Bildung

Der Tiger im Kind

Das Ende der Kuschelpädagogik: In den USA ist Amy Chuas Erziehungsratbeer ein Beststeller. Bei uns wird er heftig diskutiert. Drei chinesische Familien in Berlin erzählen, warum sie die Schule hier zu lax finden

Katharina Du zählt meist zu den Besten, in der Schule wie bei ihren zahlreichen Hobbys. Die Fünftklässlerin am Humboldt-Gymnasium in Tegel hat Einsen in Englisch, Mathe und Deutsch. An der Grundschule gewann sie einen Vorlese-Wettbewerb und beruhigte damit die Sorgen ihrer chinesischen Eltern, ihr Deutsch sei nicht gut genug. Für ihre gemalten Bilder gewann die Zehnjährige mehrere Preise. Sie ist Berliner Schachmeisterin 2010 in ihrer Altersklasse. Sie spielt Querflöte, trainiert Tennis und besucht jeden Sonnabend die Chinesisch-Schule am Ernst-Reuter-Platz.

"Bildung, Lernen und Üben sind wichtig", sagt Katharinas Mutter Wanli Zhuang. Um ihre Kinder, Katharina und den vierjährigen Felix, besser unterstützen zu können, hat die 39-Jährige ihren Job am Robert-Koch-Institut aufgegeben. Was könnte wichtiger sein als die Zukunft der Kinder? "Mein Mann und ich sehen vieles ähnlich wie in dem Buch von Amy Chua", sagt Zhuang. "Die Aufgabe der Kinder ist es zu lernen." Aber extremen Zwang, so wie in China, lehne sie ab. "Wir gehen einen Mittelweg."

Die chinesischstämmige Jura-Professorin Chua hat in den USA ein Buch vorgelegt, in dem sie das westliche Erziehungsmodell für gescheitert erklärt (siehe Seite 2/3). Nur mit Druck, Drill und vielen Übungen würden die Kinder erfolgreich sein. Ihre Überzeugung belegt sie anhand der Erfolge ihrer beiden Töchter und unterfüttert damit das Klischee überehrgeiziger chinesischer Mütter, für die nur eins zählt: Ist mein Kind das beste?

"Der Schlachtruf der Tigermutter", so die Übersetzung des amerikanischen Buchtitels, schreckt nun Eltern und Erziehungswissenschaftler in Deutschland auf. Vor dem Hintergrund Chinas wirtschaftlicher Erfolge, seiner hervorragenden Pisa-Testergebnisse und Deutschlands höchstens mittelmäßigen Abschneidens bei dem internationalen Schülertest fragen sich viele: Was haben die Chinesen, was wir nicht haben? Auch Chinesen in Berlin diskutieren die Thesen der Tigermutter - und fühlen sich oftmals bestätigt, dass die Kinder in deutschen Schulen zu wenig lernten.

Der Alltag chinesischer Schüler sieht so aus: Morgens um acht beginnt er, abends um acht endet er. Die Hoffnung einer gesamten Großfamilie lastet auf den Einzelkindern, durch Bestehen in dem gnadenlosen Prüfungssystem einen der raren Studienplätze zu ergattern. Selbst Kindergartenkinder lernen schon Rechnen und Schreiben und wissen oft nicht, was Spielen ohne Zeitlimit bedeutet.

Ein neuer Trend im Land sind die Konfuzius-Schulen, in denen Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren klassische Texte auswendig lernen: jeden Tag von sechs Uhr morgens bis acht Uhr abends, auch am Wochenende. Wenn sie dann eingeschult werden, beherrschen sie mindestens 20 000 Schriftzeichen, auch wenn sie die vielschichtigen Texte noch kaum verstehen.

Auch Katharina könne nicht mit chinesischen Schulkindern mithalten, sagt ihre Mutter. Ginge das Mädchen jetzt in Shanghai, der Heimat der Familie, zur Schule, müsste sie wohl eine oder sogar zwei Klassen zurückgestuft werden. "Das Problem ist Mathematik." In Rechnen und Geometrie sind die Shanghaier Schüler Weltspitze, wie die Ergebnisse des Pisa-Tests 2010 zeigen.

In Deutschland würden nun viele den "Schlachtruf der Tigermutter" zum Vorbild nehmen, sagt Yuhong Li. Der deutsche Titel "Die Mutter des Erfolgs - Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte" mache noch deutlicher als der amerikanische, was man von dem Buch erwarte.

Die 49 Jahre alte Pädagogin Li kennt beide Erziehungssysteme - als Wissenschaftlerin, als Lehrerin und als Mutter einer 21-jährigen Tochter. In Peking studierte sie Erziehungswissenschaften, bildete dann in Wuhan Kindergärtnerinnen in Soziologie und Mathematik aus. 1987 kam sie mit einem Unicef-Stipendium nach Berlin. An der Freien Universität machte sie ihren Magister-Abschluss in Pädagogik und arbeitete anschließend dort als Wissenschaftlerin. Heute unterrichtet sie Chinesisch.

"Mich ärgert, dass die Autorin die westliche Erziehungsmethode pauschal als Pfusch verurteilt", sagt Li. "Dabei haben beide Stile ihre Vor- und Nachteile." Die Vorteile der chinesischen Erziehung seien gleichzeitig auch die Nachteile: Strenge und Disziplin.

Weil chinesische Kinder viel mehr üben als deutsche, hätten sie natürlich eine viel breitere Wissensgrundlage, sagt Li. "Aber noch wichtiger ist, dass sie auch bessere Lerntechniken besitzen." Wie lerne ich am effektivsten? Wie bereite ich mich auf eine Prüfung vor? Diese Fragen seien Inhalte des Unterrichts in China. Dabei spiele die Wiederholung eine zentrale Rolle. "Übung macht den Meister", betont Li. "Leider gilt das in Deutschland nicht so wie in China."

Kinder hätten doch so viel Energie beim Spielen, fährt sie fort. Im Kindergarten und noch viel mehr in der Schule müssten wir diese nutzen, um ihnen spielerisch etwas beizubringen. "In Deutschland sind Kinder zu häufig unterfordert." Außerdem, klagt sie, würden Kinder, die besser sind als andere, oft als "Streber" oder "Klugscheißer" herabgewürdigt - und so ihr Ehrgeiz gebremst. "Im Chinesischen gibt es gar keine Übersetzungen für diese Worte", sagt sie. "Dort wollen alle immer besser sein als die anderen."

Die Kehrseite: In China ist der Druck zu groß. "Wenn es in den Bergen keine Tiger gibt, sind die Affen Könige", zitiert sie ein chinesisches Sprichwort. In China will jeder ein gefürchteter Tiger sein, kein verspielter, alberner Affe. Um ein Tiger im Sinne Amy Chuans zu werden, muss man sich ständig mit den anderen vergleichen: Kann ich meine Konkurrenten schlagen? "Dabei bleibt eine Frage auf der Strecke", sagt Li: "Wer bin ich?" Nach Konfuzius, der 500 Jahre vor Christus Grundlagen der chinesischen Gesellschafts- und Bildungsmoral schuf, lernten chinesische Kinder auch heute noch früh Respekt - vor Eltern, Lehrern, Älteren. "Aber sich selbst und seine Bedürfnissen zu respektieren, das lernen sie nicht."

Wenn sich Li für einen Erziehungsstil entscheiden müsste, würde sie den deutschen wählen. "Es ist wichtiger, dass ein Mensch sein Glück findet, als dass seine Karriere erfolgreich verläuft." Für ihr Kind habe sie sich immer gewünscht, dass dieses ein selbstständig denkender, sozial kompetenter und freie Entscheidungen treffender Mensch wird. Daher habe sie ihre Tochter "Sissi" genannt. "Als ich den ersten Teil des Films ,Sissi' mit Romy Schneider sah, habe ich gedacht: So wünsche ich mir meine Tochter", sagt sie. "Frei, liebevoll und stark."

Ganz entgegen der landläufigen Vorstellung einer Tigermutter schickte Li ihre Tochter auf die Martin-Buber-Schule in Spandau, eine Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe. "Mir hat gefallen, dass die Schule so viele Freizeit-Aktivitäten anbietet." Auf einem Gymnasium hätte Sissi wohl mehr pauken müssen, aber weniger Zeit gehabt für Basketball, Theatergruppe und Radio-AG. "Die Gesamtschule kam meiner Idee einer bunten Gesellschaft näher als das Gymnasium", sagt Li. Sissi habe sich dann an der Schule auch sehr wohl gefühlt - und studiert heute selbst auf Lehramt.

Wenn es um das Thema Lernen geht, ging es aber auch zwischen Mutter und Tochter nicht immer konfliktfrei zu. Nach dem Abitur wollte Sissi eine Pause einlegen, trieb ausgiebig Sport und chattete Nacht für Nacht mit Freunden im Internet. "Mach doch was Vernünftiges!", drängte die Mutter. "Übe dein Chinesisch." Aber ganz wie ihr Namensvorbild ließ Sissi sich nichts vorschreiben.

Schriftzeichen pauken - das fällt auch Katharina schwer. "Warum muss ich das lernen? Das ist so langweilig!", klagt das Mädchen ständig. "Wir sind Chinesen. Das ist unsere Sprache, unsere Schrift", antwortet ihre Mutter dann. "Wir müssen beides können - Deutsch und Chinesisch." Weil Deutsch mindestens ebenso wichtig sei, besucht Zhuang regelmäßig mit beiden Kindern die Stadtteilbibliothek. "So etwas gibt es in China nicht", sagt sie begeistert. "Ich verstehe überhaupt nicht, wieso nicht auch deutsche Eltern viel häufiger diese tollen Bildungsangebote nutzen."

Verpasste Bildungschancen in Deutschland bedauert auch Weiye Chen, Vater des 15-jährigen Leo. "Die Kinder in Deutschland lernen zu wenig", sagt der 58-jährige frühere Werkstofflehrer. "Deutschland und auch die USA müssen darauf achten, dass ihre Bildungseliten mit den aufstrebenden Ländern China oder Indien in Zukunft noch mithalten können."

Chen wünscht sich, dass sein Sohn, der auf dem Gymnasium in Reinickendorf zwar gut mitkomme, aber nicht zu den Besten gehöre, ein bisschen mehr Ehrgeiz zeigt und fleißiger lernt. Mit seiner Frau, die das wesentlich lockerer sehe, liege er damit nicht auf einer Linie. "Bei uns bin ich der Tigervater, sie ist die Affenmutter."

Aber auch Chen plädiert für den goldenen Mittelweg zwischen der westlichen und der chinesischen Methode. "In Deutschland lernen die Kinder schon in der Grundschule, ihre eigenen Gedanken in Aufsätzen auszudrücken." Diese Kreativität fehle in China, sagt er. "Am besten wäre es, man würde beide Schulsysteme mischen und ein neues schaffen."