Protokoll

Fünf Stunden Angst

Alle Eltern kennen sie: die Angst, ihre Kinder könnten im Getümmel von Kaufhaus, Rummel oder Wochenmarkt verloren gehen oder gar spurlos verschwinden. Simone Lambert und Adrian Müller-Helle vermissten ihre achtjährige Tochter Natalie einen Nachmittag lang. Das Protokoll einer fieberhaften Suche - und Stunden des Bangens und Hoffens.

15.10 Uhr: Der Bus, der die Drittklässler vom Schwimmunterricht im SSE an der Landsberger Allee zurück zur Schule in Prenzlauer Berg bringt, hält an. 46 Kinder springen heraus. 47 sollten es sein. Zwei Erzieherinnen zählen wuselnde Köpfe. "Das kommt mal vor, dass beim Abzählen einer fehlt", erinnert sich Mutter Simone später an den Kommentar einer Erzieherin. Auf die Frage in die Runde: "Wo ist Natalie?" beruhigt alle die Antwort: "Auf der Toilette!"

15.45 Uhr: Die Erzieherin und die Lehrerin versammeln die Kinder zum Abschlusskreis. Gleich endet der Schultag. Jetzt fällt auf, dass Natalie immer noch fehlt. Die Pädagoginnen suchen die Schule ab: Freizeiträume, WCs, Räume mit Schnappschlössern. "Ist Natalie noch in der Schwimmhalle?" Drei Kinder sind sich ganz sicher, das schlanke, blonde Mädchen im Bus gesehen zu haben.

16.05 Uhr: Mutter Simone steht vor der Schule und wartet auf ihre Tochter. Die soll in 25 Minuten in der Musikschule sein. Eine Mitschülerin kommt auf Simone zu: "Ich muss dir was Ernstes sagen. Natalie ist verschwunden." Simones erste Reaktion: "Das kann nicht sein!" Vielleicht ist Natalie allein zur Geigenstunde gegangen. Die Achtjährige ist sehr selbstständig. Drinnen finden die Lehrer den Schulranzen. Den hätte Natalie wohl kaum vergessen.

16.08 Uhr: Mutter Simone telefoniert mit der Musikschule. Dort ist ihre Tochter nicht angekommen. Sie schwingt sich aufs Rad und fährt die Strecken nach Hause und zur Musikschule ab. Sie klingelt bei Nachbarn, ruft Freunde an. Keiner hat ihre Tochter gesehen. Sie drängt die Bilder im Kopf und die Angst zurück: die Kindesentführung in Kleinmachnow, das Schicksal Mirkos aus Grefrath.

16.45 Uhr: Die Erzieherin wählt im Beisein der Mutter die 110 und wird mit dem Polizeiabschnitt 15 an der Greifswalder Straße verbunden. Die Beamten nehmen die Vermisstenanzeige auf. Vater Adrian erfährt vom Verschwinden seiner Tochter, er sagt alle Termine ab, fährt mit dem Rad durch den Kiez. Mittlerweile ist Natalies Erzieherin noch mal zur Schwimmhalle gefahren. Der riesige Betonklotz liegt in der Dämmerung. Drinnen hockt Natalie auf einem Stuhl. Papa hatte gesagt: "Wenn wir uns verlieren, dann wartest du, bis wir dich wieder abholen." In dem belebten Durchgangsbereich entdecken Kind und Erzieherin einander nicht.

16.55 Uhr: Der Polizeiwagen 15/02 erreicht die Schule. "Das war ein sehr gutes Gefühl", sagt Simone Lambert. Sie beschreibt ihre Tochter: "1,41 Meter, lange blonde Haare, blaue Augen, ein blaues Kleid, eine hellgrüne Jacke." Die Beamten stellen weitere Fragen. "Geht Natalie gern zur Geigenstunde?" "Gab es Streit?" "Probleme in der Schule?" "War sie schon häufiger fort?" Die Fragen, da sind die Eltern sich einig, nerven nicht. Sie helfen, ihre Tochter wiederzufinden.

17 Uhr: Mit Natalies Beschreibung an Bord fahren die Funkwagen 1, 2 und 4 sowie Zivilfahrzeuge des Abschnitts 15 Streife auf dem gut vier Quadratkilometer großen Stadtstück. Zusätzlich sucht eine Funkwagenbesatzung des Abschnitts 16 mit einem Mitarbeiter der Bäderbetriebe die Schwimmhalle ab. Keiner wird auf das stille Mädchen in der grünen Jacke aufmerksam. Eine Lautsprecherdurchsage bringt keinen Erfolg. Natalie hockt weiter auf dem Stuhl.

17.05 Uhr: Natalies Eltern lassen ihre beiden jüngeren Kinder von Freunden aus der Kita abholen, die sie den Abend über hüten sollen. Die Sonne ist untergegangen. Die Temperatur sinkt dem Gefrierpunkt entgegen.

17.30 Uhr: Die Polizei hat Schule und Halle abgesucht. Je weniger Möglichkeiten bleiben, wo Natalie sein könnte, desto größer wird die Unruhe. Die Eltern treffen sich zu Hause. Was tun?

17.45 Uhr: Eine Funkstreife schaut vorbei. Weitere Fragen werden gestellt. Wie sieht es aus in der Familie? Gab es Probleme? Welcher Typ ist Natalie? Die Streifen suchen weiter den Kiez ab. Bis 19 Uhr, so das Polizeiprotokoll, wird der Abschnitt die BVG, die S-Bahn, die Bundespolizei und die Kripo verständigt haben. Die Eltern wissen davon nichts. Deren Angst ist groß genug.

18.15 Uhr: Vater Adrian vermutet die Tochter in der Schwimmhalle. Aber da wurde ja mehrfach gesucht. Die Polizei hat die Erkundung auf den nahen S-Bahnhof ausgedehnt. Je weniger man tun kann, desto mehr fliegen Gedanken und Gefühle. Simone sieht ihr Kind durch die dunklen, leeren Straßen irren. Die großen Ängste werden gar nicht erst ausgesprochen.

18.55 Uhr: Die Polizei ruft wieder an und bittet um Fotos. Simone schickt per E-Mail Urlaubsschnappschüsse an die Wache.

19.10 Uhr: Natalie sitzt auf ihrem Stuhl im SSE. Seit vier Stunden hat keiner das stille Kind angesprochen. Sie hat niemanden nach Hilfe gefragt, nichts gegessen, nichts getrunken, war nicht auf der Toilette. In dem fensterlosen Raum hat sie gar nicht bemerkt, wie es draußen langsam dunkel wurde. Die bis 22.30 Uhr geöffnete Halle ist immer noch belebt. Natalie fühlt sich "mulmig, aber nicht panisch".

19.30 Uhr: Zwei Beamte in Zivil betreten die Schwimmhalle. Sie haben die Fotos von Natalie dabei und kommen in den Fönbereich. Auf einem Stuhl sitzt zusammengesunken ein Kind in grüner Jacke. "Bist du die Natalie?" Natalie reagiert nicht sofort. Sie hat fest mit Papa oder Mama gerechnet. "Ja", sagt sie dann.

19.32 Uhr: Simone hört die Stimme ihrer Tochter am Handy. "Sie haben sie!"

20.05 Uhr: Die Eltern halten ihr Kind im Arm. "Die Zeit zwischen dem erlösenden Anruf und dem Moment, als der Wagen vor der Tür hielt, war die längste", erinnert sich Simone Lambert. Natalie erklärt, warum sie den Anschluss an die anderen Kinder verpasst hat: Sie hat nach ihrer Tasche mit dem nagelneuen blau-türkisen Badeanzug gesucht. Das Angebot der Polizei, eine Diebstahlanzeige aufzugeben, weil der Schwimmbeutel fehlt, lehnt die Familie genauso ab wie eine Anzeige gegen die Schule, auf die die Direktorin von selbst hinweist. "Alle haben ihr Bestes getan", sagt Simone Lambert.