Fitness

Weg mit dem Babyspeck

Das Training "LaufMamaLauf" bringt Mütter in Form und Kinder an die frische Luft

Foto: Marion Hunger

Es waren nur drei Worte. Sie standen auf einem Zettel, der an einem Baum hing. Eine geheimnisvolle Faszination ging von ihnen aus: "Lauf, Mama, Lauf!" Steffi entdeckte diesen Zettel durch Zufall, als sie ihre Runden durch den Volkspark Friedrichshain drehte. Sie schlüpfte in ihre alte Jogginghose. Sie steckte ihren Sohn Tomke, acht Monate, in den Buggy. Sie leinte ihren Border Collie Larry an. Und dann lief sie los.

Sie ist nicht allein. Seit einem halben Jahr werden Besucher des Parks regelmäßig Zeuge eines eindrucksvollen Schauspiels. Immer wieder morgens, mittags und am Nachmittag marschiert eine Kompagnie von Müttern durch die Grünanlage. Man erkennt sie schon von weitem. Sie schieben Kinderwagen oder Buggies vor sich her. Sie bleiben in regelmäßigen Abständen stehen, um das zu trainieren, was man nach neun Monaten Schwangerschaft Problemzone nennt: Bauch, Po, Beine, Schultern, Rücken. Wie das geht, zeigt ihnen eine Frau, die dieses Programm ausgetüftelt und schon an sich selbst ausprobiert hat: Katja Ohly-Nauber, 36 Jahre, zertifizierte Fitness-Trainerin. Ihr Lebensmotto klingt nach eiserner Selbstdisziplin: "Du hast zwei Kinder geboren, da wirst Du doch wohl diesen verdammten Berg noch schaffen."

Marktlücke Outdoor-Fitness

Fitness für frischgebackene Mütter und ihren Nachwuchs: Diese Geschäftsidee ist nicht ganz neu. In Prenzlauer Berg etwa können Mütter im Anschluss an die obligatorische Rückbildungsgymnastik zwischen "Qi Gong mit Baby" oder "Fitness mit dem Baby" wählen. Doch haben diese Kurse einen Haken. Trainiert wird in geschlossenen Räumen. "Sobald dein Kind zu krabbeln beginnt, hast du ein Problem", sagt Sonderpädagogin Steffi, 30. Sie schiebt ihrem zwölf Monate alten Sohn Emilian schnell noch einen Löffel mit Brei in den Mund, bevor sie, die ehemalige Basketballerin, zu ihrer ersten Fitness-Stunde mit "LaufMamaLauf" startet. "Ich kam zu nichts - das Kind hing mir die ganze Zeit am Bein."

Dieses Problem haben die Lauf-Mamas nicht. Die Kinder schlummern friedlich in ihren Karren - zumindest so lange, wie sie durch den Park geschoben werden. Was vielleicht erklärt, warum die Idee schon sechs Monate nach dem Start so gut eingeschlagen ist, dass Anfragen aus anderen Städten gekommen sind. Bislang trainieren die Mütter in vier Parks in Berlin. Ab Frühjahr bieten Katja Ohly-Nauber und ihre Geschäftspartnerin Ildiko Gössl Kurse an neun weiteren Standorten in Berlin an. Auch in Stuttgart gehen die "Laufmamas" dann an den Start.

Es waren ihre eigenen Erlebnisse, die Katja Ohly-Nauber auf die Idee mit der Outdoor-Fitness für Mütter brachten. Die Mutter von Lenny, 13, und Lorenz, 11, sagt, sie sei völlig unfit und mit zehn Kilo Übergewicht in die zweite Schwangerschaft gerutscht. Nach sportlichen Angeboten für Frauen mit Babys suchte sie vergeblich. "Es gab zwar viele Kurse, aber im Mittelpunkt stand immer das Kind." Aus der Not machte Katja Ohly-Nauber eine Tugend. Sie joggte mit den beiden Söhnen im Geschwisterwagen durch den Park. Von diesen ersten Übungen bis zur Lizenz als Group-Fitness-Trainerin und zum ersten Halbmarathon in Dresden waren es dann nur noch kleine Schritte. "Ich werde nie vergessen, wie stolz meine Kinder am Rand der Marathon-Route standen und ein Schild hochhielten", erzählt sie. Darauf die magischen drei Worte: "Lauf, Mama, Lauf!"

Eine der Frauen, die sich heute von diesem Ruf anfeuern lassen, ist Steffi, 31 Jahre alt. Die sportliche Frau hielt sich mit Joggen und Schwimmen fit, bevor sie zum ersten Mal schwanger wurde. "Zehn Kilo Übergewicht müssen runter", hat sie sich vorgenommen. Und überhaupt: Sie sei nicht mehr so beweglich und auch ihr Gleichgewichtssinn habe durch die Geburt von Klein-Tomke gelitten. Es sind Probleme, die sie mit den anderen Müttern teilt. Durch die Schwangerschaft hat sich die Symmetrie des Körpers verschoben. Die einen leiden an einem geschwächten Beckenboden, die anderen an Rückenschmerzen vom Stillen oder an Nackenverspannungen vom vielen Tragen.

Katja Ohly-Nauber will, dass sich die Frauen "wieder im eigenen Körper zu Hause fühlen." Sie hat sich zur prä- und postnatalen Group-Fitness-Trainerin fortbilden lassen, um noch besser auf die Bedürfnisse der Mütter eingehen zu können. Offenbar mit Erfolg, wie Sozialpädagogin Julia, 39, verrät, während sie ein dickes Gummiband zwischen den nach oben ausgestreckten Armen spannt. "Abends spüre ich jeden Muskel", seufzt die Mutter dreier Kinder. Es ist als Kompliment an die Trainerin gemeint.

Julia genießt zudem den Spaß, den ihr das Training in der Gruppe bringt. Doch heute muss sie das Workout vorzeitig unterbrechen. Denn plötzlich ertönt eine Sirene: Töchterchen Antonia brüllt. Die Nase läuft, sie hat kaum geschlafen. Es ist zwecklos, sie zu beruhigen. Dabei war es so ein schönes Bild. Da stehen sie vis-à-vis des Denkmals eines spanischen Freiheitskämpfers, elf Mütter, die den Oberkörper synchron zu dem des äußerst elastischen Helden stretchen, bloß ohne Schwert in der Hand.

Gesang und Kekse

Man lernt: Dies ist ein Workout, das die Fähigkeit zum Multitasking erfordert. Ein graumelierter Herr mit Hut, der auf einer Parkbank verschnauft, verfolgt es staunend: Sobald die Kinderwagen zum Stehen kommen, protestieren einige Kinder - erst zaghaft, dann erbost und am Ende mit einem wütenden Crescendo. Doch die Lauf-Mamas geben nicht so schnell auf. Sie sind wild entschlossen, ihr Pensum zu Ende zu bringen, und probieren es jetzt mit Singen: "Ei wie langsam/Ei wie langsam/kommt der Schneck/ von seinem Fleck." Antonio tröstet das nicht. Seine Mutter zieht sich zum Stillen auf eine Parkbank zurück. Emilians Mama tauscht den Schnuller gegen einen Keks, Steffi schaukelt Tomke in seinem Buggy hin und her, während sie versucht, den Anweisungen der Trainerin zu folgen: "Schulterblätter hinter dem Rücken zusammenführen! Noch acht, sieben, sechs..."

Die Frauen sind jetzt an der letzten Station angekommen. Dehnungsübungen. "Schnappt Euch die Kinderwagen, stellt den linken Fuß vor den rechten. Und jetzt den Körper gaaanz weit nach links beugen", ruft Katja Ohly-Nauber. Leichter gesagt als getan. Nach 50 Minuten haben auch die geduldigsten Babys genug vom Sport. Die Mütter nehmen ihre quengelnden Kinder auf den Arm. Nur noch wenige Minuten, dann fängt der gemütliche Teil des Programms an.

In einem kleinen, netten Café mit Kamin gibt es Käsekuchen für die Mamas und Obstkompott aus dem Gläschen für die Kinder - und einen Muskelkater als Souvenir an das Training für mehr Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit.