Tag des alkoholgeschädigten Kindes

Die zweite Chance

Wenn Schwangere trinken, kann das für ihre Kinder schwerwiegende Folgen haben. Alkoholgeschädigte Kinder haben meist bleibende Behinderungen und brauchen Unterstützung

Das Erste, was Rita Albrecht* an Simon* auffiel, war, wie erschreckend fidel der Kleine schien. Ohne Unterlass rannte der Eineinhalbjährige durch die Wohnung, kasperte und lachte. Licht an, Licht wieder aus. Tür auf, Tür zu. "Es war kaum zu ertragen", erinnert sich die 51-Jährige und schüttelt noch heute den Kopf über diese ersten Tage mit ihrem Pflegekind. Rita Albrecht hatte schon einen eigenen Sohn, als sie Simon zu sich nahm. Über seine Herkunftsfamilie wusste sie wenig mehr, als dass das Baby dort meist sich selbst überlassen war. Auch in einer Kurzzeit-Pflegefamilie hatte der Junge keine Zuneigung erfahren. "Mir war klar, dass er Traumata mitbrachte. Aber ich dachte, wenn ich ihm nur genug Liebe schenke, kann ich das ausgleichen." Heute, elf Jahre später, nach unzähligen Terminen bei Ärzten, Psychologen und Therapeuten, weiß Rita Albrecht: Heilbar ist das, was Simons Leben erschwert, nicht. Denn seine Chance auf normale Entwicklung wurde zunichte gemacht, bevor er überhaupt zur Welt kam.

Alkoholembryopathie oder auch Fetales Alkoholsyndrom (FASD) heißt die geistige und emotionale Behinderung, die bei Simon - wie bei geschätzt 3000 bis 4000 Neugeborenen jährlich in Deutschland - durch den Alkoholkonsum der Mütter in der Schwangerschaft verursacht wurde. Damit sind die unter FASD zusammengefassten Hirnschäden häufiger als genetisch bedingte Behinderungen wie das Downsyndrom. Allerdings: Anders als Erbkrankheiten wäre FASD komplett vermeidbar - woran der heutige Internationale Tag des alkoholgeschädigten Kindes erinnert.

Richtige Diagnose erst nach Jahren

Wie viel Geduld die Alkoholschädigung den Eltern betroffener Kinder abverlangt, "das kann man erst ermessen, wenn man es erlebt", sagt Sabine Wöbke*. Die gebürtige Berlinerin sitzt in Rita Albrechts Wohnzimmer und tauscht mit ihr Erfahrungen aus. Seit Kurzem erst existiert die FASD-Selbsthilfegruppe, die sich einmal im Monat trifft. Anders als die anderen Gruppenmitglieder, kannte Wöbke als Sozialarbeiterin die Mutter ihrer Pflegesöhne Peter* (6) und Benedikt* (4) ebenso wie deren Lebensumstände. "Ich wusste, das wird eine harte Nummer", sagt die resolute 45-Jährige. Was dann kam, war trotzdem noch viel schwieriger als erwartet. Selbst in ihrer Geburtsstadt Berlin - neben Münster der einzige Ort, wo es spezielle FASD-Beratungs- und Untersuchungszentren gibt - dauert es oft Jahre bis zur richtigen Diagnose. "Von der Symptomatik wie von der Anamnese her ist diese oft schwierig", sagt die Kinderärztin Heike Hoff-Emden vom FASD-Zentrum der Charité. Bei niedergelassenen Ärzten finde das Thema aber zunehmend Beachtung. Auch Nicole und Ludger Jansen* hatten mit Adoptivsohn Joschka* schon vieles probiert, als sie einen Faltzettel des Kinderheims Sonnenhof in die Hände bekamen. Die Spandauer Einrichtung betreut speziell alkoholgeschädigte Kinder. In dem Flyer fand Nicole Jansen Hinweise auf typische Gesichtsmerkmale der Kinder. Sie kramte frühe Fotos von Joschka hervor und erschrak fast, wie genau manches zutraf. "Bei einigen Bildern dachte ich spontan, die mag ich dem Arzt gar nicht zeigen", bekennt die 53-Jährige.

Im Kinderheim Sonnenhof wurde 2007 eine FASD-Beratung gegründet, die seit Januar 2010 ans Virchow-Klinikum in Wedding gezogen ist. Am FASD-Zentrum für Menschen mit angeborenen Alkoholschäden betreuen Kinderärzte und Psychologen Eltern mit ihren Kindern, übernehmen die Diagnose und beraten bei der Therapie. Tatsächlich hilft die Diagnose nicht nur den kleinen Patienten, die dadurch spezielle Therapien erhalten können. "Anfangs habe ich mich oft gefragt, warum werden die Dinge nicht leichter", sagt Rita Albrecht. Positive Entwicklungen kann sie erst richtig wahrnehmen, seit sie mit der Diagnose auch weiß, dass vieles sich einfach nicht ändern lässt - die Aufmerksamkeitsdefizite nicht und auch nicht die aggressiven und teils autoaggressiven Ausbrüche, die Lernschwierigkeiten ebenso wenig wie die Unfähigkeit, Stimmungen und Launen anderer zu deuten und entsprechend zu reagieren. Aber auch nicht die Verlustängste und die Verletzungen, die der Zusammenprall mit der Gesellschaft oft hervorruft.

Es sind die ganz kleinen Schritte, die einen Sprung nach vorn bedeuten. "Ich habe mich jeden Tag über die Klettverschlüsse gefreut", sagt Sabine Wöbke. Mit ihnen konnte Peter endlich, nach einer ganzen Sommersaison des Übens, allein seine Schuhe zumachen. Bis mit dem Herbst auch neue Schuhe kamen. Wieder mit Klettverschlüssen. "Als er die ausziehen sollte, schüttelte er den Fuß und wunderte sich, warum der Schuh nicht abfiel", erzählt seine Pflegemutter. Mit dem alten Schuhwerk war auch jede Erinnerung an die Benutzung von Klettverschlüssen verschwunden. "Jetzt fange ich eben wieder von vorne an", sagt Wöbke achselzuckend.

Singen statt schimpfen

Schwer macht es den Eltern oft genug auch ihre Umgebung. Fremde reagieren leicht mit Unverständnis, weil auf Ausbrüche der Kinder nicht die erwartete Maßregelung folgt. Wenn Peter seine Pflegemutter nach der Kita erst mal eine halbe Stunde lang wüst beschimpfte, bespuckte und schlug, weil der Vormittag für ihn eigentlich schon viel zu viel war, und sie ihn dann, wenn er endlich völlig abgekämpft war, in den Arm nahm, "dann konnten das andere Eltern einfach nicht begreifen", sagt Sabine Wöbke. "Aber ich kann ihm doch nicht böse sein, das wäre einfach unfair. Er will mich ja nicht ärgern, das ist ein totaler Kontrollverlust."

Erziehungsmittel wie Schimpfen oder Strafen bewirken bei FASD-Patienten ohnehin wenig. "Anordnungen oder ein Verbot werden einfach nicht abgespeichert", hat Ludger Jansen selbst mühsam begreifen müssen. Dafür kann pädagogischer Erfindungsreichtum manchmal eine Bresche schlagen. So erlebte im Kinderheim Sonnenhof ein Erzieher, dass einer seiner Schützlinge Anweisungen leichter behielt, wenn sie ihm vorgesungen wurden.

In Wöbkes Badezimmer hängen Fotoreihen, die Peter und Benedikt zeigen, wie man das Gesicht wäscht oder die Zähne putzt. "Bei uns läuft ganz viel über Bilder", sagt sie. Gemalte Hinweise am Kühlschrank ersparen so die ständige Wiederholung, dass Eis nur bei Sonnenschein und nicht abends gegessen wird. Was für die Kinder vor allem zählt, ist aber die Gewissheit, einfach geliebt zu werden. "Bei allen Schwierigkeiten, wir haben das beste Kind der Welt", sagt Nicole Jansen. Und auch Rita Albrecht und Sabine Wöbke sorgen sich um die Zukunft "ihrer" Jungen. Denn nur zwölf Prozent der FASD-Patienten können als Erwachsene ein eigenständiges Leben führen. Heike Hoff-Emden von der Charité fordert deshalb eine behördliche Anerkennung von FASD als lebenslanger Behinderung.

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert

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