Christian Bahrmann

Wie der freche Prenzlkasper zum Kikaninchen kam

Christian Bahrmann moderiert im Kika die Sendung für die kleinsten Fernsehzuschauer: In Prenzlauer Berg lässt er im eigenen Theater die Puppen tanzen

"Schau mal, wer da ist, der Christian aus dem Fernsehen!" Inna schiebt ihre vierjährige Tochter Alina sanft nach vorne, die Kleine klammert sich schüchtern an die Hand der Mutter. Mit großen Augen guckt sie Christian Bahrmann an, den sie von der Sendung Kikaninchen vom Kinderkanal (Kika) des öffentlich-rechtlichen Fernsehens kennt. Heute ist sie mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder Matteo in das Puppentheater "Prenzlkasper" im Eliashof in Prenzlauer Berg gekommen. Sie will ein Autogramm von Christian Bahrmann. Der 35-Jährige ist mittlerweile bundesweit unzähligen Vorschulkindern und ihren Eltern als "der Christian" bekannt, der beste Freund des Kikaninchens - eines animierten, blauen Hasen. Zusammen sind sie werktags von 6.50 bis 10.25 Uhr auf Sendung. Was kaum einer weiß: Christian Bahrmann kann nur deshalb so perfekt mit dem virtuellen Häschen interagieren, weil er seit Jahrzehenten mit Herzblut Puppenspieler ist, tief verwurzelt in Berlin, wo er sein eigenes Theater betreibt.

Kurz vor der Vorstellung von "Rotkäppchen und der Wolf" um 17 Uhr sind etwa zwanzig Kinder mit Müttern oder Großeltern gekommen. Die Kleinen turnen auf den Holzbänken herum, löffeln Bio-Jogurt, im Hintergrund läuft der Kikaninchen-Song "Dibedibedab", den einige schon mitsingen können, die CD mit Kinderliedern von Kikaninchen und Christian ist im November erschienen. Bevor Christian Bahrmann hinter der Bühne loslegt - ein Aufbau mit Stellwand und rechteckigem "Fenster", in dem die Puppen zu sehen sind, Bahrmann steht auf einer Klappleiter und spielt über Kopf - schreibt er geduldig Autogramme und unterhält sich mit Alina und ihrer Mutter. Die strahlt, bedankt sich mehrmals, lobt das Fernsehprogramm - die kleine, weißblonde Alina macht immer noch große Augen, sie sagt nichts.

Unterhaltung für Familien

"Wir sind deshalb bei den Kindern so beliebt, weil uns ihre Eltern so mögen, vor allem die Mütter", sagt Christian Bahrmann über sich und das Kikaninchen. Seit 2007 war er an der Entwicklung der Figur beteiligt, im Oktober 2009 erschienen beide zum ersten Mal auf Sendung. "Im Fernsehen sind wir unheimlich lieb zueinander, das gefällt", sagt der Vater einer Tochter und eines Sohnes . Er persönlich wäre gerne ein wenig frecher in der Kinderunterhaltung, davon muss er die Kika-Macher noch überzeugen. In seinem Puppentheater kann er das schon jetzt umsetzen. Da sorgt ein Wildschwein für Gelächter, weil es vor Angst vor dem bösen Wolf immer pupsen muss, der will zwar ganz standesgemäß die Großmutter fressen, schreit aber auch "Ich bin ein Star, holt mich hier raaaaus!". Dieser Witz gehört den Erwachsenen, die mitgekommen sind.

"Ich war noch nie der Ansicht, dass Kinderunterhaltung intellektuell minderwertiger sein sollte, vor allem biete ich hier Familientheater für Kinder und Erwachsene an", sagt Bahrmann, der insgesamt vier Jahre an der renommierten Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin Schauspiel und Puppenspiel studiert hat. Eigentlich wollte er immer Lehrer werden, hat es auch mit Englisch und Erdkunde auf Lehramt versucht, aber nach zwei Semestern war der ursprüngliche Wunsch, auf der Bühne zu stehen, übermächtig. Schon früh hatte er Musik gemacht, fing mit zehn Jahren zu DDR-Zeiten am Kreispionierhaus in Mitte das Puppenspiel an. Nach dem Studium war Bahrmann zunächst Schauspieler an einigen großen Theaterhäusern in Deutschland, Österreich und der Schweiz. 2002 beschloss er, nicht mehr ständig unterwegs sein zu wollen, und machte sich mit seinem mobilen Puppentheater "Spectaculum" selbstständig. Fortan war er noch mehr unterwegs, spielte rund 300 Vorstellungen jährlich - von Alpenrand bis Ostsee. Gleichzeitig schlug er im "Prenzlkasper" Wurzeln, den er schließlich von seinem Vorbesitzer übernahm. All das erzählt er in schnellen Sätzen, mit Anekdoten angereichert, sogar in verschiedenen Stimmlagen. Keine Frage, Christian Bahrmann ist eine One-Man-Show. Im Mai 2007 kam der Anruf von einer Produktionsfirma des Kika: ob Bahrmann bei der Entwicklung eines neuen Moderationsangebots mitmachen wolle. Natürlich wollte er und wurde neben Schauspieler, Puppenspieler, Synchronsprecher, Filmemacher und Musiker auch noch Moderator im Kinderfernsehen. Und das unter erschwerten Bedingungen. Im Studio des Kika in Erfurt gibt er ebenfalls die One-Man-Show, das Kikaninchen kommt erst später per Computer hinzu.

Schattenseiten der Kikaninchen-Welt

"Was bei der Entwicklung des Kikaninchens wichtig war, ist meine Erfahrung mit kleinen Kindern", sagt er. Der Puppenspieler weiß, dass etwa Dreijährige kaum eine Dreiviertelstunde Vorstellung durchhalten. Es sei denn, sie dürfen mitmachen. Beim "Rotkäppchen" sind die Kleinen ständig gefordert, etwa wenn sie mit "Hauruck!"-Rufen dem Kasperl helfen, den Wolf zu überwältigen. Ähnlich funktioniert das Kikaninchen, das mit Christian im Morgenprogramm Kindersendungen präsentiert und eigene Abenteuer erlebt. Doch die kunterbunte Kikaninchen-Welt hat auch Schattenseiten. In der Vorbereitungsphase sahen seine eigenen Kinder Christian Bahrmann öfter im Fernsehen als zu Hause, nannten ihn "Papa Kika". Und das, obwohl in der Familie Bahrmann Fernsehen unter der Woche tabu ist. Das Kikaninchen gab es nur am Wochenende auf DVD oder im Internet zu sehen. Auch sonst steht Bahrmann dem Kinderfernsehen nicht unkritisch gegenüber: "Das Kikaninchen-Programm richtet sich an Kinder ab drei Jahren. Allerdings bekomme ich viele Fanbriefe von Zweijährigen oder deren Eltern. In dem Alter können sie noch gar nicht so viel aufnehmen, im Prenzlkasper schicken wir so kleine Kinder eigentlich wieder nach Hause." Allerdings entschieden ja nicht die Kinder, was sie sehen, sondern deren Eltern. Ihn persönlich reizen am Kikaninchen die technische Aufarbeitung und die pädagogischen Hintergründe. Egal, in welchem seiner vielen Jobs: Christian Bahrmann will immer der Lehrer sein, der er offiziell nie geworden ist. Er will Kindern vor allem Kommunikationsverhalten beibringen - und natürlich die wichtigste Puppentheater-Grundregel: Es geht immer gut aus.

"Kinderunterhaltung sollte auf keinen Fall intellektuell minderwertig sein"

Christian Bahrmann, Puppenspieler