Babyschwimmen

Die Herren der Ringe

Eltern sind sich sicher: Wasser macht kleine Kinder stark. Beobachtungen vom Beckenrand

Foto: Marion Hunger

Luis steht, hoch aufgerichtet, und kräht vor Stolz. Es muss wohl so etwas bedeuten wie: "Ich bin der König der Weltmeere", aber Luis hat keine Zeit für Erläuterungen - nach zwei, fast drei Sekunden, die er auf den Händen seiner Mutter balancieren konnte, kippt er ins Wasser. Und so gut Deutsch spricht er auch noch nicht: Am 26. Februar wird er ein Jahr alt oder 52 Wochen, aber hier im Schwimmbad ist er Luis, der Profi: Seit 32 Wochen geht er regelmäßig zum Babyschwimmen. Prustend und glücklich wie ein kleines Nilpferd taucht er wieder auf, der Methusalem unter den Gerade-Geborenen.

Das Wasser im Schwimmbad des St. Marien-Krankenhauses in Lankwitz ist 32 Grad warm, der aufblasbare Froschkönig und die Ente sind im Vergleich zum Wasser eher uninteressant, die Schwimmbretter bunt und die Babys kühn und furchtlos. Gerade schiebt sie der Trainer über fast drei Meter Entfernung ihren Müttern zu - unter Wasser. "Hey, ist das alles, was ihr draufhabt?", sagen die Babygesichter beim Auftauchen.

Seit sechseinhalb Jahren leitet Ingo Ide die Schwimmkurse. Ein wasserscheues Kind, sagt er, hat er noch nie getroffen. Die Dreimonatigen lieben die Welt unter Wasser, meist halten sie Augen und Mund instinktiv offen: "Man nennt es Tauchreflex. Sie stoppen die Atmung, sie erinnern sich daran, dass sie ja neun Monate ihres vorherigen Lebens unter Wasser verbracht haben." Mit eineinhalb Jahren stürzen sich dann einige der Kinder schon begeistert in den tiefen Teil des Beckens, 1,40 Meter, um Ringe vom Grund zu holen. 1,40 Meter unter Wasser, das ist viel, wenn man klein ist. Und es ist gut, dass immer Erwachsene dabei sind. Schwimmen können die Kleinen nämlich noch nicht.

Kraftprobe der Kleinsten

Luis hält sich allein am Beckenrand fest, sekundenlang sogar nur mit einer Hand. Die andere, die linke, drückt er Joleen ins Gesicht, einfach weil das auch mal Spaß macht. Den Vorschlag der Erwachsenen, Joleen stattdessen lieber zu streicheln - "ei!" - den muss er erst noch überdenken.

Babyschwimmen, das sagen alle Mütter, die es mit ihren Kindern ausprobiert haben, fördert die Motorik.

Joleen, sieben Monate alt, absolviert gerade ihre zwölfte Trainingsstunde. Sie lächelt hinreißend für die Fotos, der kleine Engel. Dann spritzt sie mit einer winzigen Hand Luis Wasser in die Augen. Das ist für das mit dem Gesicht eben.

Babyschwimmen, das fördert auch das strategische Denken.

Die beiden Schwimmbabys lachen sich an. Sie sollen jetzt auf kleinen bunten Surfbrettern durch den Pool schippern. Luis legt sich auf den Bauch und johlt, als er, vom Trainer angeschoben, mit Bugwelle auf seine Mutter zurast. "Babys lieben Tempo", sagt Ide und schwenkt Luis im Kreis. Das Einzige, was Babys Sorgen macht: "Wenn die Eltern Vorbehalte gegen das Wasser haben, dann merken das die Kinder - die kriegen alles mit."

Dr. Andreas Bieder arbeitet am Institut für Motorik und Bewegungstechnik der Deutschen Sporthochschule in Köln, er ist Leiter für den Bereich Schwimmsport. An der DSHS wurden in den 70er-Jahren die ersten deutschen Untersuchungen zum Babyschwimmen durchgeführt. Bieder: "Damals war man sehr optimistisch. Es ist aber ziemlich schwer, die Effekte empirisch zu erfassen: Babys sind so vielen Umweltreizen ausgesetzt - zu sagen, dass sie durch eine halbe Stunde Schwimmen in der Woche besonders kluge Kinder werden, das wäre vermessen."

Doch wenn die Eltern keine Angst im Wasser haben, die auf die Kinder übertragen wird, wenn es nicht zu laut ist und das Wasser warm: "Wenn also das Ambiente angenehm ist, dann genießen Babys die Freiheit, die gefühlte Schwerelosigkeit - im Wasser bewegt man sich ja dreidimensional. Die Wasserströmungen an der Haut sind ein weiterer spezifischer Reiz." Und: "Durch den Hautkontakt fördert das Schwimmen auch die Eltern-Kind-Bindung."

Joleen hat sich entschieden, dass sie auf ihrem Surfbrett lieber knien will und mit aufgestützten Händen die Balance halten. Funktioniert, ist aber eher langweilig, weil die Erwachsenen das Surfbrett jetzt nicht mehr so schnell durchs Wasser schieben, aus Rücksichtnahme. Sie hat genug und lässt sich einfach seitwärts ins Wasser fallen. Irgendeine Hand wird sie schon auffangen. Jetzt gerade ist es Ides, und sonst hätte die Mama eben tauchen müssen.

Luis, der Fast-Einjährige, küsst gerade seine Mutter ab, wie man nur die beste Mutter der Welt küsst - sie ist einfach so ein toller Surfbrett-Antrieb. Kathrin (29) hat ihren Sohn auf Empfehlung einer Freundin angemeldet. Sie selbst hat mit vier Jahren schwimmen gelernt, das ist früh, aber natürlich kein Vergleich zu Luis' Aktivitäten. Das Beste am Training? "Dass die Kinder keine Angst kennen. Das ist optimal für später."

Schwebend über das Wasser

Trainer Ide hat aus Schwimmnudeln kleine Unterwasser-Sitze mit Auftrieb für die Babys geknotet. Da thront jetzt Luis, schwebt durch das Becken und will doch immer wieder los - selber schwimmen. Das allerdings, finden Mutter und Trainer, ist doch ein wenig zu angstfrei. Richtig schwimmen - das lernen Mädchen meist erst ab vier, Jungen ab viereinhalb Jahren, vorher schaffen sie die Koordination von Armen und Beinen nicht, sagt Ide.

Aber Selbstständigkeit ist die Lieblings-Übung der meisten Babys im Schwimmbad von St. Marien. Sie werden in winzige rote Rettungsringe gesteckt, dann noch mit einer Halterung gesichert. Und so treiben sie über den kleinen Pool, der aber im Vergleich zu ihrer Größe fast ein Binnenmeer ist, sie strampeln sich voran und lernen, die Richtung zu ändern und andere Babys zu rammen.

Joleen mag: Luis (bedingt, solange er ihr nicht gerade die Hand ins Gesicht drückt). Bällchen-Pools, genau wie Luis. Und, fast das Größte für sie: "Zu Hause auf dem Staubsauger reiten", sagt Mutter Jaimi (26). Aber das Allerbeste ist immer Wasser. Zum Strampeln, Schwimmen, Reinfallen - trinken. Gerade schlürft Joleen am Beckenrand die kleinen Babywellen auf und schmeckt dem interessanten Chlorgeschmack nach. "Ohoho", sagt Jaimi. Kathrin versucht auch gerade, streng zu sein: "Ey, Alter", sagt sie zu ihrem Sohn, er soll jetzt auch einmal aufhören, im Wasser zu strampeln, und ohne Protest mitkommen. Die Schwimmstunde ist schon seit zehn Minuten beendet.

Die kühnen Wasserbabys müssen nach Hause. Und nach all den Seeschlachten, die sie heute geschlagen haben, der Begegnung mit schwimmenden Plastik-Ungeheuern und den Tiefsee-Expeditionen, werden sie, wie jede Woche nach dem Schwimmkursus, sehr fest und sehr lange ganz weltvergessen schlafen.