Familie statt im Heim

Ein Lächeln als Lohn

Betreuung in der Familie statt im Heim: Sigrid Kocaman aus Kreuzberg kümmert sich um ihre 96-jährige Großmutter

Alma Glück* sitzt lächelnd auf ihrem Sofa. Die Hände liegen ruhig im Schoß, die wachen Augen hängen an den Lippen ihrer Enkelin Sigrid Kocaman. Die 53-jährige Kreuzbergerin betreut ihre Großmutter in Mariendorf seit gut einem Jahr intensiv. Seit einem Schlaganfall, den die alte Dame trotz einer kalten Nacht auf ihrem Flur liegend gut überstand, ist das Leben allein kaum mehr möglich. Die Ärzte plädierten für ein Heim, aber schon ein Probetag in der Altentagesbetreuung hinterließ die 96-Jährige verwirrt.

Alma Glück braucht das Gleichmaß, das ihr ihre Wohnung bietet. Seit fast 50 Jahren lebt sie nun schon dort. Katze Emilie leistet ihr Gesellschaft, denn ihr Mann ist bereits vor 28 Jahren gestorben. "Ich hatte schon als Kind eine Katze", sagt Alma Glück und schaut ihre Enkelin fragend an. "Ja, hattest du", bestätigt diese. Sigrid Kocaman ist das Gedächtnis ihrer Großmutter. Was gestern war, wann genau ihr geliebter Mann Abi starb und wie ihre Ururenkel heißen, weiß die Frau auf dem Sofa nur manchmal. Sigrid Kocaman versucht nachzuhelfen: Ein Fotoalbum liegt aufgeschlagen auf dem Tisch. Darin gibt es nicht nur Bilder aus der Vergangenheit, sondern auch von den drei Enkelinnen, zwölf Urenkeln und acht Ururenkeln. Bilder als Gedächtnistraining.

Schwieriger Rollentausch

Mehr als 1,5 Millionen Menschen werden nach offizieller Statistik der Krankenkassen derzeit zu Hause versorgt - durch ihre Familie und mithilfe ambulanter Pflegedienste. Das klingt nach gelebter Verantwortung und Liebe. Doch ist häusliche Pflege durch Verwandte wirklich die beste? Wie gelingt der Rollentausch, wenn Kinder ihre Eltern füttern, Enkel ihre Omas und Opas unterstützen oder einst starke Partner hilflos wie Kinder werden?

Klaus Pawletko kennt die Lage in Familien mit Pflegefällen. 1993 begann der studierte Soziologe im Verein "Freunde alter Menschen" ehrenamtlich alte Menschen zu begleiten. Seit 1999 leitet er den Verein als Geschäftsführer. "Pflege zu Hause kann nicht nur für den Gepflegten soziale Isolation bedeuten, sondern auch für den Pflegenden", sagt er. Die zeitintensive Sorge verleite dazu, Interessen und soziale Kontakte zu vernachlässigen. Oft reiche auch die Kraft dazu nicht mehr. Selbst Ehe gefährdend könne sich Pflege auswirken: "Wenn einer seine Eltern pflegt, gerät der Partner leicht ins Abseits."

Pawletko weiß, dass die Helfenden oft selbst Hilfe brauchen: in Form von Auszeiten, seelischer Unterstützung, Entlastung vor allem bei den Arbeiten, die stark in die Intimsphäre eingreifen. Das Wechseln von Windeln oder Katheterbeuteln etwa ist nach Ansicht von Pawletko besser in den Händen professioneller Kräfte aufgehoben. "Werden die Grenzen der Fürsorge überschritten, gerät die bestgemeinte Beziehung in Gefahr", sagt Pawletko. Gerade weil man den Betreuten liebe und oft das Leben mit ihm geteilt habe, träten Trauer oder Wut an die Stelle der Fürsorge, weil der andere nicht so reagiere, wie man es sich wünsche. Betroffen sind vor allem Familien, die einen Demenzpatienten pflegen. Statt des stämmigen Handwerkers oder hochgebildeten Akademikers begegnen die Pflegenden nun einem hinfälligen und verwirrten Menschen.

Die eigenen Grenzen wahren

Auch Sigrid Kocaman und ihre Großmutter haben eine sehr enge Bindung. "Meine Omi war für mich Mutterersatz", erzählt die Enkelin. "Ich war sehr viel bei ihr. Einmal habe ich sie als Kind sogar gefragt, ob ich 'Mama' zu ihr sagen darf." 'Ja, gerne!' wirft da Alma Glück ein. Sigrid Kocaman lächelt. Ihr Vater, der einzige Sohn von Alma Glück, ist bereits verstorben. Ihre Mutter lebt im Seniorenheim, da sie - obwohl 20 Jahre jünger als Alma Glück - weitaus stärker pflegebedürftig ist. Da lag es nahe, dass sie es übernahm, sich um die Oma zu kümmern. Ihre Schwester ist dafür stärker bei der Mutter engagiert.

Zweimal in der Woche besucht die verwitwete Kreuzbergerin ihre Großmutter für einen halben Tag. Das kann sie mit ihrer Arbeit als Stadtteilmutter vereinbaren. "Wir sitzen zusammen und reden, oder ich lese etwas vor oder koche für uns." Ganz bewusst hat Sigrid Kocaman Pflege- und Putzarbeit abgegeben, weil sie findet, dass dadurch die Würde der alten Dame am besten gewahrt bleibt. Und weil so mehr gemeinsame Zeit bleibt. Zu der Seniorin, die in Pflegestufe zwei eingruppiert ist, kommt dreimal täglich eine Pflegerin und dreimal täglich der Medikamentendienst. Dazu regelmäßig eine Putzkraft und eine ehrenamtliche Helferin vom Besuchsdienst der "Freunde alter Menschen". Auch sie leistet Alma Glück Gesellschaft, denn ihre Wohnung verlässt die 96-Jährige seit Jahren nicht mehr. Die Welt da draußen macht ihr Angst.

Senioren-Helfer Pawletko begrüßt eine solche Arbeitsteilung. Denn oft, so weiß er aus Erfahrung, suchen die Pflegenden zu spät Hilfe - wenn sie selbst zusammenbrechen. "Es ist wichtig, eigene Grenzen zu wahren", sagt Sigrid Kocaman. "Das ist ein Grund, warum Omi und ich beschlossen haben, dass sie so lange in ihrer eigenen Wohnung bleibt, wie es geht." Und dennoch kann die 53-Jährige nicht verhindern, dass sie sich permanent sorgt. Sie erzählt davon, wie Pflege-Aushilfen die Oma verstört zurückgelassen haben. Und dass die Demenz dazu geführt hat, dass Alma Glück sehr vertrauensselig ist. Daher müsse sie alles kontrollieren. Ihre Großmutter hat sie ausdrücklich dazu aufgefordert, ihr alle Vollmachten gegeben.

Doch trotz der Belastungen genießt Sigrid Kocaman jede Begegnung mit der alten Dame. "Ich habe so viel von ihr bekommen und bin ihr so dankbar", sagt sie. "Davon möchte ich ein Stück zurückgeben." Sie hofft, dass sich ihre eigenen Kinder auch einmal so liebevoll um sie kümmern. "Es ist ja nicht nur, dass man etwas gibt. Man bekommt auch etwas zurück." Sigrid Kocaman legt liebevoll den Arm um Alma Glücks Schultern und erntet ein Lächeln. "Ich gebe ihr das Gefühl, dass sie wertvoll ist", sagt Sigrid Kocaman. "Und genau das gibt sie mir auch."

* Name geändert