Geschwisterforschung

Diese Liebe hat beste Chancen

Die eigene Schwester hassen, peinlich finden, sie zwischendurch bewundern und dann heimlich ein Loch in ihr hellblaues Kleid schneiden: All das ist möglich und unter Geschwistern erlaubt.

Ganz und gar nicht erlaubt ist, wenn andere Menschen böse Dinge über die Schwester sagen. Da hört die Freundschaft auf. Da ergreift man ruckzuck Partei, ohne Wenn und Aber. Zu erklären ist das nicht. Fest steht nur, dass in keiner anderen Beziehung Hass und Liebe, Nähe und Rivalität so nah beieinanderliegen wie unter Geschwistern. Es ist die längste Beziehung im Leben eines Menschen, und sie endet nie - selbst wenn man sich zerstritten hat. Geschwister beglücken, quälen und prägen einander. Manche Forscher sagen sogar, dass die Geschwisterbeziehung das Glück in der Partnerschaft beeinflusse.

Léonard von Galen und Lea Gerber sind seit fünf Jahren zusammen. Sie sind ein schönes Paar. Wenn Lea spricht, schaut Léonard sie an. Wenn er sich Tee einschenkt, schaut sie, ob er etwas verschüttet hat. Beide sind 21 Jahre alt und wohnen seit zwei Monaten in einer riesigen Altbauwohnung in Moabit. Lea sitzt auf dem Bambusstuhl und umschlingt mit den Armen ihre Knie. Léonard sitzt neben ihr und trinkt grünen Tee. Es ist früher Vormittag, beide sehen noch etwas verschlafen aus.

Prognose: Harmonie im Überfluss

Und jetzt erfahren sie es: Ihre Zukunft sieht rosig aus, zumindest nach Ansicht des Wiener Psychologen und Geschwisterforschers Walter Toman. Ihre Liebe wird ewig halten, sie werden glücklich sein, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich irgendwann scheiden lassen, ist sehr gering. Und das alles, weil sie eine günstige Geschwisterkonstellation haben.

Lea hat einen jüngeren Bruder, Léonard eine ältere Schwester. "Hier ergänzen sich die Altersränge. Sie ist die Ältere und er der Jüngere, und beide sind das Zusammenleben mit einer altersnahen Person des anderen Geschlechts von ihrer ursprünglichen Familie her gewöhnt", schreibt Toman in seinem Buch "Familienkonstellationen". Für ihn gilt: Neue soziale Beziehungen sind unter sonst vergleichbaren Umständen umso erfolgreicher und dauerhafter, je ähnlicher sie früheren Beziehungen innerhalb der Familie sind. Bei Lea ist das so: Ihre erste Beziehung zu einem etwa Gleichaltrigen war die zu ihrem Bruder. Mit dem "ältere Schwester sein" kennt sie sich aus. "Ich hab früher oft die Mama raushängen lassen und mich bei meinem Bruder eingemischt." Sie habe sich aber auch oft Sorgen um ihn gemacht. Das sei heute noch so: "Ich bin besorgt um meinen Bruder, meine Eltern und auch um Leo."

Léonard hat insgesamt drei Geschwister, darunter auch eine ältere Schwester. Ein "kleiner Bruder" zu sein ist ihm vertraut. Er legt großen Wert auf die Meinung seiner Geschwister, und seine große Schwester erteilt auch heute noch Anweisungen. "Was sie sagt, hat für mich Gewicht", erzählt er.

Funktioniert eine Beziehung tatsächlich dann gut, wenn sich darin die Geschwisterkonstellation widerspiegelt? Lea findet, dass andere Dinge zählen. "Unsere Einstellung zur Welt ist ähnlich. Wir wollen sie beide ein bisschen verändern, aber jeder auf seine Art. Ich eher praktisch, Leo durch die Politik." Außerdem liebe sie seine Augenbrauen und könne ihm voll und ganz vertrauen. Léonard hat sich in ihre Naivität verliebt. Ihr Blick auf die Welt sei so unberührt. Und ihnen beiden sei die Familie "mega-wichtig" sagt Léonard.

In dieser Hinsicht bilden die beiden keine Ausnahme: Wer mit Geschwistern aufgewachsen ist, wünscht sich meistens selbst eine Familie mit mindestens zwei Kindern. Sogar die Mehrheit der Einzelkinder will den eigenen Nachwuchs nicht als Einzelkind großziehen. Woher aber kommt diese Sehnsucht nach Geschwistern? "Das liegt daran, dass Menschen grundsätzlich das Bedürfnis nach Nähe haben. Aber auch wenn Einzelkinder diese Nähe nicht durch Geschwister erfahren, müssen sie da kein Defizit haben. Auch zu Freunden kann man eine ähnlich intime Beziehung aufbauen", sagt Franz Neyer, Professor für Psychologie an der Universität in Jena.

Die Theorie von der Geschwisterkonstellation, die eine Partnerschaft beeinflusst, so wie Toman sie beschreibt, stellen andere Forscher infrage. Kinder würden heute individueller erzogen, nicht mehr "typisch Einzelkind" oder "typisch ältere Schwester". Deshalb sei das Modell überholt, sagt der Münchner Entwicklungspsychologe Hartmut Kasten. "Heutzutage gehen wir davon aus, dass sich der Mensch ein Leben lang entwickelt und die frühkindliche Prägung nicht mehr so entscheidend ist." Er glaubt, dass wir in der partnerschaftlichen Liebesbeziehung weniger von unseren Geschwistern, sondern vielmehr von den Eltern geprägt werden. "Einen starken Einfluss auf die Partnerschaft hat die Beziehung zwischen den Eltern. Ist die von Zärtlichkeit und behutsamem Umgang geprägt, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass auch die Kinder eines solchen Paares eine zärtliche Partnerschaft leben können", sagt Hartmut Kasten.

Dem widerspricht Ella Reiche. Die 42-jährige Berlinerin lebt mit ihrer Familie in Friedrichshain und erlebt immer wieder, dass ihre Schwester und die Geschwister ihres Mannes Einfluss auf die Partnerschaft haben. Ihr Mann Jonathan ist der Jüngste von vier Kindern. Ella Reiche wiederum ist acht Jahre älter als ihre Schwester. Nach Tomans Theorie sind sie die Idealbesetzung. "Das ist überhaupt nicht gut. Genau das Gegenteil ist der Fall", sagt sie. "Wir sind völlig anders erzogen worden. Er hatte als Jüngster viele Freiheiten, ich dagegen musste mir als Ältere alles erkämpfen."

Kampf um Zuneigung der Eltern

Vor allem wenn es um die Erziehung der eigenen Kinder gehe, hätten sie völlig unterschiedliche Erfahrungen. "Wir haben zwar eine harmonische Beziehung, aber gerade in Erziehungsfragen sind wir anderer Meinung, weil wir eben so unterschiedliche Erfahrung mit den Geschwistern gemacht haben." Sie würde sich schon als "typisch große Schwester" bezeichnen und habe früher oft einen belehrenden Ton draufgehabt, sagt Ella Reiche: "Ich dachte lange, dass ich immer recht habe, weil ich als große Schwester eben oft recht hatte." Das passte natürlich vielen nicht - und schon gar nicht ihrem Mann. Ihre Rolle als großer Schwester hat sie also in jedem Fall stark geprägt. Die aktuelle Forschung hält den Einfluss der Geschwisterposition auf die Entwicklung der Persönlichkeit zwar für etwas überschätzt, aber die Geschwister spielen natürlich eine große Rolle. "Kinder lernen den Umgang mit knappen Ressourcen, also etwa die Zuneigung und Aufmerksamkeit der Eltern zu teilen." Studien hätten auch gezeigt, dass Geschwisterkinder kooperativer seien, aber das bedeute nicht gleichzeitig, dass Einzelkinder nicht kompromissbereit wären. Sie suchten sich dann eben außerhalb der Familie verstärkt soziale Kontakte. Darauf sollten Eltern von Einzelkindern schon achten, sagt Franz Neyer.

Dass sich in Deutschland viele Eltern nur noch für ein Kind entscheiden, bedeutet aber noch lange nicht, dass es insgesamt mehr Einzel- als Geschwisterkinder gibt. Immerhin wachsen zwei von drei Kindern mit Schwester oder Bruder auf. Und eine neue Umfrage zeigt, was Léonard von Galen auch über seine Geschwister sagt: Man hält zusammen und legt Wert auf die Meinung der anderen. 74 Prozent der Befragten erzählten, dass sie sich in Notlagen und persönlichen Krisen "voll und ganz" auf ihre Geschwister verlassen würden. Kein Wunder, dass sich große Schwestern wie Lea Gerber Sorgen um den kleinen Bruder machen.

Wenn es hart auf hart kommt, suchen die meisten eher Hilfe bei ihren Geschwistern als bei Freunden. Allerdings hat sich knapp jeder Fünfte als Erwachsener mit seinen Geschwistern auseinandergelebt. Doch der Einfluss endet damit keineswegs: "Geschwisterbeziehungen können nicht beendet werden, sie wirken fort, auch wenn sich die Geschwister getrennt haben oder keine Kontakte mehr stattfinden", sagt Kasten. Das Verhältnis zur Schwester oder zum Bruder hat eben etwas Schicksalhaftes. Wir können sie uns nicht aussuchen. Deshalb hassen und lieben wir sie manchmal gleichzeitig.