Erziehung

"Die Welt braucht nicht nur Musikgenies, sondern auch Konzertbesucher"

Gerlinde Unverzagt, Erziehungsexpertin, Autorin und alleinerziehende Mutter von vier Kindern, über den umstrittenen Bestseller von Amy Chua

Irgendwann kamen die Menschen auf die Idee, dass Perfektion machbar sei. Das war ein schwarzer Tag für die Mütter. Zwar setzten Eltern wahrscheinlich schon immer die kühnsten Hoffungen in ihren Nachwuchs, wünschten sich à la mode große Feldherren, geschickte Handwerker, fleißige Mädchen, umwerfende Schönheiten, Mathe-Asse, Sportskanonen oder wenigstens amerikanische Präsidenten heranzuziehen.

Aber etwas hat sich bei uns, verglichen mit den bescheideneren Ambitionen früherer Mütter und Väter, verändert. Es genügt nämlich nicht mehr, Kinder zu gebären, zu ernähren, zu kleiden, zu beschützen und bei aller Liebe dafür zu sorgen, dass sie beizeiten das lernen, was sie brauchen, um ihr eigenes Leben zu bestreiten. Und es genügt schon gar nicht, auf die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Wie soll man auch den Mut dazu fassen, wenn einem bei jeder kleinen Frage ums Kind ein Heer von rivalisierenden Experten an die Kehle springt und in einer wüsten Kakofonie von Besserwissern jeder eine andere alleinseligmachende Methode verkündet? Das mediale Stimmengewirr unterlegt als Hintergrundrauschen aus durchgedrehtem Perfektionismus und Kontrollwahn das Leiden ganz normaler Frauen mit Kindern, die täglich in der Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit unterwegs sind. Die gegenwärtigen Anforderungen an eine gute Mutter sind so abgehoben, widersprüchlich, irrwitzig, übermächtig und setzen so viel Selbstverleugnung voraus, dass niemand sie erfüllen kann. Der Muttermythos, dem wir anhängen, überschüttet uns mit so vielen Erwartungen, Aufgaben und Pflichten, dass man den Verstand verlieren kann, wenn man versucht, sich danach zu richten.

Das Gedeihen unserer Kinder hängt ausschließlich von der Qualität ihrer Erziehung ab, glauben wir - genauer gesagt von der Mutter, der es gewöhnlich überlassen bleibt, da Wunder zu wirken. Nur wenn die Mutter sich vorschriftsmäßig verhält, wird das Kind sich gut entwickeln. Wir haben verstanden: Nur ideale Mütter haben perfekte Kinder. Da dürfen sich Mütter einigermaßen druckbetankt fühlen - und die Kinder erst recht. Sie geraten mächtig unter Druck, wenn sie merken, dass sie nur geliebt werden, wenn sie Spitzenleistungen bringen und die hochgespannten Erwartungen der Eltern erfüllen. Aber die Kinder einfach machen lassen und auch die 4 plus noch feiern, jedem kleinen Liedchen applaudieren und jedes Gekritzel zum Kunstwerk erklären, das reicht ja vielleicht auch nicht. So bleibt die Ziellinie hocheffizienten Wettbrütens der Kampfhennen immer in Bewegung: Die Ära der maximalen Einfühlung, des bedingungslosen Liebens und allenfalls zarten Anregens von Tugenden beim Kind geht zu Ende. Jetzt soll's Strenge wieder richten. Dass wir uns wohl alle fragen, wie es chinesischen Eltern "stereotyp gelingt, erfolgreiche Kinder" aufzuziehen und so viele "Mathegenies und Musikwunder" hervorzubringen, behauptet Amy Chua, weil sie eine Antwort unter die Leute bringen will, mit der sie im andauernden Kampf um die Lufthoheit in den Kinderzimmern die Überlegenheit der chinesischen Kaserne über die westliche Kuschelecke erklärt. Theaterspielen, Kinderpartys besuchen oder fernsehen: alles verboten. Sogar die Wahl der Musikinstrumente gehorcht dabei ausnahmslos mütterlichen Präferenzen. Außer Geige und Klavier geht gar nichts, ja, Schlagzeugspielen führe automatisch in den Drogenkonsum. Mal abgesehen davon, dass die Welt nicht nur Musikgenies, sondern auch Konzertbesucher braucht, beschreibt sie einen weitgehend spaßfreien Erziehungsstil mit brutalstmöglichem Drill, in dem Leistung über alles geht und von Liebe nicht die Rede ist, dafür aber viel von Kampf, Krieg und Fronten. Und das passt ja auch ganz gut in die Zeit. Mit ihren sarrazinesken Attacken auf westliche Eltern, die dem Kind vermitteln, dass Lernen Spaß macht, liegt die Tiger-Mutter voll im Trend. Oder kreiert sie gar einen?

Durch die Medienmühle gedreht, kommt natürlich wieder nur Polarisierung heraus, wenn sich die Kinder-Krieger jetzt wieder in Fraktionen sammeln. Ehrgeizige Eltern, die ihre hochfliegenden Pläne im Kind verwirklichen, gegen Knuddelpapas und gefühlige Glucke, die ihr Kind vor allem glücklich machen und vor dem harten Leben da draußen beschützen wollen. Schrecklich bedürftig, unerwachsen und übergriffig sind sie beide: Wer Kinder braucht, um seine eigenen Emotionshaushalt zu stabilisieren genauso wie der, der im Kind ein optimierbares Objekt des eigenen Ehrgeizes erblickt. Beiden geht es nicht um die Kinder, sondern nur um sich selbst. Dass sich Kuscheln und klare Ansagen durchaus miteinander vereinbaren lassen, wissen die meisten Eltern schon aus Erfahrung. Man braucht nämlich keine Methoden, um die Entwicklung eines Babys voranzutreiben, keinen gesellschaftlichen Drill, keine tausend Kurse und kein übertriebenes Wettbewerbsdenken. Kinder sind keine Federn auf den Hüten ihrer Eltern. Und die meisten Eltern wissen das sehr gut.

Trotzdem schickt die fixe Idee, dass eben nur ideale Mütter perfekte Kinder produzieren, seit einem halben Jahrhundert Frauen, die Kinder kriegen, auf eine schwindelerregende Achterbahnfahrt, die dank wachsender Verunsicherung, beständig drohendem Scheitern, allgegenwärtiger Schuldzuweisung immer mehr an Fahrt gewinnt.

Der Treibsatz aus Schuldgefühlen und Konkurrenzdenken ist gezündet. Bahn frei für ein Wettrennen, verglichen mit dem Michael Schumacher wie ein Sonntagsfahrer im Opel Kadett wirkt: die Konkurrenz der Kinder-Kriegerinnen ist beinhart - powered by emotion. Doch während sich die Schuldgefühle mit den Jahren, mit wachsender Kinderzahl und dank eines gewissen Abhärtungseffekts etwas verlieren, bleibt uns das Konkurrenzdenken erhalten und treibt bei den meisten von uns erstaunliche Blüten.

Oder wie sonst kommt die chinesische Mutter auf die Idee, die Sartre-Lektüre ihrer dreijährigen Tochter als Erfolg zu verbuchen, das Aufbegehren ihrer jüngeren Tochter in einen pädagogischen Kollateralschaden umzumünzen und ihren Kadettendrill obendrein als Erziehung zu bezeichnen? Dann belässt sie es nicht etwa dabei zu beschreiben, wie sie nach ihrer Façon selig wird, sondern schwadroniert auch noch darüber, dass chinesische den westlichen Eltern so einiges voraushaben. Um es in den Worten von Gore Vidal zu sagen: Es ist nicht genug, erfolgreich zu sein. Andere müssen scheitern.

Amy Chua beschreibt einen weitgehend spaßfreien Erziehungsstil mit brutalstmöglichem Drill, in dem Leistung über alles geht und von Liebe nicht die Rede ist, dafür aber viel von Kampf, Krieg und Fronten.