Interview

Gutes Konzept - schlecht gemacht

Bildungsforscher Klaus Hurrelmann ist dafür, dass Schüler gemeinsam lernen - er kritisiert aber die Umsetzung.

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Im vergangenen Sommer hat Berlin sein Schulsystem umgestellt: Haupt-, Real- und Gesamtschulen wurden zu Sekundarschulen zusammengelegt. Mit Bildungsforscher Klaus Hurrelmann sprach Antje Hildebrandt über Reformen, jahrgangsübergreifendes Lernen und die Jungs als Verlierer der Bildungsreform.

Berliner Morgenpost: Herr Hurrelmann, welche Note stellen Sie dem rot-roten Senat für die Einführung des zweigliedrigen Schulsystems aus?

Klaus Hurrelmann: Ich würde ihm eine gute Note ausstellen. Aber ich bin natürlich befangen. Seit den siebziger Jahren plädiere ich immer wieder für eine Konsenslösung in der Schulstrukturfrage.

Berliner Morgenpost: Wo sehen Sie die Vorteile der Reform?

Klaus Hurrelmann: Sowohl das Gymnasium als auch die stärker praxisorientierte Sekundarschule bieten eine Oberstufe an. So brauchen sich Eltern nach der Grundschule nur zwischen zwei Schulformen zu entscheiden. Sie müssen nicht fürchten: Wenn mein Kind nicht aufs Gymnasium kommt, ist der Zug zum Abitur abgefahren.

Berliner Morgenpost: Sogar Bildungssenator Jürgen Zöllner konnte sich nur zu einem "Befriedigend" durchringen....

Klaus Hurrelmann: Die Umsetzung würde auch ich im Moment allenfalls mit einem "Befriedigend" bewerten.

Berliner Morgenpost: Die betroffenen Schulen sind weniger zufrieden. Realschullehrer klagen, sie hätten es mit Schülern zu tun, die nicht 800 geteilt durch zwei rechnen könnten.

Klaus Hurrelmann: Natürlich ist das am Anfang schwierig: Da prallen zwei verschiedene Lebens- und Arbeitswelten aufeinander. Wenn das ein Unternehmen machen würde, würde es eine professionelle Begleitung geben. Die ist hier zwar mit angesetzt, aber natürlich viel zu knapp.

Berliner Morgenpost: Wo hakt die Umsetzung?

Klaus Hurrelmann: Die Lehrer sind zu wenig vorbereitet worden. Die Schulleitungen müssten gestärkt werden, damit sie ihre Managementaufgaben noch besser erfüllen können.

Berliner Morgenpost: Eltern werfen dem Senat Aktionismus vor. Seit 2004 musste die Schulpolitik 23 Reformen verkraften. Warum halten Sie die Sekundarschule für alternativlos?

Klaus Hurrelmann: Bislang haben wir die Schüler nach der Grundschule nach ihren Lernniveaus eingeteilt. In Berlin hat das dazu geführt, dass es an den Hauptschulen zu einem sehr ungünstigen Lernmilieu gekommen ist, worauf das Kollegium der Rütli-Schule zum ersten Mal hingewiesen hat. Da saßen unmotivierte Schüler mit unmotivierten zusammen. Die zogen sich gegenseitig herunter. Dagegen kommt das beste Lehrerkollegium nicht mehr an. Wenn ich diese Schüler motivieren will, brauche ich einen größeren Rahmen. Den habe ich an einer Sekundarschule.

Berliner Morgenpost: Wie schwierig es ist, Kinder mit unterschiedlichem Lernstand in einer Klasse zu unterrichten, hat schon das jahrgangsübergreifende Lernen (Jül) an den Grundschulen gezeigt. Sprechen die schlechten Ergebnisse nicht eher gegen die Sekundarschule?

Klaus Hurrelmann: An JÜL kann man erkennen: Es ist gute Idee, weil Lerngruppen erweitert werden und sich die Kinder gegenseitig Impulse geben können. Allerdings setzt die Umsetzung eine Tradition voraus, die es in Deutschland nicht gibt.

Berliner Morgenpost: Nämlich?

Klaus Hurrelmann: Das differenzierte Lernen. Ich brauche gute Diagnosen für jeden Schüler, um gezielt starke und schwache Schüler zu mischen. Der Lehrer tritt einen Schritt zurück und wird zum Mentor oder Coach.

Berliner Morgenpost: Welche Anforderungen stellt das an die Lehrer?

Klaus Hurrelmann: Eigentlich keine höheren als der Frontalunterricht. Auch da muss der Lehrer die ganze Gruppe im Blick haben. Bei JÜL geht er von Tisch zu Tisch und lässt die Gruppe selbstständig arbeiten. Er greift aber gezielt ein, wenn er merkt, da sind Schüler entweder viel zu weit oder sie haben Schwierigkeiten. Das setzt Flexibilität voraus.

Berliner Morgenpost: Die Praxis sieht oft anders aus: Kinder, die durcheinanderquatschen, weil der Lehrer gar nicht so schnell hinterherkommt.

Klaus Hurrelmann: Trotzdem gibt es viele Schulen, die haben das geschafft - auch mit schwachen Schülern. Das setzt aber Fortbildung und Training voraus - und gegebenenfalls eine zweite Lehrkraft pro Klasse. Das sind Ressourcenfragen.

Berliner Morgenpost: Es werden jetzt noch mehr Eltern als bisher versuchen, ihre Kinder auf dem Gymnasium anzumelden. Droht die Reform an der Ungeduld der Eltern zu scheitern?

Klaus Hurrelmann: Ja. Eltern sind heutzutage sehr ungeduldig. Alle wissen: Mein Kind muss Abitur machen. Die Flucht könnte nur gestoppt werden, wenn die Umsetzung für Jül und die Sekundarschulen so überzeugend gestaltet wird, dass die Eltern das spüren.

Berliner Morgenpost: Danach sieht es im Augenblick nicht aus. Sogar Bildungspolitiker fordern inzwischen, die Entscheidung für oder gegen Jül den Schulen selber zu überlassen.

Klaus Hurrelmann: So etwas ist in der Regel nicht besonders produktiv. Besser wäre es, an diesem Konzept festzuhalten und die Qualität der Umsetzung zu verbessern.

Berliner Morgenpost: Warum funktioniert das in Finnland besser?

Klaus Hurrelmann: Das Spannende ist: Die Finnen haben in den achtziger Jahren ein ganz ähnliches System wie wir gehabt. Allerdings haben sie die Reform konsequenter umgesetzt. Es gab auch mehr Geld dafür. Deutschland steht bei den Ausgaben für das Bildungssystem im letzten Drittel aller hochentwickelten Länder.

Berliner Morgenpost: An leeren Kassen allein kann das nicht liegen. Woran dann?

Klaus Hurrelmann: Das liegt daran, dass Deutschland ein Familienland ist. Im Grundgesetz steht, dass die Pflege und Erziehung Angelegenheit der Eltern ist. Das Bildungssystem kommt als Halbtagssystem dazu. Bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf liegen wir im internationalen Vergleich weit zurück.

Berliner Morgenpost: Privatschulen sind die Gewinner der Bildungsreform in Berlin. Sind solche Schulen per se die bessere Alternative?

Klaus Hurrelmann: Nein, aber Eltern fühlen sich an solchen Schulen meistens sehr wohl, weil sie da auf Ihresgleichen stoßen. Auch in den Köpfen der Eltern steckt die Idee: Wenn mein Kind unter seinesgleichen ist, dann geht es ihm am besten. Das ist aber nicht richtig. Wenn ich einen guten Rahmen für den Unterricht für Kinder verschiedener Herkunft schaffe, profitieren alle davon. Die Privatschulen sind dann gut, wenn sie diesen Rahmen herstellen können.

Berliner Morgenpost: An den Gymnasien, an denen die Nachfrage höher ist als das Angebot, werden jetzt 30 Prozent der Schulplätze verlost. Halten Sie dieses "Schüler-Lotto" für sozial gerecht?

Klaus Hurrelmann: Ich wüsste kein gerechteres System. Wobei der Begriff Losverfahren vielleicht irritierend ist. Es gilt das Zufallsprinzip.

Berliner Morgenpost: Jungen gelten so oder so als Verlierer der Bildungsreform. Woran liegt das?

Klaus Hurrelmann: Dazu gibt es erst wenige Untersuchungen. Fest steht, dass sich Jungs schwerer damit tun, dem Unterricht zu folgen, weil sie Gutsein in der Schule nicht als positiv bewerten. Die gleichaltrige Gruppe ist für sie von größerer Bedeutung. Jungs brauchen klare Strukturen und Regeln und eine deutliche Unterrichtsorganisation.

Berliner Morgenpost: Sind Jungs mit Jül eher überfordert?

Klaus Hurrelmann: Das kommt auf die Umsetzung an. Sie sind mit allem überfordert, was offen und ungenau ist.

Berliner Morgenpost: 85 Prozent der Grundschullehrer sind Frauen. Brauchen wir mehr männliche Lehrer?

Klaus Hurrelmann: Das Geschlecht der Lehrer spielt zwar eine Rolle - aber zum Glück nicht so stark, wie man gedacht hatte. Was wir brauchen, ist ein Unterrichtsstil, der ihren Bedürfnissen Rechnung trägt. Trotzdem bin ich der Meinung, dass wir mit einer Quote arbeiten müssen. In Kindergärten und Grundschulen müsste der Männeranteil mindestens bei dreißig Prozent liegen. Jungs brauchen Vorbilder. Sie müssen wissen, wie sich ein Mann in einer bestimmten Situation verhält.