Reizüberflutung

"Eltern sollten die Emotionen ihrer Kinder ernst nehmen"

Von welchem Alter an können Kinder fernsehen? Und wie viel? Mit Michael Gurt, Medienpädagoge am JFF-Institut für Medienpädagogik in München, verantwortlich für Flimmo, die Programmberatung für Eltern, sprach Gabriele Eisenrieder.

Berliner Morgenpost: Kikaninchen wird schon von Zweijährigen geguckt...

Michael Gurt: Wir empfehlen, Kinder unter drei Jahren nicht fernsehen zu lassen. Jüngere Kinder sind von dieser Flut von Bildern und Tönen leicht überfordert. Außerdem sind bei Kindern bis zum Alter von drei andere Entwicklungsaufgaben vorrangig.

Berliner Morgenpost: Welche sind das?

Michael Gurt: Sie müssen ihre Umwelt und ihre Bezugspersonen mit allen Sinnen begreifen lernen, sie sehen, hören, anfassen. Wenn sie auch noch die Eindrücke aus dem Fernseher verarbeiten müssen, kann es zu einer Reizüberflutung kommen. Es kann sein, dass die anderen Entwicklungsaufgaben darunter leiden, sich die Entwicklung also verzögert.

Berliner Morgenpost: Wie viele Stunden wöchentlich dürfen Kinder im Vorschulalter fernsehen?

Michael Gurt: Da gibt es keine strikten Regeln, aber Drei- bis Vierjährige sollten nicht länger als 20 Minuten täglich fernsehen. Man kann auch ein wöchentliches Zeitbudget festlegen, etwa drei Stunden, und dann einzelne Sendungen mit den Kindern verhandeln. So lernen sie selbstverantwortlich ihren Medienkonsum zu steuern. Früher oder später kommen Kinder ohnehin mit Medien, Werbung und zahlreichen Informationsinhalten in Berührung. Sie müssen vor allem von ihren Eltern lernen, wie man verantwortlich mit Medienangeboten umgeht, wie man auswählt und welches Maß an Mediennutzung ihnen gut tut. Und was sehr wichtig ist: Nach Möglichkeit mit den Kindern gemeinsam gucken und über das Gesehene sprechen!

Berliner Morgenpost: Warum ist das wichtig?

Michael Gurt: Kinder sind emotional mit den Serienhelden sehr verbunden. Kommt es etwa zu typischen angstbesetzten Situationen im Film, wie die Trennung von den Eltern, Gefahren, leiden die Kleinen stark mit. Dann ist es wichtig, über das Mitleid, die Emotionen zu sprechen und beispielsweise darauf hinzuweisen, dass es doch gut ausging. An sich sollten Eltern diese Emotionen ihrer Kinder ernst nehmen. Wenn Kinder aber zu sehr emotional involviert sind, sich etwa stark fürchten, sollten Erwachsene darauf hinweisen, dass es "nur eine Geschichte" ist und der Figur nichts wirklich Böses zugestoßen ist. Vorschulkinder sind Fernsehanfänger, sie können noch nicht ausreichend zwischen fiktionalen und realen Inhalten unterscheiden.

Berliner Morgenpost: Ist Fernsehen gelerntes Verhalten?

Michael Gurt: Natürlich. Ich erlebe es etwa auf Elternabenden oft, dass Erwachsene sich über das Medienverhalten ihrer Kinder beklagen. Frage ich dann nach, höre ich, dass sie zu Hause selbst sofort Fernseher oder Computer anmachen. Eltern sind Vorbilder für ihre Kinder, schon Zweijährige wollen auch vor den Fernseher, wenn sie die Eltern da ständig sehen, Kinder nehmen wahr, welchen Reiz das Medium auf die Erwachsenen ausübt. "Die anderen dürfen das aber alle sehen!" - ein typischer Erziehungskonflikt.

Berliner Morgenpost: Wie sollen Eltern reagieren?

Michael Gurt: Das ist ja das Problem aller Eltern, dass Kinder sich mit ihrer "peer group" vergleichen. Eltern sollten schon Regeln aufstellen und mit den Kindern dann darüber sprechen, warum sie bestimmte Dinge nicht sehen dürfen. Man kann Kinder auch darauf hinweisen, was sie in dieser Zeit besseres machen könnten, etwa malen, draußen sein, mit anderen spielen.

Berliner Morgenpost: Wie müssen Fernsehinhalte für Vorschulkinder gestaltet sein?

Michael Gurt: "Die Sendung mit der Maus" ist ein gutes Vorbild. Fragen des alltäglichen Lebens werden altersgerecht erklärt, die einzelnen Beiträge sind kurz gehalten, und die Kinder werden zu eigenen Ideen angeregt. Das ist beim Kikaninchen ähnlich, Kinder werden aufgefordert, mitzumachen, mitzusingen. Und: Es läuft keine Werbung zwischendurch.