Adipositas

"Solidarität in der Familie steigert die Erfolgschancen"

Ist die Entwicklung von Kevin, Konstantin, Frederik und Joyce typisch? Beatrix Fricke sprach darüber mit Dr. Maike Pellarin, Chefärztin der AHG Klinik Beelitz-Heilstätten.

Berliner Morgenpost: Auf Dauer dünn: Wie ist die langfristige Erfolgsquote nach einer Adipositas-Kur bei Kindern?

Dr. Maike Pellarin: Leider gibt es keine konkreten Zahlen. Doch lässt sich sagen, dass die Mehrheit nach einer solchen Reha-Maßnahme gut zurechtkommt. Es gibt aber eben auch immer wieder Kinder, die eine zweite Runde brauchen, um das Erlernte zu verinnerlichen. Bei der Wiederholung zeigen sie dann oft eine größere Eigenmotivation - schon allein, weil sie älter geworden sind.

Berliner Morgenpost: Woran lässt sich der Erfolg messen?

Dr. Maike Pellarin: Natürlich an der Gewichtsabnahme, aber nicht nur. Ich werte es auch als Erfolg, wenn die Kinder in der Reha selbstbewusster geworden sind und das Gefühl haben, etwas ändern zu können. Ein wichtiger Effekt ist erfahrungsgemäß auch, dass die Kinder in der Reha erfahren, dass sie nicht allein sind mit ihren Problemen. Das wirkt stützend im Alltag.

Berliner Morgenpost: Wie kann man die Kinder zu Hause vor dem Rückfall bewahren?

Dr. Maike Pellarin: Das soziale Umfeld ist sehr wichtig. Die besten Chancen haben die Kinder, die weiter unterstützt und ermutigt werden. Und es ist sinnvoll, wenn die ganze Familie bei der Ernährungsumstellung mitmacht und sich Mühe gibt, viel Bewegung in den Alltag zu integrieren. Das geht dabei los, die Treppe statt den Fahrstuhl zu benutzen, bis hin zu sportlichen Familienunternehmungen in der Freizeit.

Berliner Morgenpost: Inwiefern kann man auch die Schule um Mithilfe bitten?

Dr. Maike Pellarin: Wenn man einen guten Draht zum Lehrer hat, ist es durchaus sinnvoll, ihn ins Vertrauen zu ziehen. Oft sind Hänseleien in der Schule ein riesengroßes Problem für adipöse Kinder - und der Schulsport. In manchen Bundesländern können Lehrer bei der Notengebung die Motivation stärker gewichten als die Leistung selbst. Das ist natürlich ideal. Denn gerade in diesem Bereich brauchen übergewichtige Kinder Unterstützung - weil eben der Purzelbaum erst einmal nicht so toll gelingt wie bei einem schlanken, sportlichen Mitschüler.

Berliner Morgenpost: Wo finden adipöse Kinder und ihre Eltern Beratung und spezielle Angebote?

Dr. Maike Pellarin: Eine gute Anlaufstelle ist der Kinderarzt. Er kann auch beraten, ob ein Klinikaufenthalt sinnvoll ist. Nach Bewegungsangeboten kann man bei der Krankenkasse und bei Sportvereinen fragen. Einige haben spezielle Kurse für adipöse Kinder. Im Internet gibt es Tipps beim Sport-Gesundheitspark Berlin unter www.sport-gesundheitspark.de, beim Netzwerk Nachsorge e.V. unter www.nena-verein.de und bei www.adipositas-schulung.de.