"Empty-Nest-Syndrom"

Und plötzlich sind die Kinder aus dem Haus

Wenn der Nachwuchs auszieht, finden Eltern oft nur schwer in das Leben zu zweit zurück

Foto: Massimo Rodari

"Es ist doch sehr still im Haus. Ein bisschen wie im Museum." Fast zwanzig Jahre hat Elfriede Parlow ihren Sohn Tim angehalten, die Musik leiser zu stellen, die Küche aufzuräumen und auf die Handyrechnungen zu achten. Jetzt ist auch der jüngere der beiden Söhne ausgezogen, und seine Eltern könnten einen Schlussstrich unter das Thema Erziehung ziehen. Wie schwer das ist, merkt Vater Egon erst, als er sich bei Juniors Umzug verabschiedet: "Und du rufst an, wenn du Hilfe mit der Wäsche brauchst!" Dass sein Hilfsangebot ein Hilferuf ist, merkt Vater Parlow eine Woche später: "Ich bin zu Tim gefahren und wollte ihn samt Wäschekorb heimholen. Der hat mich angeschaut, als ob ich nicht zurechtkäme."

Viele Eltern durchleben eine Sinnkrise, wenn der Nachwuchs nach langen Jahren der Hege das Nest verlässt. "Empty-Nest-Syndrom" nennen Soziologen wie Professor Thomas Klein und Ingmar Rapp von der Universität Heidelberg das Phänomen. Wenn die Kinder flügge werden, wankt die Partnerschaft, so das Fazit einer repräsentativen Umfrage, die die Heidelberger jüngst auswerteten: "Die Ergebnisse zeigen, dass der Eintritt in die "Empty-Nest"-Phase das Trennungsrisiko der Eltern erhöht. Dabei ist die Risikosteigerung im Vergleich zu den Paaren, deren Kinder noch nicht ausgezogen sind, dauerhaft", fasst Klein die Ergebnisse zusammen.

Scheidungsrisiko wächst

Auf den ersten Blick ist das Empty-Nest-Syndrom paradox. Erst erhöht sich das Scheidungsrisiko junger Paare; wenn die Kinder kommen. Dann steigt es, wenn sie gehen. Dabei nehmen viele Belastungen ab. Wochenendeinkauf und Wäscheberge schrumpfen. Die Kabbeleien um Lärmpegel, Umgangston und falsche Freunde enden. Der Urlaub wird billiger, das Ziel ist schneller ausgehandelt. Endlich Zeit für sich - und Geld bleibt auch noch übrig. Doch die Freude verfliegt schnell. Zwar fallen die Reibereien mit den Kindern weg, aber auch deren Bestätigung. All die leer gefutterten Töpfe und die liebevoll vorgezeigten Sockenlöcher. Niemand will mehr den Wagen oder das Werkzeug ausborgen. Vor allem bei Frauen kann der Blues 18 Monate bis zwei Jahre dauern. Mit dem Verlust der Mutterrolle gehen Selbstzweifel und Zukunftsängste einher, die sich in Schlafstörungen, Unruhe oder depressiven Phasen zeigen. Nicht zuletzt dann, wenn die Auszugsphase der Kinder mit der Menopause zusammenfällt.

Angelika Mundt vom Frauenberatungszentrum "Raupe und Schmetterling" sieht vor allem Berufsmütter bedroht: "Wenn die Erziehungsaufgabe wegfällt, müssen Frauen lernen, sich wieder selbst wertzuschätzen, und neue Perspektiven entwickeln." Eine von diesen Vollblutmüttern mit Empty-Nest-Krise ist Tina Thinius. Seit 28 Jahren ist sie mit ihrem Mann Uwe verheiratet. Bis die Kinder Niki und Anna geboren werden, vermittelt sie Sprachreisen an Jugendliche. Danach zieht sie der Karriere des Mannes nach und die Kinder auf: "Vor allem Anna hat viel Kraft gekostet. Sie ist ganz schön aus unserem Weltbild ausgebrochen." Dann endet ganz plötzlich der Wertekampf. Beide Kinder ziehen aus, um zu studieren: "Ich habe mich gefühlt, als sei ich an Armen und Beinen amputiert", beschreibt Tina Thinius ihr Gefühl der großen Leere. "Dann habe ich mit gut fünfzig den Halbzeitpfiff des Lebens gehört." Sie erlebt, dass sie jenseits der Mutterrolle eine neue Identität entwickeln muss. "Auf ihre Männer oder Freunde sollten Frauen da nicht bauen, bei denen ändert sich ja viel weniger", erkennt die Empty-Nest-Mutter und bucht einen Kurs zur Selbstfindung bei "Raupe und Schmetterling". Sie erinnert sich noch gut an das mulmige Gefühl beim Weg über den Hof ins Seminar: "Da sind Frauen in einer Position der Schwäche. Man fängt ja noch mal bei Null an."

Für viele Frauen ist damit der berufliche Neu- oder Wiedereinstieg verbunden. Um nicht in die Falle "Kinder oder Karriere" zu geraten, rät Angelika Mundt von Raupe und Schmetterling zur frühzeitigen Prävention: "Frauen sollten keine Versorger-Ehe führen, bei der Er arbeitet und Sie die Kinder aufzieht." Am besten sei es, den Beruf nie ganz aufzugeben oder schon Jahre vor dem Auszug der Kinder wieder in den Job einzusteigen. Tina Thinius musste in der "Grau"-Zone des Arbeitsmarktes durchstarten: "Ich musste raus aus der persönlichen Komfortzone und Neues wagen." Körperlich hält sie sich mit Joggen, Yoga und Meditation fit. Beruflich schließt sie eine Ausbildung als NLP-Coach ab. Das alte Kinderzimmer verwandelt sie in einen hellen Beratungsraum. Am weißen Regal mit Lebenshilfelektüre von Senecas "Vom glücklichen Leben" bis zu Albert Wunschs "Die Verwöhnfalle" klebt ein handgeschriebenes Lichtenberg-Zitat: "Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn sich etwas ändert. Aber ich weiß, dass sich etwas ändern muss, damit es besser wird." Heute berät Tina Thinius selbst erfolgreich Menschen "für Erfolg im Leben." Ein 1-2-3-Patentrezept liefert sie nicht. Es gehe eher darum, dass Eltern nach der Kinderphase neue Antworten finden auf die Fragen "Wo stehe ich?", "Wer bin ich?" und "Wo will ich hin?" Coachings und Beratungszentren seien dann hilfreich, wenn sie persönliche Stärken sichtbar machten, die die Frauen oft nicht mehr selbst erkennen und entwickeln könnten.

Ratlosigkeit im leeren Heim

Während Mütter aktiv trauern, stehen viele Väter erst mal ratlos am Rand des leeren Nestes. Auf den ersten Blick ändert sich für den Haupternährer auch nicht so viel. Er geht morgens weiter zur Arbeit und hat vielleicht gerade den Zenit der Karriere erreicht. Abends freut er sich auf Ruhe und Zweisamkeit. "Mein Mann hat gar nicht mitbekommen, wie es mir ging", sagt Tina Thinius. Von ihm war da wenig Hilfe zu erwarten." Dann erwischt es auch ihn. "Im ersten Urlaub ohne Kinder rief mein Mann plötzlich jeden zweiten Tag bei den Kindern an. Wenn er mit mir unterwegs war, meinte er oft: ,Das würde den Kindern jetzt gefallen'", erinnert sie sich an den Verarbeitungsprozess ihres Mannes. Die Soziologin Bettina Levecke erklärt solche Phänomene bei Männern mit einem späten Nachholbedürfnis. Gerade Versorgerväter, die beruflich stark eingespannt waren, spürten jetzt, wie wenig sie den Nachwuchs durchs Leben begleitet und seine Entwicklungsschritte beobachtet haben. Jetzt, da sie beruflich etabliert seien und kürzer treten könnten, träten die Kinder aus dem Leben. Zum Nachholen scheine die Chance verpasst. Dann werden Väter plötzlich zu Wäsche-Abholern, Wasserhahn-Abdichtern oder Enkel-Aufpassern. Wer dem eigenen Nachwuchs nicht das Laufen lehrte, betreut nun die ersten Schritte der Enkel. Wenn Väter ihre Gefühle nicht aussprechen, sondern nur Taten reden lassen, stoßen sie mit solchen Initiativen meist auf Unverständnis.

Väter können nicht loslassen

Flügge Kinder hingegen haben meist wenig Gespür, welches Gefühlschaos sie im leeren Nest hinterlassen. Ihr Blick geht nach vorn in die eigene Zukunft. "Früher kam mein Vater nie in mein Zimmer. Dann tauchte er dreimal die Woche in meiner neuen Wohnung auf", erinnert sich Maritta (23). Weil sie und ihr Verlobter die Ängste des Vaters nicht erkennen und der nicht darüber spricht, kommt es zum Streit. Vater und Tochter verlieren sich ganz aus den Augen. "Als dann noch mein zwei Jahre jüngerer Bruder Klaas auszog, wollte Vater das gar nicht erlauben, und wir haben alle gedacht, dass er jetzt völlig spinnt." Klaas zieht aus und wenige Wochen später auch Mutter Wiebke. Sie hat mit der Trennung nur gewartet, bis der Nachwuchs auf eigenen Beinen steht. Binnen drei Monaten gründen drei von vier Familienmitgliedern einen eigenen Hausstand. Der Vater muss daraufhin für einige Zeit in die Psychiatrie.

Soziologen wie Klein und Rapp können nicht genau ermitteln, wie viele Empty-Nest-Paare mit der Scheidung nur warten, bis die Kinder aus dem Haus sind, und welche erst im leeren Nest feststellen, dass sie nichts mehr verbindet. Damit die Auszugs- nicht zur Ehekrise wird, sollten Paare sich nicht nur als Versorger definieren. Sie brauchen eigene Zeit, eigene gemeinsame Interessen und Projekte jenseits der Erziehung. Im Haus Thinius heißt das Projekt "Bauernhaus auf dem Land". Das bauen sie Schritt für Schritt aus. Und machen die schöne Erfahrung, dass die Kinder mittun. So entsteht ein neues Nest.