Etikette-Seminar

Benehmt euch mal!

Der Tag beginnt mit einer Rüge. "Nur ein einziger von Euch hat mich begrüßt", sagt Uwe Fenner streng zu den knapp zwanzig jungen Männern, die sich zu einem Etikette-Training in den Räumlichkeiten des Christlichen Jugenddorfwerks (CJD) in Kreuzberg versammelt haben.

"Wenn man einen Raum betritt, dann sagt man "guten Morgen", "guten Tag" oder "guten Abend" - und zwar ausnahmslos", erklärt der Trainer weiter. "Das ist eine Selbstverständlichkeit."

Uwe Fenners Zuhörer sind Teilnehmer so genannter berufsvorbereitender Bildungsmaßnahmen. Einige der Jugendlichen haben den mittleren Schulabschluss oder den Hauptschulabschluss erreicht, andere haben die Schule vorzeitig verlassen. Ihre Gemeinsamkeit: Keiner von ihnen hat bislang einen Ausbildungsplatz gefunden. "Die meisten der Jugendlichen haben gerade eine längere Null-Bock-Phase überwunden und wollen jetzt endlich durchstarten", sagt Karoline Botta, Ausbilderin beim CJD.

Innerhalb eines Jahres werden die Jugendlichen in praktischen Übungen auf eine Ausbildung vorbereitet, außerdem sollen in dem Zeitraum schulische Wissenslücken geschlossen werden. Auch ein umfassendes Bewerbungstraining, zu dem auch das eintägige Etikette-Seminar gehört, steht auf dem Lehrplan des einjährigen Schulungsprogramms des CJD.

Fest in die Augen schauen

"Wozu sind Höflichkeit und Respekt gut? Warum sollte man freundlich sein?", fragt Fenner in die gelangweilt wirkende Runde. Keine Antwortet. Fenner muss selbst ran. "Wer höflich und respektvoll mit anderen umgeht, kommt besser an. Ich bin hier, damit ihr später bei einem Vorstellungsgespräch gegenüber anderen Bewerbern einen Vorteil habt."

Die Sache mit der Begrüßung wird ausgiebig geübt. Fenner geht zum Tisch, an dem die Jugendlichen sitzen, und schüttelt dem Ersten die Hand. Der sagt zwar artig "Guten Tag", bleibt jedoch sitzen, lässt den Kopf hängen und schaut an Fenner vorbei. Fenner schüttelt den Kopf. "So nicht", sagt er. "Man steht langsam auf, schiebt den Stuhl leise nach hinten und macht erst einmal den Rücken gerade, dann reicht man seinem Gegenüber die Hand und sieht ihm fest in die Augen."

Oft ist Fenner überrascht, wie wenig die Jugendlichen wissen. "Dabei ist das hier das kleine Einmaleins des Umgangs miteinander", sagt er, "aber in den Familien spielt das offenbar gar keine Rolle mehr." Den Jugendlichen könne man deshalb auch gar keine Vorwurf machen. "Sie haben keine Vorbilder mehr", sagt er. "Eigentlich müsste man die Eltern und die Lehrer schulen."

Ein Junge in dunklem Pullover erzählt, dass er gern eine Ausbildung als Elektriker anfangen würde. Wie genau er das anstellen will, weiß er nicht. Auch die anderen haben keine Idee, wie sie sich einem potenziellen Arbeitgeber gegenüber Verhalten sollten.

Fenner simuliert also ein Vorstellungsgespräch: "Guten Tag, hier ist die Firma Meyer. Mit wem spreche ich?", sagt er. "Ich möchte mich für einen Ausbildungsplatz bewerben", sagt der jugendliche Anrufer. Fenner will wissen, welche Vorkenntnisse bereits bestehen. "Ich, äh, habe eine Maßnahme gemacht", sagt der Junge darauf stockend. "Eine Maßnahme?", fragt Fenner, darunter kann sich doch niemand etwas vorstellen." Der Junge atmet durch, sagt: "Eine berufsvorbereitende Maßnahme beim CJD..."

Die Sache fängt an, den Jungs Spaß zu machen. Auch, wenn ihnen nicht alle Ratschläge Fenners einleuchten. Zum Beispiel der, vor einem Bewerbungsgespräch lieber sein Gesichts-Piercing zu entfernen. "Das ist doch Blödsinn", sagt einer der Jungs, "wenn man die Lehrstelle antritt, macht man es ja sowieso wieder rein!"

Fenner lächelt geduldig. Provozieren lässt sich der Benimm-Experte grundsätzlich nicht. Er schaut in die Runde, ein Junge gähnt mit weit offenem Mund. "Halte dir bitte die Hand vor", sagt er. Der Junge zuckt mit den Schultern. Dann sagt er: "Rülpsen finde ich aber schlimmer." Fenner schaut ihn einen Moment an. "Man kann sich natürlich immer noch schlechter benehmen", sagt er dann. Der Junge schweigt.

Fenner geht zum nächsten Programmpunkt über: das gemeinsame Mittagessen. Der schmucklose Seminarraum wird dazu mit Tischdecken und gefalteten Servietten in ein Restaurant verwandelt. Eine Gruppe von Mädchen und Jungen, die gerade eine berufsvorbereitende Maßnahme im Bereich Hotel, Gaststätte und Hauswirtschaft absolvieren, serviert ein selbst gekochtes Drei-Gänge-Menü. Fenner erklärt, welche Gläser für welche Getränke geeignet sind. Dann weiter: "Den Löffel nimmt man in die rechte Hand, wenn man eine Suppe isst, die linke Hand liegt bis zum Knöchel auf dem Tisch."

Im Praktikum angeeckt

Ein bisschen eingeschüchtert sitzen die Jugendlichen vor ihren Tellern. Plötzlich stehen mehrere auf und wollen den Raum verlassen. "Wo wollt ihr denn hin", fragt Fenner, "Den Tisch darf man nur während einer Essenspause verlassen." Ein Junge kontert schnippisch: "Aber wenn man pullern muss?" Großes Gelächter. Fenner bleibt ernst. "Das kann man dann auch vorher erledigen."

Ein 18-Jähriger hört besonders aufmerksam zu. Er will gern etwas lernen, sagt er. "Gut, dass man mal alles gezeigt kriegt." Er sei mit seinem Verhalten schon angeeckt. "Bei einem Praktikum im letzten Jahr wurde mir gesagt, dass ich unhöflich bin", sagt er. Warum, weiß er nicht genau. "Jetzt habe ich gelernt, dass man 'Guten Tag' sagen muss, wenn man irgendwo hinkommt."

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