Hartmut Riemann

Mein Leben als Wolfskind

In der Nacht kommen die Männer mit den Gewehren. Sie stürmen das kleine Holzhaus der Familie Vaiciulai im litauischen Dorf Pajuris, erschießen die Mutter, den Stiefvater. Hartmut Riemann überlebt, schwer verletzt. Er ist sieben Jahre alt.

"Überall war Blut", sagt Hartmut Riemann. Das Bild ist nie aus seinem Kopf verschwunden. Auch jetzt, mehr als 60 Jahre später und Hunderte von Kilometern entfernt, ist es wieder da. Er blättert in der Mappe, die sein Leben enthält, zieht Bilder und Papiere heraus: ein Foto mit seinem Sohn, die Kopie seines Ausweises aus der litauischen Freiwilligenarmee - als könnten die wenigen Dokumente ein Leben erklären, das am 14. Juni 1942 in Königsberg begann, ihn zum Waisenkind machte, bis nach Kasachstan schickte und jetzt, im Rentenalter, in einen Plattenbau in Schwedt geführt hat. In seiner Zweizimmer-Wohnung im Hochparterre sitzt Hartmut Riemann auf dem Sofa und erzählt von der Nacht auf den 1. Mai 1950, in der seine Kindheit endete.

Schwer verletzt kommt er nach dem Überfall ins Krankenhaus. Er hat Glück, vielleicht, weil das Kriegsende schon fünf Jahre zurückliegt, vielleicht, weil er neben seinem deutschen auch einen litauischen Namen hat, der Familie Vaiciulai sei Dank. Jedenfalls wird er im Krankenhaus gesund gepflegt, keine Selbstverständlichkeit für einen deutschen Jungen in Litauen nach dem Zweiten Weltkrieg. Das kleine Land an der Ostsee leidet seit Jahren unter dem deutsch-sowjetischen Konflikt: Im Hitler-Stalin-Pakt 1939 wird es zunächst dem deutschen Einflussgebiet zugeteilt, einen Monat später im Grenz- und Freundschaftsvertrag zwischen den beiden Diktaturen dem sowjetischen. 1940 marschiert die Rote Armee ein, 1941 die Wehrmacht. Als die Sowjetunion das südlichste baltische Land 1944 zurückerobert, haben die Deutschen und einheimische Helfershelfer nahezu alle Juden Litauens ermordet, ebenso Menschen, die sie der Zusammenarbeit mit der Sowjetunion verdächtigen. Litauen wird erneut Sozialistische Sowjetrepublik - und wer deutsch ist, verschweigt besser seine Herkunft.

Das lernt auch Hartmut Riemann schnell. Entlassen aus dem Krankenhaus, will er zurückkehren nach Pajuris, zu den Vaiciulai, doch die Eltern seines Stiefvaters, die seine Mutter und ihn vor ein paar Jahren aufgenommen haben, können sich nicht kümmern. Sie sind zu alt, sagen sie. Hartmut Riemann hat niemanden mehr. Er wird ein Wolfskind, eines von Tausenden deutscher Kinder aus Ostpreußen, die in den Nachkriegsjahren allein, ohne Eltern, in Litauen unterwegs sind.

Viel zu lange hatte der NSDAP-Gauleiter Erich Koch in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs den Menschen in Ostpreußen die Flucht verboten. Erst als die russische Armee ihre Offensive startet, beginnt die Evakuierung. Zu spät für Hunderttausende. Sie sterben auf der Flucht oder müssen in ihre Heimatorte zurückkehren, wo sie die Gewalt der Rotarmisten, Zerstörung, Hunger erwarten. Viele Männer sind im Krieg gefallen, ihre Frauen kämpfen allein ums Überleben. Wenn die Mutter stirbt, sind die älteren Geschwister für die jüngeren verantwortlich. Litauen wird für viele Kinder die Rettung vor dem Hungertod. Weil sie oft in Gruppen unterwegs sind und zeitweise in den Wäldern leben, setzt sich später der Name "Wolfskinder" durch.

Hartmut Riemann kann sich an die Kriegszeit und die Monate danach kaum erinnern. Er weiß nicht genau, wann und warum sich seine Mutter von Ostpreußen ins Nachbarland Litauen aufgemacht hat. "Viele tausend Menschen sind dorthin gegangen", sagt er. "Ich glaube, sie ist einfach mitgelaufen." Unter den Hungernden in Ostpreußen spricht es sich schnell herum: In Litauen ist es wie im Paradies, dort gibt es Kartoffeln, Eier und Brot. Die Ostpreußen helfen den Bauern auf den Höfen, als Gegenleistung gibt es zu essen.

"Viele Litauer waren sehr deutschfreundlich, das war auch eine Art des Widerstands gegen die Sowjetunion", sagt Ruth Leiserowitz. Die Historikerin hat in Deutschland den "Geschichtsverein Wolfskinder" gegründet und ein Buch mit Erzählungen ehemaliger Wolfskinder herausgegeben ("Von Ostpreußen nach Kyritz. Wolfskinder auf dem Weg nach Brandenburg"). Fast unvorstellbare Geschichten trug sie zusammen. Die der 17-Jährigen, die dreieinhalb Jahre in Kellern und Ruinen haust. Oder die der fünf Geschwister, die von Hof zu Hof ziehen, sich verlieren und Jahre später wiederfinden.

Viele Wolfskinder werden von litauischen Familien aufgenommen, adoptiert, einige vergessen ihre deutsche Herkunft. Andere suchen oft jahrelang nach Angehörigen. Ein Teil von ihnen wird 1947 und 1948 in die Sowjetische Besatzungszone gebracht. Anfang der 50er-Jahre kommen noch einmal Kinder aus Litauen in die DDR. Manche finden ihre Eltern, die meisten leben im Kinderheim. Ab 1956 gibt es diplomatische Beziehungen zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik, von da an dürfen die Kinder, die oft schon junge Erwachsene sind, auch in den westlichen Teil Deutschlands reisen.

Alles Deutsche ist verboten

Davon ahnt Hartmut Riemann nichts. Er weiß, dass seine Tanten in Deutschland leben, die Mutter hat in Litauen einen Brief einer ihrer Schwestern bekommen. Aber er darf nicht nach ihnen suchen. Inzwischen lebt er in einem Waisenhaus in Litauen. Weshalb das Heim ihn nicht nach Deutschland schickt - er weiß es nicht. Als er die Direktorin um Hilfe bittet, bekommt er einen strengen Verweis: "Diese Sache kannst du vergessen. Du bist Litauer und heißt Kazys Vaiciulis."

Und so heißt Hartmut tatsächlich. Es ist der Name der litauischen Familie, die Frida und Hartmut Riemann damals aufgenommen hatte. Die beiden tragen zum Lebensunterhalt bei: Frida Riemann bietet ihre Dienste als Näherin an, die in der Nachkriegszeit gefragt sind. Der Sohn wird zum Betteln geschickt. Das hilft ihm später, weil er die litauische Sprache lernt. Die Bauern, bei denen der kleine Junge um "Brot, Eier, Kartoffeln" bittet, weisen ihn oft ab: "Sie sagten: 'Auf Litauisch, bitte!", erinnert sich Hartmut Riemann. Bald hat er es gelernt: "Duona, kiausinai, bulvës" - dann sind seine Taschen voll.

Nach ein paar Monaten kehrt der Sohn der Familie Vaiciulai heim, er hatte der Roten Armee beim Brückenbau über die Memel geholfen. Ihm gefällt die junge Deutsche, die jetzt bei seinen Eltern lebt - "meine Mutter war sehr schön", sagt Hartmut Riemann mit einem wehmütigen Lächeln. Die beiden werden ein Paar, Hartmut Riemann hat wieder eine richtige Familie. Ob er glücklich war in dieser Zeit? Hartmut Riemann macht eine Geste, die typisch ist für ihn: Er hebt die Hände, die Schultern, legt den Kopf schief, als denke er nach - aber sagt nichts außer "Hmmmm". Glück, das ist vielleicht zu viel verlangt, in einem Leben, in dem es vor allem ums Überleben geht.

Als Hartmut im Sommer 1949 schwer krank wird, bitten die Stiefgroßeltern Frida, den Sohn katholisch taufen zu lassen. Der Pfarrer tauft Hartmut auf den Namen Kazimieras, gerufen wird er Kazys. Die Mutter nennt ihren Sohn weiter Hartmut. Aber sie lebt nach der Taufe nicht einmal mehr ein Jahr. Dann kommen die litauischen Partisanen, die dem Stiefvater die Zusammenarbeit mit den Russen verübeln, so erzählt es Hartmut Riemann. Hartmut Riemann zieht ein Foto vom Haus der Familie hervor, zeigt auf ein Fenster: "In dem Raum wurden meine Mutter und mein Stiefvater erschossen."

Das Leben? Es geht einfach weiter

Im Kinderheim gibt es noch andere Kinder aus Ostpreußen, "aber selbst mit ihnen habe ich Litauisch gesprochen", versichert Hartmut Riemann, "uns hätte jemand hören können." Das will niemand riskieren. Schließlich bedeutet das Heim: "Fünfmal essen am Tag, Kleidung - und Wohnen in einem Schloss!" Fast so etwas wie Stolz klingt an: der Betteljunge im Schloss eines baltischen Adeligen. Mehr erzählt er nicht über die Jahre im Heim. Hat er gute Erinnerungen, gab es jemanden, der sich seiner annahm? Da hebt er wieder nur die Hände, die Schultern, fast abwehrend klingt sein "Ach...". Es ging einfach immer weiter in seinem Leben.

Bis 1961 lebt er im Heim. Als er die Mittelschule beendet hat, schickt ihn die Heimleitung auf das Technikum für Kunst, zwei Jahre später geht er nach Kasachstan, als Schweißer baut er mit an einer Brücke über den Ural. Als er nach fünf Jahren nach Litauen zurückkehrt, hat er eine Frau, sie bekommen zwei Kinder, Arunas und Gintaras. Seine Frau weiß nichts von seiner Vergangenheit, sie nennt ihn Kazys und erfährt erst bei der Scheidung 1980, dass ihr Mann eigentlich Hartmut heißt. "Sie hat gesagt: 'Was? Ich war mit einem Deutschen verheiratet?'" Bei der Erinnerung schüttelt sich der 68-Jährige vor Lachen. "Ah, ich habe kein Glück mit den Frauen...", sagt er. "Von der ersten bin ich geschieden, die zweite ist in Litauen." Rigoletta, mit der er seit 1983 verheiratet ist, ist nicht mit nach Deutschland gezogen.

Rückkehr zur alten Identität

Anfang der 90er-Jahre, nach der Unabhängigkeit Litauens, erfährt er vom Verein "Edelweiß", in dem sich Wolfskinder zusammenfinden. Er meldet sich dort, lernt andere Deutsche kennen, die wie er mehr als 40 Jahre lang ein litauisches Leben führten. Kazys Vaiciulis beschließt, wieder Hartmut Riemann zu werden. Aber dafür braucht er Dokumente, die seine Herkunft belegen - und die hat er nicht. Bis ihm eine Eingebung kommt, die er, davon ist Hartmut Riemann überzeugt, seiner Mutter verdankt: "Sie ist mir im Traum erschienen und hat gesagt: Du musst in die litauische Kirche fahren, in der du umgetauft wurdest." Und tatsächlich findet er im Kirchenbuch einen Nachweis über die Taufe am 5. Juli 1949.

Nach mehr als 40 Jahren bekommt Hartmut Riemann seine deutsche Identität zurück. Er plant den Umzug nach Deutschland, seine beiden Söhne, sagt er, wollten folgen. Aber als sie ihn besuchen kommen in seinem neuen Zuhause, sagen sie: "Wir bleiben nicht." Auch Rigoletta will nicht umziehen. Litauen ist ihr Zuhause. Und das ihres Mannes? Hartmut Riemann überlegt. Deutschland ist schön, sagt er, alles hat ihm so gut gefallen, schon als er das erste Mal da war, Mitte der 90er-Jahre, mit anderen Wolfskindern auf der Suche nach einer Heimat, die sie ein halbes Jahrhundert zuvor verloren haben.

Hartmut Riemann zieht 1998 nach Schwedt. Die Stadt an der Oder hat er sich ausgesucht, weil es nicht so weit ist bis Litauen. Im Baltikum sind seine Kinder, seine Enkel und die Erinnerungen, auch viele gute, an die Jagdausflüge zum Beispiel, die er sich in Deutschland nicht mehr leisten kann. "Wenn ich hier bin, will ich zu meinen Liebsten", sagt er mit seinem freundlichen, traurigen Lächeln. "Und wenn ich dort bin, will ich zurück." Heimat können ihm beide Länder nicht sein. Hartmut Riemann hat keine mehr, seit der Nacht im Jahr 1950, die ihn zum Wolfskind machte.

"Diese Sache kannst du vergessen. Du bist jetzt Litauer."

Die Leiterin des Kinderheims auf die Frage, ob Hartmut Riemann die Tanten in Deutschland suchen darf

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