Berlin

Ganz lässig durch das große Chaos

Die Berliner gelten als unfreundlich und ungehobelt. Wenn man in der U-Bahn einen breitbeinig dasitzenden Fahrgast bittet, ein wenig Platz zu machen, kann man schon mal als Antwort zu hören bekommen: "Jeht nich', hab zu dicke Eia." Wie lebt es sich nun als Familie mit Kindern in dieser Stadt? Erstaunlich gut.

Unser Tag beginnt im Café "Milchbart" im nördlichen Prenzlauer Berg. Kaum sind wir angekommen, springt Emil ins "Bällebad", einem mit bunten Plastikbällen gefüllten Pool, und Muttern kann sich mit einer Zeitschrift auf eines der grünen Sofas setzen. Das "Milchbart" wurde 2008 gegründet, die Gründerinnen, selbst Mütter, standen eines Tages bei Regen auf einem Spielplatz und sagten sich: "Wir wollen endlich einen Ort zum Wohlfühlen bei jeder Witterung!" Das schön eingerichtete "Milchbart", mit leckeren Snacks und täglich selbst gebackenem Kuchen, ist Ersatzwohnzimmer und Augenweide für gestresste Mütter und Väter, die zu Hause kaum mit dem Aufräumen hinterherkommen.

Ein Blick hin zu Emil: Er hat seine Kumpels Toni und Carlo getroffen, jetzt wird erst mal auf dem grünen Bobby Car durchs Café gedüst. "Bei uns gibt es nicht annähernd so viele Kindercafés, kein Vergleich", erzählt eine nach Leipzig gezogene Bekannte, die gerade aus Heimweh auf Berlin-Besuch ist. "Als ich mit meiner Tochter noch hier lebte, hatte ich viel mehr Kontakte zu anderen Eltern - gerade auch durch die Kindercafés, wo man schnell ins Gespräch kommt", bedauert sie. Eine andere Mutter schaltet sich ein: "Ich war letztens in Freiburg, ich dachte, das sei ein Eldorado für Eltern-Kind-Cafés, aber von wegen, da gab's nur einen Indoor-Spielplatz, ein schreckliches Riesending vor den Toren der Stadt, an der Autobahn gelegen..."

In den vergangenen Jahren sind in Berlin Cafés mit Spielecken aus dem Boden geschossen - ob "Knilchbar" oder "Paul und Paula" in Friedrichshain, "Onkel Albert" und "Spielzimmer" in Prenzlauer Berg, "Schönhausen" in Pankow, "Kalimero" in Schöneberg oder "Kinderbar", "Café Graefchen" und "Pustekuchen" in Kreuzberg. Vorreiter "Charlottchen" in Charlottenburg gibt es schon seit 20 Jahren.

Teilhabe am Leben der Erwachsenen

Was in mediterranen Ländern selbstverständlich ist - die Teilhabe von Kindern am Leben der Erwachsenen - , hat hier mit einiger Verspätung Einzug gehalten. Viele dieser Cafés haben originelle Namen, sind liebevoll und witzig eingerichtet. Man merkt: Seitdem die Kreativgeneration nach der Wende erwachsen geworden ist, legt sie auch Wert auf einen anderen Lebensstil als ihre Eltern: Man möchte nicht im Wortsinn Haus-Frau sein, nicht aufs gemütliche Kaffeetrinken mit Freunden "draußen" verzichten. Während früher für viele Frauen das Kinder-Aufziehen oftmals eine einsame Angelegenheit gewesen ist, staune ich heute wieder über den Trubel im "Milchbart". Neben mir sitzt eine Sozialarbeiterin, die sich mit einer Kollegin zum Plausch verabredet hat. Lange Zeit war das Familiäre das Private - jetzt sind Familien im öffentlichen Raum wieder sichtbarer - was manch Kinderlose nervt, aber für Eltern, insbesondere Mütter, ein Fortschritt ist.

Jetzt ist ein Hähnchenkampf zwischen Emil und einem anderen Spielfreund, dem kleinen Rubén, im Bällebad ausgebrochen - vielleicht Zeit für einen Ortswechsel. Bald stehen wir auf dem ehemaligen Mauerstreifen. Kurz nach der Wende wurde hier die "Jugendfarm Moritzhof" gegründet und hat bisher allen anderen Plänen für die Nutzung dieses Areals erfolgreich widerstanden. Die Angebote für Kinder sind kostenlos. Sie können sich an der Tierpflege beteiligen, Schwein Uschi oder Ziegenbock Heinz füttern, Pony reiten, alte Handwerke wie Filzen, Töpfern, Korbmachen und Schmieden lernen. Wir stehen vor einem Gehege mit Kaninchen, die sich nicht im Geringsten für die Kinder in ihrer Nähe interessieren, sondern nur für ihre Mohrrüben. Im Hintergrund mäht ein Schafsbock. "Vielleicht ist das Moritz", höre ich ein Mädchen mit bunten Zöpfchen sagen. "Nee, das ist nich' Moritz... der is da drüben...", sagt jetzt ein kleiner Junge mit Puschelmütze. Da schaltet sich eine Mutter ein: "Den Moritz jibt's nich' mehr. Dat war'n Edelziegenbock, den'n paar Leute aus dem Verein hier vor dem Schlachthaus gerettet ha'm. Aber schon kurz, nachdem er hier uff'm Hof kam, hatte Moritz 'n schweren Unfall, bei dem er ein Horn verlor ... war monatelang inner Tierklinik. Danach war Moritz der Renner - eben 'dit letzte Einhorn vom Prenzlauer Berg'. Aba damit er nicht vergessen wird, heißt der Hof jetzt so." "Ich heiß' auch Moritz!", piepst ein Junge von hinten. "Du bist mir auch so ein Einhorn", seufzt seine Mutter.

Cool-urban und gemütlich

Direkt an den Moritzhof grenzt ein großer Spielplatz mit Kletterwänden für die Größeren - das Donnern von S-Bahnen und ICEs auf der Ringbahntrasse in unmittelbarer Nähe mischt sich in das Kreischen der Kinder - Berlin ebenso cool-urban wie gemütlich-familiär. Kleine und Große rennen auf die Brücke, um den Zügen hinterherzuschauen - manchmal hupen und winken die Zugführer. Anschließend geht es mit den Nachbarn, deren Kinder schon etwas älter sind, ins "Café Niesen". Das Café liegt direkt gegenüber vom Kinderbauernhof. Kaffeehauskultur, leckere Kleinigkeiten in familienfreundlicher Umgebung, unkaputtbare Trödel-Möbel, dazu eine gute Auswahl aktueller Tageszeitungen und bei Sonne gemütliches Sitzen draußen im Gärtchen an der ruhigen Sackgasse vor der Brücke und den Gleisen. An diesem Winterabend liest der Berliner Autor Jan Peter Bremer aus seinem Kinderbuch "Mit spitzen Ohren". Die Story ist herrlich absurd, es geht um zwei Hündinnen, die zur Verwunderung ihrer Herrchen immer stundenlang telefonieren - und lästern. Das Café ist gerammelt voll - von wegen Kinder interessieren sich heute nicht mehr fürs Vorlesen.

Am nächsten Tag geht Emil mit seinem Vater Anton ins Väterzentrum "Mannege" an der Marienburger Straße. Das Zentrum wirbt mit dem Slogan "Die Generation Papa geht ihren Weg" und bietet Vätern und deren Kindern ein "Actionprogramm" mit Kino, Kickern, Zaubern, "Papa-Kind-Turnen" und vielem mehr. Das Väterzentrum ist einzigartig: 2009 wurde es von der Initiative "Deutschland - Land der Ideen - Ausgewählter Ort" ausgezeichnet. Immer mehr Einrichtungen in Berlin beziehen jedoch die Väter aktiv mit ein. Das "Familienzelt" am Arnimplatz, eine angenehm bodenständige Institution, die jedem Klischee über den Yuppie-Bezirk Prenzlauer Berg widerspricht, bietet seit Langem einen "Väter-Pekip-Kurs" an. Dort sprechen Männer unter sich, wie sie die Geburt erlebt haben und was sie am neuen Lebensabschnitt nervt.

Später begleite ich eine Freundin in die Gemäldegalerie. Sie holt ihre Töchter von einem Textilkurs des Vereins "Jugend im Museum" ab. Im Kursraum im unteren Geschoss stehen sechs Nähmaschinen. Nelya eilt auf uns zu - sie hat eine eigene Tasche genäht! Die Tasche sieht richtig professionell aus. Die Kinder haben erst in der Galerie Urwald-Motive und Ornamente studiert, bevor sie ihre Textilien mit Blättern und Blumen aus Stoff verzierten. Nelya und ihre Zwillingsschwester Juna sind von den Angeboten des Vereins begeistert. Zuvor hatten sie einen Kurs in der Berlinischen Galerie belegt, in dem sie dazu angeleitet wurden, nach dadaistischen Collagen von Hannah Höch einen eigenen Stop-Motion-Film zu drehen. In einem anderen Kurs, den das Ethnologische Museum in Dahlem anbot, haben sie Körbe "wie die Indianer" geflochten. Das Konzept des 1972 gegründeten gemeinnützigen Vereins ist, Kinder anzuregen, die Berliner Museen zu entdecken. Ich selber habe als Kind Kurse im Antikenmuseum besucht und gute Erinnerungen an Spaziergänge zu den Tonvasen, auf denen unglaubliche Geschichten in Bildern festgehalten sind: Götterlust, -list und -zwist.

Begehrte Konsumenten

Stippvisite beim "Kinderkaufhaus" in der Torstraße 140. Wir kaufen rasch für uns zurückgelegte Wandaufkleber mit bunten Dinos fürs Emilzimmer. Natürlich sind, nicht nur in Berlin, die lieben Kleinen längst als Konsumzielgruppe erkannt worden. In Berlin fällt es nicht schwer, Kindermode zu finden - und zwar für jeden Geldbeutel. Es gibt sehr viele Second-Hand-Läden und Trödelmärkte mit Kinderklamotten, aber auch Läden, in denen man Mütter in sich hineinmurmeln hört: "So ein teures T-Shirt würde ich mir ja selbst nie kaufen...".

So wie Berlin in den letzten zehn Jahren in der internationalen Fashion-Szene reüssierte, hat es auch einige Impulse für Kindermode gegeben - und da in Berlin auf einen Star-Designer zwanzig Off-Künstler kommen, gibt es in vielen Lädchen und Cafés wie dem "Milchbart" erschwingliche Unikate von interessanten Modeschöpfern.

Am Wochenende geht es mit einer Freundin und ihrer Tochter ins Grips-Theater. Erwachsene und Kinder toben gleichermaßen im Foyer herum, bevor die Vorstellung von "Linie 2", dem Nachfolgestück der legendären "Linie 1", beginnt. Das "Grips" ist längst eine Institution, gegründet in den sechziger Jahren mit einem damals für (West-)Deutschland neuartigen Konzept: realistischem, sozialkritischem Gegenwartstheater für Kinder - und keine Märchengeschichten. Nach Jahren der Anfeindung durch Kritiker und konservative Politiker setzte sich das "Grips" auf deutschen Bühnen durch und ist heute weltberühmt. Die Eltern, die im Jahr 2011 ihren Nachwuchs begleiten, sind oft selbst als Kinder hier gewesen. Als in "Linie 2" einige der berühmtesten "Grips"-Lieder angestimmt werden, singen Alte und Junge mit. Kein Generationskonflikt im "Grips". Doch die Themen der Stücke sind mit der Zeit gegangen: Hießen die Werke in den 70ern noch "Eins auf die Fresse", "Eine linke Geschichte" oder "Alles Plastik", lauten die Titel heute: "Krach im Bällebad" (!) oder "STRESS! Der Rest ist Leben."

Die Auswahl an guten Kindertheatern - von "Atze" in Wedding bis zum "Varia Vineta" in Pankow - ist sehr groß. Das Freizeitangebot wird auch in einer repräsentativen Studie zur Zufriedenheit von Müttern in Deutschland als einer der Gründe dafür aufgeführt, warum Berlin gut abschnitt. Insbesondere Kinos, Trödelmärkte für Kindersachen, Museen, Zoo/Streichelzoo sowie Außenspielplätze werden jeweils von einer Mehrheit der befragten Eltern als ausreichend vorhanden eingeschätzt. Als weitere Gründe wurden genannt: gute Betreuungsmöglichkeiten für Kinder unter drei Jahren, gut ausgebauter öffentlicher Nahverkehr (wenn die S-Bahn denn mal fährt!), im Allgemeinen tolerante Nachbarn.

Vielleicht trifft man in Berlin auch die nötige Lässigkeit an, mit dem gewissen Chaos, das Kinder produzieren, umgehen zu können. Denn Berlin selbst offeriert im Großformat alles, was Kinderleben ausmacht: Die Stadt ist laut, etwas dreckig, quirlig, chaotisch und unberechenbar. Vielleicht regen sich deshalb in Hamburg viel mehr Bürger über die "Lärmemissionen" auf, die von Kitas ausgehen, als in Berlin. Während in Hamburg oder München Sturm gegen Kita-Neueröffnungen in Wohngebieten gelaufen wird, stellt der gewöhnliche Berliner einfach sein Radio lauter.

Eine Stadt in Blau und Grün

Über noch etwas verfügt Berlin, was für Kinder attraktiv ist: Platz. Berlins Fläche ist so groß wie die von Paris - bei nur halb so vielen Einwohnern. Von Schlittschuhlaufen auf der Havel, Planschen im Strandbad Wannsee oder Weißensee bis hin zu Tretbootfahren am Plötzen- oder Müggelsee - Berlins Grün- und Blauflächen sind nicht mickrig und bieten Kindern Feriengefühle.

Der vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend erstellte "Familienatlas 2007" bewertet die Familienfreundlichkeit aller deutschen Landkreise und kreisfreien Städte anhand von vier Bereichen (Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Wohnsituation, (Aus-)Bildung, Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche) sowie ihrer Rahmenbedingungen in Hinblick auf Arbeitsmarkt und Demografie. Demnach ist Berlin in den Bereichen "Arbeitsmarkt" und "Demografie" im unteren Drittel anzutreffen. Günstiger stellt sich die Situation dar, wenn man die "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" betrachtet. Berlin nimmt hier den 5. Rang unter allen 40 deutschen Großstädten ein. Die gute Bewertung geht vor allem auf die hohe Betreuungsquote von unter dreijährigen Kindern zurück.

Doch auch wenn in Berlin der Anteil von Betreuungseinrichtungen für Kinder unter drei Jahren viel höher ist als in den alten Bundesländern - viele Krippen bieten schon Plätze für Kinder ab acht Wochen an - , sind viele Familien mit der Qualität der Krippen nicht zufrieden. Dass der Pleitegeier immer über Berlin kreist, entgeht einem beim Anblick unrenovierter und dürftig eingerichteter Kitas nicht. Extremer Personalmangel ist oft die Folge. In manchen Kitagruppen werden 24 Kinder, zusammengewürfelt im Alter von 1 bis 6 Jahren, von nur zwei Erzieherinnen "betreut".

Auch die Schulsituation betrachten viele Eltern kritisch. In den vergangenen Jahren wurden viele Schulen geschlossen, manch verzweifelte Eltern gründeten freie Schulen. Auch einige Stadtteilbibliotheken wurden dicht gemacht - ein politisch unverantwortlicher Spar-Akt. Nelya und Juna, die in einem Außenbezirk leben, freuen sich über den rollenden Bücherbus - wie lange er noch kommt, wissen ihre Eltern nicht.

Was in Berlin ebenfalls nicht "familienfreundlich" ist: das Durchschnitt-Nettogehalt seiner Bürger. Das Statistische Bundesamt hat ermittelt, in welchen Bundesländern die Deutschen mit den höchsten und den niedrigsten Einkünften leben. Berlin belegt wenig überraschend einen der letzten Plätze. Für Kinder hat das Wowereitsche Diktum "arm, aber sexy" keinen Appeal. Für sie gibt es kein "aber", wenn das Wörtchen "arm" fällt.