Grüne Woche

"Die Kinder sind... sehr beweglich"

Oma, Opa, Grüne Woche: Das hat Tradition. Aber so ein Ausflug verlangt Großeltern viel ab

Foto: Christian Hahn

Ryan Eric steht vor einem "Claas Jaguar 950", 350 PS, und sieht den Trecker einfach nur an, schon seit zehn Minuten. "Kein Trecker. Ist ein Häcksler", sagt er andächtig. Ryan liebt Landmaschinen, er spart schon seit einem Jahr für seinen ersten Mähdrescher. Nächsten Monat, zu seinem Geburtstag, hat er sich wieder nur Geld gewünscht. Dann wird er vier Jahre alt. Und er ist jetzt schon fast so groß wie das Vorderrad, das er streichelt. Überall in der Halle 3.2 der Grünen Woche klettern kleine Jungen und Mädchen auf Traktoren (oder Häckslern) herum. Ryan Eric erlaubt, nach kurzem Zögern, Lilli (2), mit ihm zum Führerhaus des Jaguar zu klettern. Aber nur, weil sie nun einmal seine kleine Schwester ist. Die beiden sind, wie die meisten hier, mit ihren Großeltern gekommen, Oma, Opa und Grüne Woche, das hat Tradition.

Großmutter Gabriele Ziggel (50) hat erst am frühen Morgen um eins ihr "Schuhmarkt-Eck" in Perleberg geschlossen. Aber um acht musste sie los mit den Kindern, und jetzt darf sie keinen Moment unaufmerksam sein - weil Lilli schon zum übernächsten Trecker unterwegs ist, oder weil Ryan, ganz verträumt und mit nichts als Mähdreschern im Kopf, gerade die nächste Stufe verpasst und fast den Häcksler hinabfällt. Großvater Reinfried hat eine Spedition, und als Nebenerwerb haben sie ein bisschen Landwirtschaft zwei Kühe, schwarzbuntes Niederungsvieh, dazu zwei Schweine und ein Pony.

Träumen vom Landleben

Ryan Eric und Lilli Pauline leben in Perleberg fast das Landleben, von dem die Berliner Besucher einmal im Jahr während der Grünen Woche träumen. Vier Generationen - zwei Uromas, die Großeltern, Eltern und Enkel - wohnen in zwei benachbarten Häusern in Perleberg. Die Kinder wissen, dass ein Ferkel zum Schwein wird und dick - und dann geschlachtet und Wurst. Und Ryan lässt sich abends Bücher über Traktoren vorlesen. Manchmal macht sich sein Vater René Sorgen. Er selber ist Berufssoldat: "Ich hoffe nur, dass es mit der Landwirtschaft besser wird." Ryan Eric hat mehrfach angekündigt, dass er Bauer werden will - sein Vater nimmt das erst einmal ziemlich ernst.

Aber trotzdem: Hier sind die Kühe, die ziemlich ungerührt in ihrem Gehege liegen und aus großen Augen all die fremden Menschen besichtigen, braun und weiß. "Viele Farbmischungen", sagt der Großvater, "haben die Kinder ja noch nie gesehen." Und er schwärmt von dem großen rot-weißen Bullen und den Ponyhengsten, die allerdings noch etwas nervös wegen der Menschen und des Lärms durch ihre Halle rasen. Die fand Lilli weniger faszinierend, denn gleich nebenan sind die Ferkel, wie sie der Opa immer hat. Aber, fragt Lilli: "Was macht das ganz große Ferkel da?" Ziggel: "Ich musste ihr erklären, dass das die Mutter ist, hat sie ja noch nie gesehen, dass die ihren Kindern zu essen gegeben hat und alle Ferkel jetzt schlafen."

Landwirtschafts-Fans wie Ryan werden bei der Grünen Woche nicht als Besucher mitgezählt - unter sechs Jahren ist der Eintritt frei. "Mehrere tausend" waren es im vergangenen Jahr, schätzt die Pressestelle. 25 000 Kinder und Jugendliche kamen mit der Schulklasse, in diesem Jahr kostet der Eintritt dann vier Euro, weitere 25 000 mit Eltern oder Großeltern zu Besuch (Tageskarte für Schüler acht Euro).

Eine Halle weiter sitzt eine Gruppe fröhlicher Rentner und kostet den Eiswein. Es ist 10.40 Uhr. Die Rentner sind sehr entspannt und schenken nach. Entweder haben sie keine Enkel - oder sie haben sie vorausschauend zuhause gelassen.

Im vergangenen Jahr wurden allein in der Länderhalle Deutschland 20 000 Thüringer Bratwürste und 6000 Weißwürste aus Bayern gegessen, außerdem 6000 Maultaschen, und 43 Hektoliter Bayrisches Bier wurden dazu ausgeschenkt. Reinfried und Gabriele konnten kaum etwas essen, keine Zeit, erzählen sie nach dem Messe-Besuch: "Mal ein Schnittchen bei einem Fleischerstand und so einen Muffin, Apfel-Zimt, im Vorbeigehen. Die Kinder sind... sehr beweglich."

Inge Luckows Enkel dagegen sind gerade still und schauen sich die Kühe an. "Die Kühe sind das Allerbeste hier!", sagt Henning (5). "Stimmt nicht! Das waren die Katzen!", sagt seine Schwester Pauline (8). "Na ja, ich mochte eigentlich die Hunde am liebsten", sagt die Großmutter. Eine Stunde sind sie in den Messehallen inzwischen unterwegs, haben noch nicht einmal ein Zehntel der Ausstellung gesehen. Henning war zwischendurch ein bisschen maulig, unzufrieden, aber die Kühe haben seinen Tag gerettet.

Ryan und Lilli mussten früh aufstehen, der Mittagsschlaf fällt auch aus. Aber sie haben so viel zu tun, dass sie es (noch) nicht merken. Jetzt gerade müssen sie die Produktköniginnen beim Einzug begleiten. Die beiden marschieren an der Seite mit und klatschen, als die 147 jungen Frauen zur Bühne gehen. Die Majestäten haben Titel wie Joanna I., Steckrübenkönigin von Schleswig-Holstein, die Spargelkönigin von Buxtehude ist da, und auch Johanna Distsch, Baumkönigin aus Gera-Dürrenebersdorf. Und das sind wirklich ganz echte Prinzessinnen, erklärt Lilli, das merke man schon daran, dass die alle so schön sind und so schöne Kleider anhaben. Ryan Eric findet die Königinnen auch sehr schön. Fast wie Mähdrescher. Ryan hat den Opa noch einmal zu den Treckern gezerrt. Sie haben einen "John Deer"-Traktor angeschaut, und im Führerhaus gesessen - Großvater Reinfried hatte die junge Hostess vom Hersteller-Stand gebeten, die Maschine aufzuschließen. Sie haben auf ihrem Nebenerwerbs-Hof auch einen John Deer: "Aber nur einen ganz alten, von 1990." Ryan mag beide.

Lilli wollte zum Schluss noch unbedingt die Elefanten sehen. Schwierig, auch für sehr liebevolle Großeltern - es gibt traditionell keine auf der Grünen Woche. Auf der Rückfahrt in der S-Bahn redete sie nur von Elefanten, zeigte, wie ein Elefant geht, und trötete wie ein Elefant.

Im Zug zurück nach Perleberg, am Nachmittag gegen vier Uhr, schlief sie tief, erschöpft von Riesenferkeln und Kühen und fehlenden Elefanten. Ihr Bruder auch.

Beim Aufwachen zuhause haben sie den müden Großeltern mitgeteilt, dass sie unbedingt wieder hinwollen zur Grünen Woche. Sogar, wenn dann noch immer keine Elefanten da sein sollten.