Satire

Horrortrip im Klassenzimmer

Stephan Serin hat ein satirisches Buch über seine Ausbildung zum Lehrer geschrieben. Es wurde ein Bestseller - aber hat ihm auch jede Menge Ärger eingebracht

Es war sein erster Arbeitstag als Referendar. Eine neunte Klasse an einem Gymnasium in Mitte, 25 Augenpaare sind erwartungsvoll auf ihn gerichtet. Das war er also, der neue Lehrer für Geschichte und Französisch. Er trug ein bedrucktes T-Shirt und eine Hose, wie sie Jungs um die Beine schlabbert, die kein Hobby haben, höchstens Hip-Hop.

Und der erste Eindruck war: Mann, ist der cool.

Dabei, sagt Stephan Serin, habe er vor diesem ersten Auftritt nicht besonders gut geschlafen. Herzrasen, Beklemmungen, Schweißausbrüche. Er war gekommen, um zu unterrichten. Er lernte, dass er es war, der Nachhilfe benötigte - zum Beispiel in einer Fremdsprache, die an keiner Universität gelehrt wurde, nur auf der Straße.

Seine erste Lektion bekam er in der Hof-Pause, als er Jugendlichen beim Small Talk zuhörte.

"Musstu Alexa, ja?"

"Isch Alexa, wallah."

"Ischauch."

"Hast du U-Bahn?"

"Hab Bus!"

"Binisch auch Bus."

Stephan Serin sagt, diese Sprache habe ihm beinahe körperliche Schmerzen bereitet. "In der ersten Zeit stellte ich mir oft die Frage, welche Gespräche man als Lehrer hörte, wenn man nicht wie ich an einem Gymnasium unterrichtete. Vielleicht gebrauchten die Schüler an Haupt- und Realschulen nur noch Nomen."

So jedenfalls steht es in seinem Buch. Es erzählt von den Leiden eines jungen Referendars. Schon der windige Titel dieses Buches lässt jedoch erahnen, dass man es nicht immer ernst nehmen darf. Das Buch heißt: "Föhn mich nicht zu. Aus den Niederungen deutscher Klassenzimmer."

Der Name des Autors war bislang nur Freunden der Berliner Lesebühne "Chaussee der Enthusiasten" bekannt. Dort, sagt er, habe er schon während des Referendariates die eine oder andere Anekdote aus der Schule vorgelesen. Aus diesen Geschichten entstand das Buch - als Ergebnis einer Form von Therapie. Seit einigen Wochen gehört es zur Pflichtlektüre für junge Lehrer.

Seither kann Stephan Serin nicht mehr incognito ausgehen. Der Mann, der von sich selbst sagt, er sei als Kind ein Streber gewesen, legt den Finger in eine Wunde des deutschen Bildungssystems. Er beschreibt, wie hilflos Referendare nach Trockenübungen im Studium am Rande jenes Haifischbeckens stehen, das sich Schule nennt.

Seit Herbst 2010 hält sich sein Taschenbuch in den Top Ten der Bestsellercharts. Beinahe 200 000 Exemplare wurden schon davon verkauft, heißt es beim Rowohlt-Verlag. Fortsetzung folgt.

Der Autor selber würde mit solchen Zahlen nicht hausieren gehen. Es ist ein schmächtiger Typ im Kapuzenpullover, der da zur Tür hereinschleicht. Wenn man nicht wüsste, dass er eben noch Französisch-Klausuren korrigiert und seine beiden kleinen Kinder ins Bett gebracht hat, könnte man ihn für einen spätadoleszenten Schüler halten.

Als Treffpunkt hat er die Kneipe gegenüber dem RAW-Tempel in Friedrichhain vorgeschlagen, dort, wo er jeden Donnerstag mit seinen Freunden von der "Chaussee der Enthusiasten" liest.

"In dem Laden kennt mich keiner", hat er am Telefon gesagt. Und man ahnt: Wer es als Lehrer wagt, über Lehrer zu schreiben, der muss vorsichtig sein.

Dabei kam dieses Buch genau zur richtigen Zeit. Alle stöhnen über die Bildungsmisere, über überforderte Pädagogen und unmotivierte Schüler. Und dann traut sich einer dieser Lehrer aus der Deckung und arbeitet sich mit spitzer Feder an allen gängigen Stereotypen ab.

Das liest sich stellenweise zwar äußerst vergnüglich. Etwa, wenn er den in den Slang seiner Schüler fällt und über die angebliche Berufskrankheit Nummer eins räsoniert: "Mundgully" - besser bekannt als Mundgeruch.

Doch auf Dauer können solche Klischees auch ermüden. Weshalb sich der 32-Jährige schon den Vorwurf gefallen lassen musste, einer wie er sei kein Aushängeschild für die Zunft. Ja, er verdiene ein Berufsverbot.

Er lächelt gequält. Tatsächlich ist sein Buch kaum geeignet, scharenweise ebenso ambitionierte wie unerschrockene Bewerber ins Lehramt zu treiben. Der Horror, er hat darin eine Gestalt. Sie heißt Schule.

Stephan Serin schreibt von Hauptseminarleitern, die ihren Referendaren raten, im Konfliktfall schizophren zu werden: "Teilen Sie Ihre Persönlichkeit in Lehrkraft und Disziplinator."

Er mokiert sich über Kollegen, die sich in ihrer Klasse verbarrikadieren oder immer neue Ausreden erfinden, um wissbegierige Junglehrer davon abzuschrecken, in ihrem Unterricht zu hospitieren.

"Frau Landruth-Hendricks, resignierte Altachtundsechzigerin, Kettenraucherin mit von vielen Marokkobesuchen sonnengegerbter Haut, versuchte mich mit der Bemerkung fernzuhalten, sie spiele in der Stunde lediglich Hangman."

Auch die Eltern kommen nicht viel besser weg. Sie erscheinen als feindliche Wesen von einem anderen Stern, die Fehler grundsätzlich beim Lehrer suchen - und die es deswegen abzuwimmeln gilt: "Ihr Kind ist weniger intelligent, als Sie immer geglaubt haben. Sie sollten es vom Gymnasium runternehmen. Ich kann Ihnen eine gute Hauptschule empfehlen."

Harte Worte. Man denkt an die Grundschullehrerin Ursula Sarrazin, der der Ruf vorauseilt, Kritik an ihren Schülern alles andere als diplomatisch zu verpacken. Und man sieht die Welle der Solidarität, die ihrer Zunft entgegenschwappt, seit sie die Vorwürfe zurückgewiesen und eine Diskussion über konsequente Unterrichtsmethoden provoziert hat.

Doch der Vergleich mit der Frau des umstrittenen Autors Thilo Sarrazin ("Deutschland schafft sich ab") behagt dem 32-jährigen Junglehrer überhaupt nicht.

Er sagt: "Jetzt wird noch darüber diskutiert, und zwei Wochen später ist das schon wieder vergessen. Uns wäre viel mehr geholfen, wenn mehr Geld zur Verfügung stünde, um kleinere Klassen zu schaffen." Was man eben so sagt, wenn man den Leser vor die Frage stellt: Was ist echt an diesem Tagebuch eines Referendars? Und was ist reine Satire oder frei erfunden?

Stephan Serin sagt, er habe die Frage bewusst offen gelassen, um ein Stück Privatsphäre zu bewahren. Er senkt den Blick in sein Glas.

Man glaubt ihm, wenn er sagt, eigentlich habe er Journalist werden wollen. Weniger überzeugend klingt sein Plädoyer für den Beruf des Paukers: Er, der ehemalige Musterschüler, habe sich schon immer zu schwierigeren Jugendlichen hingezogen gefühlt. Es sei ihm ein inneres Bedürfnis, ihnen etwas mit auf den Weg zu geben.

Im Buch kokettiert Stephan Serin mit Selbstzweifeln und Minderwertigkeitskomplexen. Da gesteht er, dass er, der Hip-Hop-Fan, sich schon deshalb am wohlsten in weiten Hosen fühle, weil sie die klobigen Spezialschuhe verbergen, die er wegen seiner verformten Füße tragen muss.

"Als was würden die Schüler mich denn verhöhnen? Als Klumpie? Als Plattfußantilope? Als Glöckner von Notre Dame?"

Im richtigen Leben zuckt er erschrocken zusammen, wenn man ihn auf seine Behinderung anspricht. Überhaupt ist er vorsichtig geworden mit dem, was er sagt.

Es ist noch immer sein Ziel, eine Festanstellung an einer staatlichen Schule zu finden. Derzeit unterrichtet er an einer privaten Berufsschule in Spandau. Er sagt, natürlich wisse er, dass ihm das Buch nicht überall Türen öffnen wird.

Aber was ist denn nun die sicherste Methode, um sich im Unterricht Gehör zu verschaffen? Reicht es, Krawallos den Kopf zu tätscheln? Oder soll man sich ein Vorbild an jenem Lehrer aus Detlev Bucks Kinofilm "Knallhart" nehmen, der renitenten Schülern schon mal mit dem Ernstfall droht : "Noch so 'n Ding, und du wirst abgeschoben?"

Im Buch probiert Stephan Serin einige Varianten aus - zur Freude des Lesers ohne nennenswerten Erfolg.

Im richtigen Schulalltag, sagt er, warte er einfach so lange, bis die Schüler aufhören, durcheinanderzuquatschen.

Er habe jedenfalls noch nie brüllen müssen. Es scheint, als habe er das auch gar nicht nötig. Er sagt, bedruckte T-Shirts trage er jetzt nur noch unterm Pullover. Er sei für seine strengen Zensuren bekannt.

Jeden Donnerstag um 20.30 Uhr ist die Berliner Lesebühne "Chaussee der Enthusiasten", zu der auch Stephan Serin gehört, im RAW-Tempel, Stenzerhalle, Revaler Straße 99 in Friedrichshain, zu erleben. Mehr über das Programm im Internet unter: chausseederenthusiasten.blogspot.com

Am 30. April um 20 Uhr tritt Stephan Serin beim "Kantinenlesen", dem Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen, in der Kulturbrauerei, Knaackstraße 97 in Prenzlauer Berg, auf. Der Eintritt kostet 7 Euro, ermäßigt 5 Euro.