Interview mit Jürgen Zöllner

"Der Elternwille ist von zentraler Bedeutung"

Familienpolitik ist ein wichtiger Standortfaktor. Annette Kuhn sprach mit Bildungs- und Familiensenator Jürgen Zöllner (SPD) darüber, wie Berlin noch familienfreundlicher werden kann.

Berliner Morgenpost: Es ist eine Empfehlung des Familienbeirats, die Vernetzung von Angeboten und Informationen voranzutreiben. Wie kann das aussehen?

Jürgen Zöllner: Es reicht nicht, Informationen einfach ins Internet zu stellen. Wer selbst Schwierigkeiten hat, Deutsch zu sprechen, wird sich nicht auf deutschen Internetseiten tummeln. Wir müssen noch stärker an Eltern, vor allem aus sogenannten bildungsfernen Schichten, herantreten und sie in die Familienzentren holen. Dort bekommen sie Beratung zu allen Lebensbereichen. Und hier muss vor allem auch der Austausch Betroffener vorangetrieben werden. Eine Familie mit Migrationshintergrund ist ja ganz anders in der Lage, andere Familien mit ähnlichen Problemen zu beraten und ihnen Ängste zu nehmen.

Berliner Morgenpost: Solange Kinder in die Kita gehen oder in den Hort, kommen berufstätige Eltern mit den gegebenen Betreuungsmöglichkeiten meist zurecht. Schwierig wird es danach.

Jürgen Zöllner: Wir haben in Berlin schon eine viel bessere Situation als in den anderen Bundesländern. Aber es gibt noch ein Problem in der fünften und sechsten Klasse. Hier brauchen wir ein Ganztagesangebot, wie wir es in der Sekundarschule umgesetzt haben. Ich gehe davon aus, dass man in Klasse fünf und sechs die gleichen Voraussetzungen schaffen wird, wenn es die haushaltsmäßigen Möglichkeiten gibt.

Berliner Morgenpost: Ein wichtiger Faktor für Familien ist die Bildung. Besonders bedrängt Eltern derzeit die Frage, wie es nach der Grundschule für ihre Kinder weitergeht. Die Auswahl nach Noten kritisieren viele Eltern, weil je nach Schule und Lehrer die Notengebung sehr unterschiedlich ist. Lassen sich hier verbindlichere Kriterien schaffen?

Jürgen Zöllner: Die Standards für die Noten werden natürlich berlinweit gesetzt. Ich bestreite nicht, dass es da Unterschiede in der Notengebung gibt. Selbst in einer Schule gibt es insbesondere bei der Beurteilung mündlicher Schulleistungen eine gewisse Variationsbreite. Aber die ist aller Wahrscheinlichkeit nach zwischen den Schulen nicht größer als innerhalb einer Schule. Das Problem habe ich doch beim Abitur auch: Nur der geringste Teil der Abiturnote ist von den zentral geschriebenen Anteilen der Abiturarbeiten abhängig.

Berliner Morgenpost: Der diesjährige Jahrgang der Sechstklässler ist besonders stark, weil das Einschulungsalter herabgesetzt wurde. Wird es trotzdem für jedes Kind mit einer Empfehlung fürs Gymnasium einen Platz dort geben?

Jürgen Zöllner: Die Zusicherung, dass man für die Schulart, die man wählt, auch einen Platz bekommt, bleibt selbstverständlich bestehen. Jeder, der auf ein Gymnasium will, bekommt dort auch einen Platz. Übrigens auch ohne Gymnasialempfehlung, weil ich der Meinung bin, dass der Elternwille von zentraler Bedeutung ist.

Berliner Morgenpost: Eine Familie besteht nicht nur aus Eltern und Kindern. Auch der Familienbeirat empfiehlt, den Begriff weiter zu fassen. Die Pflege Angehöriger ist für viele ein großes Problem. Welche Rahmenbedingungen müssen hier geschaffen werden?

Jürgen Zöllner: Das ist eine der großen Herausforderungen, wir müssen uns hier mehr einfallen lassen. Wir haben uns bislang zu sehr auf den Anfang des Lebens konzentriert. Ich glaube, wir müssen aber auch Unterstützungssysteme für andere Familienbereiche aufbauen. Dabei geht es nicht nur um Pflege, es geht auch darum, sich um andere Menschen zu kümmern. Es gibt auch Einsamkeit, die nichts mit Gesundheitsproblemen zu tun hat. Wir müssen Möglichkeiten ausbauen, dass man generationsübergreifend für andere da ist und Verantwortung übernimmt. Für Leute, die dazu bereit sind, müssen wir Erleichterungen schaffen.

Berliner Morgenpost: Wenn Sie daran zurückdenken, als Ihre Kinder klein waren. Welche Probleme hatten Sie und Ihre Frau?

Jürgen Zöllner: Das Hautproblem war, dass wir uns entscheiden mussten, wer zuerst studiert und wer sich um die Kinder kümmert. Ich habe dann als Erster studiert, und als ich fertig war, meine Frau. Für beide gleichzeitig war das organisatorisch nicht möglich, weil es die Infrastruktur, die wir heute haben, damals noch nicht gab.

Berliner Morgenpost: Was bedeutet für Sie Familie?

Jürgen Zöllner: Familie ist ein wichtiger Bereich, ohne den die Gesellschaft nicht auskommt, weil es neben dem Respekt, den wir jedem anderen Menschen entgegenbringen müssen, auch noch einen Qualitätssprung in der Verantwortungsübernahme gibt. Jeder Mensch muss in ein engeres Netzwerk eingebunden sein. Auch das ist Familie.