Biografien

Geschichten gegen das Vergessen

In einem Heim in Kreuzberg wohnen junge Pflegebedürftige. Zwei Frauen haben ihre Lebensläufe aufgeschrieben

Foto: Reto Klar

Uwe hat keine Angst vor dem Tod und keine Angst mehr vor dem Leben, schon zweimal ist er gestorben und gelebt hat er viele Leben. Doch das Schicksal des aidskranken 48-Jährigen soll mehr sein als flüchtige Erinnerungen, fanden Antje Lange und Margret Daub. Sie schrieben Uwes Geschichte für ihr Buch "Sie sollen nicht vergessen werden" auf. Das Buch erzählt die Geschichten der Bewohner des House of Life in Kreuzberg, eines Pflegeheimes für Menschen, die zu jung sind für Altenheime und zu krank, um alleine zu leben.

Antje Lange und Margret Daub arbeiten seit der Gründung des Hauses 2006 ehrenamtlich als "Zeitschenkerinnen". Sie kommen wöchentlich zu Besuch, organisieren die Betreuung im Computerraum und im hauseigenen "Café Bohne" und vieles, was das Leben der schwer kranken Bewohner leichter, vielleicht sogar schöner macht. Das Haus ist damit einzigartig in Berlin, wahrscheinlich auch in Deutschland, so genau wissen Antje Lange und Margret Daub das nicht. Auf jeden Fall ist es etwas Einzigartiges für jeden der rund 100 Bewohner - Zuhause, Ersatzfamilie, der Beginn eines neuen Lebens.

Für viele ein Vorbild

Für Uwe sollte es die Endstation sein. Im Frühling 2005 kommt er direkt aus dem Krankenhaus hierher, nach Organversagen, Koma und 15 Jahren mit dem HI-Virus. Er kann sich nicht bewegen, nicht sprechen, nicht selbst atmen und bekommt doch alles mit. Zunächst hasst er das Haus mit den hellen Fluren und den bunten Bildern an den Wänden, das wirkt wie eine Mischung aus Krankenhaus und Jugendzentrum - es ist sein Gefängnis. Bis zu dem Tag, als er plötzlich seinen kleinen Finger bewegen kann. Er spürt, dass noch Leben in ihm ist. "Über den kleinen Finger habe ich mich Stück für Stück zurückgekämpft", sagt Uwe. Verbissen übt er mit den Physiotherapeuten, kann bald das Zimmer verlassen.

"Uwe war für viele ein Vorbild", erinnert sich Antje Lange, die ihn bei ihrem Engagement als Zeitschenkerin kennengelernt hat. Sie ist beeindruckt, wie er den anderen hilft, sie motiviert. Auch für die 69-Jährige war es immer schon selbstverständlich, sich um Leute zu kümmern, die weniger Glück im Leben hatten. "Ich bin 1941 geboren, vielleicht haben wir Kriegskinder, die noch so viel Not mitbekommen haben, alle einen sozialen Touch", versucht sie ihre Motivation zu erklären. Als die Verwaltungsangestellte 2006 pensioniert wird, sucht sie eine neue Aufgabe und findet sie im House of Life. Auf einer Info-Veranstaltung lernt sie Margret Daub kennen. Die ehemalige Buchhalterin war arbeitslos und hatte mit damals 56 Jahren auch kaum noch Aussichten auf einen neuen Job. Als Zeitschenkerin bekam sie wieder das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. "Die Arbeit hat mich aus der Depression geholt", sagt sie.

Von Anfang an habe sie sich im Haus wohlgefühlt, war fasziniert, mit welcher Toleranz die unterschiedlichsten Menschen aufgenommen werden. Das House of Life ist das Auffangbecken für Menschen, die nur eines vereint: ein radikaler Bruch im Leben. Wie Detlef, den der Alkohol und eine Operation zum Pflegefall machten, Pamela, die sich in den Achtzigern in der Hausbesetzer-Szene mit HIV infizierte, in Mexiko und Italien lebte, schließlich ein Kind bekam und es an die Krankheit verlor, oder die spastisch gelähmte Jacqueline, die ihr Leben lang dafür kämpfen musste, als geistig gesund wahrgenommen zu werden. Antje Lange und Margret Daub haben diese und weitere Schicksale aufgeschrieben, aufschreiben lassen. "Es ging nicht um eine Chronologie oder besondere Sprache, sondern um die Lebenswahrheit der Leute in ihren eigenen Worten", sagt Antje Lange.

Uwe kommt aus der mecklenburgischen Kleinstadt Anklam und beschließt noch zu DDR-Zeiten, Polizist zu werden. Er sieht gut aus und bezeichnet sich selbst als ziemlichen "Weiberhelden", bis er mit Anfang zwanzig eine "bildschöne Krankenschwester heiratet", die zwei Kinder mit in die Beziehung bringt. Weihnachten 1987 wird die gemeinsame Tochter gezeugt, das weiß er noch genau, weil er zu dieser Zeit eigentlich in Aschersleben studiert, um Kriminalkommissar zu werden. Er liebt seine Frau, das betont Uwe immer wieder. Homosexualität kommt in seiner Welt nicht vor. Deshalb weiß Uwe nicht, was mit ihm passiert ist, als nach einer Betriebsfeier ein Bekannter bei ihm übernachtet und am nächsten Morgen plötzlich alles anders ist. Mit der Mauer öffnen sich die Grenzen zur Schwulenszene in Berlin, Uwe will ausprobieren, wissen, was da wirklich mit ihm los ist. Einige verlieben sich in ihn, aus dem Weiberhelden ist ein Männerheld geworden. Anfang der 90er lässt er sich dann scheiden, er will seiner Frau nicht länger wehtun. Er zieht zu seinem ersten Freund Stefan und steckt sich mit HIV an.

Uwe sieht aus wie ein gut situierter Künstler, nicht wie jemand, der in seiner Wohnung oft Betreuer vom Sozialamt braucht, weil er den Alltag selbst nicht mehr bewältigt. Dabei will er selbst der Helfer sein. So auch als er sich Mitte der 90er-Jahre entscheidet, Sozialpädagoge zu werden, und die Polizei-Laufbahn beendet. Als die Caritas ihn für das geplante Studium ablehnt, weil sie ihn als DDR-Polizisten mit der Stasi in Verbindung bringt, fällt Uwe in "das Loch", wie er es nennt. Zur Familie hat er weniger Kontakt, es ist schwer für die Ex-Frau, die Kinder und vor allem seine Mutter, er hat panische Angst, jemanden anzustecken. Anfang 2005 kommt dann der totale Zusammenbruch. Uwe wird auf der Straße bewusstlos, alle Organe versagen, die Ärzte im Krankenhaus retten ihn. Uwe wird ins House of Life gebracht - und auch für ihn ist es zum Leben, nicht zum Sterben da. Als er sich wieder bewegen kann, kümmert er sich um die krebskranke Marlene auf seiner Station. "Als sie nichts mehr essen konnte außer Pudding, hab ich mich in den Supermarkt geschleppt, um ihr den richtigen zu holen", erzählt er. Im House of Life leben viele Menschen, die niemanden mehr haben und nun füreinander da sind.

Das normale Leben

Die Zeitschenker im House of Life sind nicht dafür da, Kranke zu pflegen, sondern das normale Leben ins Haus zu bringen. Dass sie davon ebenso profitieren, betonen die 69-jährige Antje Lange und die 61-jährige Margret Daub immer wieder. Sie haben in den vergangenen fünf Jahren so viele besondere Menschen und Schicksale kennengelernt, dass sich der Blick auf das eigene Leben verändert hat. Damit diese Schicksale nicht vergessen werden, begannen sie 2009, die Biografien aufzuschreiben. Das Buch verlegte Antje Lange im Eigen-Verlag und ließ bei den Lankwitzer Werkstätten 1600 Stück davon drucken. Auch wenn Uwe heute sagt, dass er vorsichtig geworden sei mit Menschen, sie gar nicht mehr so nahe kommen lassen will, weil er weiß, wie schnell das Leben vorbei sein kann, gilt doch für ihn und die anderen im House of Life: Sie werden in Erinnerung bleiben.