Halloween

Gebt uns Süßes, sonst gibt's Saures!

"Halloween", sagt Charlotte, geht so: "Man verkleidet sich, als Fee zum Beispiel. Dann geht man mit seinen Freunden zu den Leuten an die Tür und ruft: Süßes, sonst gibt's Saures. Dann bekommt man Naschis." Naschis ist Charlottes genießerisches Kosewort für Süßigkeiten.

Sie erinnert sich auch noch an ein Erlebnis auf dem letztjährigen Heischegang nach Naschwerk: "Ein Mann hat die Tür aufgemacht und gesagt, bei ihm ist einer gestorben. Da haben wir keine Naschis bekommen."

Mi dem Thema Tod wurden die Kinder nur zufällig und am Rande konfrontiert. Dabei spielt der Tod an Halloween eigentlich weit über jeden Schabernack hinaus eine zentrale Rolle. Aber so ist das, wenn Rituale, zumal religiöse, sich entkernen und auf ihren kommerziellen Nutzwert und säkularen Spaßfaktor zusammenschrumpfen: Irgendwann gerät in Vergessenheit, dass es diesen Kern tatsächlich einmal gab.

Abend vor Allerheiligen

Auch bei Halloween. Das Wort ist die Verkürzung des Begriffs "All Hallows' Eve", zu deutsch: der Abend vor Allerheiligen, dem katholischen Festtag, an dem seit dem 9. Jahrhundert aller Heiligen gedacht wird.

Weil aber in Deutschland der 1. November eher still und besinnlich begangen wird, kommen insbesondere die nächtlichen Halloween-Partys bei der katholischen Kirche nicht gut an. Mancherorts müssen die Feste um Mitternacht beendet sein. Auch die evangelische Kirche hat Protest anzumelden: Der 31. Oktober ist ihr Reformationstag. Nun birgt die Kargheit protestantischer Rituale grundsätzlich ein gewisses Dilemma, und dieser Festtag sieht ebenfalls keine üppige Unterhaltung vor. Auch deshalb gerät er inzwischen sogar bei vielen Protestanten in Vergessenheit. Hingegen ist es unmöglich, Halloween unbemerkt vorüberziehen zu lassen. Schon Wochen vor dem letzten Oktobertag zieht Halloween in die Geschäfte ein, vornehmlich mit Variationen von Kürbis-Dekorationen. Für Kostümverleihe und die Süßwarenindustrie ist Halloween ein dankbares Geschäft. Denn so verschrien es bei den einen als kontextfreie Süßigkeitenjagd für Kinder und Horrorparty-Gaudi für vornehmlich junge Erwachsene ist - bei stetig mehr kleinen und großen Menschen ist das Fest beliebt.

Die Evangelische Kirche in Deutschland versucht, sich die Popularität der Veranstaltung zunutze zu machen. Sie hat nach eigenem Bekunden erkannt, dass "ein eher griesgrämiges Dagegenhalten" nichts bringt, und stattdessen vor vier Jahren die Luther-Bonbons erfunden. Der aufklärerisch motivierte Süßigkeiten-Spender kann allerdings nur hoffen, dass der Aufdruck "31. Oktober ist Reformationstag" auf dem Bonbonpapier tatsächlich das eine oder andere Kind neugierig auf Martin Luther und seine 95 Thesen zu Ablasshandel und Bußepraktiken macht. Sehr wahrscheinlich ist das nicht. Gemeinhin fragen Kinder auch nicht, welcher tiefe Sinn in Halloween stecken könnte.

Was sollte man dazu in Hamburg oder Berlin auch sagen? Anders als Ostern oder Weihnachten hat dieses Fest bei uns schlicht keinen tieferen Sinn. Bei den Iren war das mal anders, was deswegen wichtig ist, weil Halloween mitnichten ein ur-amerikanisches Fest ist, sondern von Iren importiert wurde. Inwieweit Halloween mit dem keltischen Fest Samhain zusammenhängt und sich - wie bei Oster- und Weihnachtsbräuchen - heidnische mit christlichen Ritualen gemischt haben, ist nicht zweifelsfrei nachgewiesen. Aber einiges spricht für eine Durchdringung. Samhain markierte den Übergang zur dunklen Jahreszeit. Es heißt, dass in dieser Fest-Nacht die Seelen Verstorbener herumirrten, und so trugen die Menschen Verkleidungen, um die wandernden Seelen abzuschrecken. Im Zentrum der katholischen Halloween-Sage steht die Figur Jack-o'-Lantern, ein trunksüchtiger Schmied mit schlechtem Charakter. Er war nach seinem Tod weder im Himmel noch in der Hölle willkommen, letzteres aufgrund von Händeln, die er zu Lebzeiten mit dem Teufel ausgetragen hat. Der Teufel übergab Jack immerhin als kleines Licht zur Orientierung ein Stück glühender Kohle, das Jack in eine ausgehöhlte Rübe steckte und als Laterne auf seiner dunklen, ziellosen Reise benutzte.

Als Iren während der Hungersnöte Mitte des 19. Jahrhunderts in großer Zahl in die Vereinigten Staaten auswanderten, nahmen sie ihre Bräuche mit. Auf der anderen Seite des Atlantiks war es aber leichter, an Kürbisse als an Rüben zu kommen. Und während die Iren sich auf diese Weise anpassten und dem Kürbis ganz neue Aufgabenfelder erschlossen, entdeckten auch Nicht-Iren und Nicht-Katholiken in den USA den Reiz eines Festes mit harmlosem Grusel und munterer Geselligkeit.

Erlaubt ist, was gefällt

So etwas wie eine Belebung der existenziellen Angst vor dem Tod brachte John Carpenter zurück ins Geschehen. Sein 1978 entstandener Horrorfilm "Halloween" um den Psychopathen Michael Myers, der mordend durch eine provinzielle Nachbarschaft zieht, dürften einigen Anteil an der globalen Popularisierung des Festes gehabt haben. Nicht umsonst wurde in den kommenden zwei Jahrzehnten gleich eine ganze Reihe Horrorfilme daraus. Und es war bloß noch eine Frage der Zeit, wann neben dem Film zum Fest gleich das Fest selbst nach Europa reimportiert werden würde. Es wurde dabei der einfachen Zugänglichkeit halber weiter entkernt. Freundlicher formuliert könnte man auch von Fusion sprechen. Wie in der globalisierten Küchenkultur die schlichte bäuerliche Kohlsuppe mit exotischem Curry und Kokosmilch aufgepeppt wird, haben die traditionellen Halloween-Figuren wie Hexe und Skelett inzwischen Gesellschaft von allerlei Fantasy- und Gruselgestalten, beispielsweise aus dem "Herrn der Ringe", bekommen. Erlaubt ist, was gefällt.

Das relativ Regelfreie unterscheidet Halloween vom anderen Verkleidungs- und Süßigkeitenspektakel, dem Karneval. Das traditionsverhaftete Brauchtum der Karnevalsvereine wirkt auf viele Menschen heute vergleichsweise steif, verstaubt und unlustig. Dem Bedürfnis nach freier Gestaltung folgend, ist Halloween unbestritten einfach das bessere Event: Es verlangt nichts. Außer Spaßbereitschaft - und einem Süßigkeitenvorrat für die Kinder. Dieses Unverbindliche hat auch Charlotte mit ihren sechs Jahren bereits durchschaut und den Kern des Heischegangs erfasst: "Man muss sich auch gar nicht verkleiden, die Leute wissen ja, was man will."