats für deutsche Rechtschreibung. "Rechtschreibung gilt als Handwerkszeug und wird einfach vorausgesetzt." Im Fokus steht sie selten. Höchstens in negativer Hinsicht: Die Reform der Regeln löste in den 90er-Jahren viel Aufregung aus.

Nichtsdestotrotz lassen sich die Schüler der Fritz-Karsen-Schule auf eine Diskussion ein, wie wichtig die Rechtschreibung für sie selbst ist. "Beim Chatten achte ich nicht drauf", sagt Nicolai. Maximilian nickt: "Es soll ja vor allem schnell gehen", findet er. Und wenig kosten: "Wenn ich beim SMS-Schreiben die Kommas weglasse, ist das kürzer und spart bares Geld", betont Silvio. Allerdings sind sich die Schüler auch bewusst, dass im Unterricht etwas anderes von ihnen erwartet wird. "Wenn ich was für die Schule mache, achte ich schon drauf, ob alles richtig ist", sagt Maximilian. Auch Kati und Nico unterscheiden zwischen "privat" und "offiziell". "Meine Freunde verstehen mich auch so, aber in der Schule soll es doch möglichst fehlerfrei sein", sagt Nico.

Evelyn Schärer hält diese Differenzierung für bedenklich: Wer die meiste Zeit nachlässig mit Schreibweise und Zeichensetzung umgehe, dem falle möglicherweise das Umschwenken schwer. Umso begeisterter ist sie, dass die Schüler im Austausch immer mehr Gründe finden, warum eine korrekte Rechtschreibung gar nicht so übel ist. "Wenn ein Satz meterlang ist, versteht man ihn gar nicht, wenn das Komma fehlt", sagt Silvio. "Im Beruf ist sie wichtig, damit man seriös rüberkommt", findet Sarah. Kati berichtet von ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau: "Ich musste Briefe und Bewerbungen durchschauen und war erstaunt über die vielen Fehler", erzählt sie. "Das ist doch peinlich!" Evelyn Schärer schaltet sich erneut ein. "Fragt man sich, ob der Inhalt stimmt, wenn nicht mal die Form richtig ist?" Kati meint: "Auf jeden Fall." Und es sei auch ein Zeichen von Wertschätzung, sich um die Rechtschreibung zu bemühen.

Nach Ansicht von Kerstin Güthert sind fehlergespickte Dokumente jedoch nicht die Regel. Ein Test, den der Rat für deutsche Rechtschreibung 2009 bei Schülern der 9. Klasse durchgeführt habe, sei besser als erwartet ausgefallen. "Die Schüler verfügen über eine viel bessere Sprachintuition als gemeinhin angenommen", heißt es in der Auswertung. In einigen Fällen sei die Materie einfach wirklich schwierig. "Das geht auch Erwachsenen so", sagt Kerstin Güthert milde. Sie empfiehlt, sich die Rechtschreibung über viel Lesen und Üben anzueignen. "Es geht weniger darum, Regeln zu pauken, als Wortbilder im Kopf abzuspeichern."

Viel Schreiben und Lesen hilft

Die Schüler der Fritz-Karsen-Schule erzählen, dass es ihnen sehr geholfen habe, wenn die Eltern mit ihnen zu Hause schon früh Schreibübungen gemacht und Lesen trainiert hätten. "Ich hatte zum Glück eine gute Grundschullehrerin und Interesse an Sprache", sagt Dilara. Silvio erzählt, wie ihn sein erster eigener Füller angespornt habe, das Schreiben zu üben. "Hier lesen wir viel", sagt Lehrerin Claudia Styzinski, die zugleich auch die Fachbereichsleiterin an der Schule ist. "Zudem versuche ich, die Schüler mit ansprechenden Übungen zu gewinnen, Rätseln zum Beispiel."

Evelyn Schärer feuert die Jugendlichen an, am Ball zu bleiben. "Am Anfang steht die Entscheidung: Ich will es richtig machen", betont sie. Bevor sie aus ihrem Rollkoffer einige Exemplare ihres Handbuchs zieht, bittet sie die Schüler noch um Unterstützung. Sie sollen einen Slogan entwickeln, der den Menschen den Wert der Rechtschreibung näherbringt. "Rechtschreibung hinterlässt Eindruck", dichtet Timo. Silvio skizziert einen roten Tintenfleck auf ein Blatt, schreibt darunter: "Lasst unsere Rechtschreibung nicht ausbluten!" Kenan und Vinieth versuchen es mit Abschreckung: "Rechtschreibung iß wischtisch", lautet ihr Spruch.

Evelyn Schärer sieht glücklich aus, Claudia Styzinski schaut stolz. Und dann bekommen die beiden ein Lob zurück. "Das Thema Rechtschreibung hing mir zum Hals raus", sagt Nico. "Doch wenn wir hier so drüber reden, interessiert mich das. Die Stunde war besser als der Deutschunterricht in der ganzen 10. Klasse."