Unbeaufsichtigt

Kinder allein zu Haus

Der Abend kommt, an dem die Kleinen ohne Babysitter einschlafen müssen. Aber in welchem Alter kann man sie gefahrlos allein lassen? Das hängt vom KInd ab, sagt unsere Autorin, und von den Nerven der Eltern

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Wenn Eltern ihren zehnjährigen Jungen zu Hause vergessen und in den Weihnachtsurlaub fliegen, wird das wohl nur in Hollywood richtig witzig. Im wirklichen Leben treibt schon der Gedanke daran, was dem Kind alles zustoßen oder was es anrichten könnte, wenn es unbeaufsichtigt wäre, den Eltern die Schweißperlen auf die Stirn. Das Kind allein daheim? Kommt überhaupt nicht infrage, so weit scheinen sich zumindest die Eltern von Babys und sehr kleinen Kindern einig. Je kleiner die Kinder, desto mehr sind sie auf Schutz angewiesen. Doch was, wenn sie größer werden? Irgendwann kommt der Moment, wo es sich nicht umgehen lässt, das Kind auch mal allein zu lassen - auf einen Sprung zum Bäcker, kurz runter zum Briefkasten oder zum Auto, um eine vergessene Einkaufstasche zu holen. Sei es, dass man alleine ist oder sich so fühlt, sei es, dass kein Babysitter zur Hand ist und die Oma weit weg - manchmal wäre es einfach praktisch, wenn man ein Kind mal eine gewisse Zeit unbeaufsichtigt lassen könnte, beispielsweise weil man arbeiten muss, zum Friseur will, ein älteres Kind von der Schule abholen oder - gottbewahre - gerne mal wieder einen Abend im Kino verbringen würde?

Kann man das? Darf man das? Und ab welchem Alter? Was könnte passieren? Den meisten Eltern ist völlig bewusst, dass ihre Sorgen um ihre Kinder von außen betrachtet leicht übertrieben wirken. Doch Eltern glauben auch, sie müssen so sein, um ihrer Kinder willen. Sie sind immer weniger dazu geneigt, die Sicherheit ihrer Kinder aufs Spiel zu setzen, indem sie sie unbeaufsichtigt lassen.

Katastrophen-Risiko

Es ist auch das vergnügliche Spiel mit den schlimmsten Ängsten der Eltern, das Filme wie "Kevin allein zu Haus" zu einem der meistgesehenen Filme aller Zeiten gemacht hat. Der Erfolg legt beredt Zeugnis darüber ab, dass Leinwandfantasien über unvorstellbare Gefahren, die unbeaufsichtigten Kindern drohen, auf einen lebendigen Nachhall in besorgten Elterseelen treffen. Kevin guckt zwar zuerst nur fern und spachtelt Süßes, doch als zwei Ganoven sich anschicken, ins Haus einzubrechen, wird's richtig gefährlich. Nun wissen die meisten Eltern zwar im Grunde ihres Herzens, dass die Wahrscheinlichkeit einer echten Katastrophe wirklich minimal ist. Doch Kevins Eltern würden sich wie andere auch wahrscheinlich nie verzeihen, wenn ihrem Kind etwas zugestoßen wäre. Allerdings hat Kevin sein Abenteuer auch bravourös gemeistert.

Wer rechnet schon praktisch jederzeit damit, dass in die Wohnung eingebrochen wird, ein Feuer ausbricht oder das Kind entführt wird, wenn man es mal kurz aus den Augen lässt? Eltern tun das. Und sie tun das nicht, weil sie verrückt, hysterisch oder sonst wie verdreht sind, sondern weil sie versuchen, die besten Eltern zu sein, die sie sein können. Denn sie können den Gedanken nicht ertragen, dass ihrem kleinen Schatz etwas passieren könnte, das zu verhindern gewesen wäre, wenn sie nur noch besser aufgepasst, noch weiter vorausgedacht, noch genauer hingeschaut hätten.

Kann man's also wagen? Lieber nicht, warnen die einen. Nur, wenn's gar nicht anders geht, rufen die anderen. Frühzeitig üben, raten die nächsten. Auf die Frage, ab wann man ein Kind auch mal allein lassen kann, gibt es so viele verschiedene Antworten, wie es Kinder gibt. Der Gesetzgeber hält sich bedeckt: Eltern müssen ihm Rahmen ihrer Aufsichtspflicht dafür sorgen, dass das Kind vor Schaden bewahrt wird, aber auch niemand anderem schadet. Und sie müssen ihren Kindern etwas zutrauen, auch das sagt der Paragraf 1626 BGB: "Bei der Pflege und Erziehung berücksichtigen die Eltern die wachsende Fähigkeit und das wachsende Bedürfnis des Kindes zu selbstständigem verantwortungsbewussten Handeln." Verbindliche Richtwerte - wie etwa pro Lebensjahr zehn Minuten länger - oder gar feste Vorschriften, die gibt es nicht. Und das ist auch gut so.

Denn es geht in der Frage, ob und wie lange ein Kind unbeaufsichtigt sein kann, ausschließlich um genau das Kind, das man gerade vor sich hat: einen Wildfang, einen Angsthasen, einen Draufgänger, ein Sensibelchen... Entscheidend ist dabei weniger, ob man sich auf das Kind verlassen kann. Manche Vierjährige können immer noch nur bei Licht einschlafen und würden ihrer Mama am liebsten auch noch auf die Toilette folgen.

Andere wirken mit vier schon so vernünftig, dass man sie guten Gewissens schon mal ein Stündchen alleine lassen könnte. Sie ziehen sich alleine an, können eine Stulle schmieren und selbstständig telefonieren. Sie sind sicher im Umgang mit dem Haustürschlüssel und gehen schon selbstständig Brötchen holen. Doch dann schneiden sie plötzlich der Barbie-Puppe die Haare ab, weil sie mal sehen wollen, ob die nachwachsen. Oder sie stolpern mit dem Apfelsaft in der Hand, dabei wird der Teddy nass, und sie beschließen, ihn trocken zu föhnen. Kaum haben sie den Föhn gefunden, machen sie sich erfolgreich an der Steckdose zu schaffen, tricksen die Kindersicherung aus. Schlimmstenfalls ist mit der Steckdose etwas nicht in Ordnung ... nicht auszudenken! Eltern kennen ihr Kind am besten und wissen, was sie ihm zutrauen können und was nicht. Einen Versuch ist es wert: Aber schleichen Sie sich auf keinen Fall einfach weg, auch wenn ihr Kind mitten ins schönste Spiel vertieft ist. Sagen Sie ihm, wohin Sie gehen und dass Sie wiederkommen, wenn der Uhrzeiger "da oben" steht. Sind zwei Kinder im Haus, riskieren sie besser nichts. Vierjährige haben gemeinsam doppelt so viele Einfälle, die gefährlich sein können. Auch auf Kleinere können Vierjährige noch nicht aufpassen.

Bis zum zehnten, elften Geburtstag muss man mit allem rechnen - vor allem mit dem, womit Kinder noch nicht rechnen können. Gerade vier- und fünfjährige Kinder haben viele gute Ideen. Nur Gefahren vorauszusehen, das fällt ihnen noch schwer. Während sich das akute Gefahrenbewusstsein schon in den ersten Lebensjahren entwickelt und der ursächliche Zusammenhang zwischen heißen Herdplatten und Schmerz, scharfem Messer und Blutstropfen schon im Kopf gespeichert sind, verfügen erst Achtjährige über eine Art vorausschauendes Gefahrenbewusstsein.

Der große Moment

Es bleibt jahrelang schwierig, das angenehme Gefühl der Sicherheit, das man für die eigenen Kinder anstrebt, mit dem Gefühl der Unsicherheit in Einklang zu bringen, sobald man nicht bei den Kindern ist. Eltern, und besonders Mütter, wollen ihre Kinder immer ein bisschen zu sehr beschützen. Der rettende, ausgleichende Faktor ist ein heftiger Widerstand der Kinder. Sie wollen Neues wagen, Fehlschläge riskieren und Dinge ausprobieren. Der Moment, wo ein Kind verkündet, dass es groß genug ist, um alleine zu bleiben, fällt nicht oft mit dem zusammen, wo die Eltern genau denselben Eindruck gewinnen, aufatmen, die Haustür von außen zumachen und endlich mal wieder ins Kino gehen. Doch er kommt, der große Moment - nach vielen kleinen Schritten.

Überschaubare Zeiträume und klare Absprachen geben für den Anfang Kindern Sicherheit und Orientierung. Absolute Pünktlichkeit ist erste Elternpflicht. Freunde, die in der Nähe wohnen oder Nachbarn, die im Notfall erreichbar sind und einen Zweitschlüssel bekommen haben. Telefon mit eingespeicherter Nummer, dem Kind einschärfen, dass es wirklich niemandem die Tür öffnen darf und auch am Telefon niemandem sagen darf, dass es allein ist. Sorglos ist nicht dasselbe wie achtlos. Probieren Sie das Alleinbleiben erst einmal tagsüber. Wie geht's dem Kind damit? Besprechen Sie, dass Sie gehen wollen, wohin Sie gehen wollen, wie Sie zu erreichen sind und wann Sie nach Hause kommen. Wenn alles gut gegangen ist, probieren Sie weiter.

Es wird nicht lange dauern, dass Sie wie immer mit wild klopfendem Herzen und sorgsam spähenden Augen die Wohnungstür aufschließen und aus dem Kinderzimmer tönt Ihnen triumphierend entgegen: "Siehst du! Ich kann schon gut alleine bleiben!" Dann können Sie aufatmen - wie Kevins Mutter, die am Ende ihren Jungen wohlbehalten in die Arme schließt: Ist doch immerhin alles so gut gegangen, dass es eine Fortsetzung geben kann.

Morgenpost-Autorin Gerlinde Unverzagt schreibt seit Jahren zu Themen rund um die Familie. Die 50-Jährige lebt als alleinerziehende Mutter von vier Kindern in Berlin. Bekannt wurde sie als Lotte Kühn mit "Das Lehrerhasserbuch". Ihr jüngstes Buch: "Eltern an die Macht" (Ullstein Verlag).