Alterspflege

Mehr Flexibilität durch Familienpflegezeit

Die Zahlen sind deutlich. Zwei Drittel der Deutschen, die über 50 sind, wollen auch im Alter von 70 Jahren noch eigenständig in einer gewöhnlichen Wohnung oder einem Haus leben.

Hingegen möchten nur 15 Prozent später ins Pflegeheim oder eine Seniorenresidenz beziehungsweise zu Verwandten (16 Prozent). 57 Prozent würden bei Bedarf ein zusätzliches Hilfsangebot in Anspruch nehmen. Dies ergab eine aktuelle Umfrage von TNS Emnid.

Doch auch wenn die Familie ihren Angehörigen das selbstständige Wohnen mit Unterstützung bis ins hohe Alter gern ermöglichen möchte: Nur in seltenen Fällen lässt sich dies so einfach umsetzen. Häufig ist es der Zeitmangel, der einem intensiven Kümmern um die pflegebedürftigen Senioren entgegen steht, da viele potenzielle Pflegende minderjährige Kinder zu versorgen haben und zudem mitten im Berufsleben stehen. Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Bundesfamilienministeriums belegt: Für 79 Prozent der Bundesbürger lassen sich Beruf und Pflege nicht gut vereinbaren.

Um Berufstätigen die Pflege ihrer Angehörigen zu erleichtern, hat Bundesfamilienministerin Kristina Schröder das Konzept der Familienpflegezeit entwickelt. Es sieht vor, dass Beschäftigte in Betrieben ab 16 Mitarbeiter zur Pflege eines Angehörigen ihre Arbeitszeit für maximal zwei Jahre auf bis zu 50 Prozent reduzieren können. Trotz halber Arbeitszeit erhalten sie 75 Prozent des Lohns. Dieser Lohnvorschuss soll später bei voller Arbeitszeit durch ein weiter reduziertes Gehalt abgegolten werden. Derzeit wird in der schwarz-gelben Koalition über den Entwurf Schröders beraten, der nach ihren Vorstellungen 2012 in Kraft treten soll. Parallel dazu startete die Ministerin am 13. Januar bei der Firma Roche Diagnostics in Mannheim ein Modellprojekt. "Bislang kann man für die Pflege ein halbes Jahr aus dem Beruf aussteigen, bekommt aber in dieser Zeit kein Gehalt. Daher fürchten viele Menschen finanzielle und berufliche Nachteile. Mit der Familienpflegezeit helfen wir den Berufstätigen, diese Lücke zu schließen", erklärte Familienministerin Schröder.

Ob das Konzept brauchbar ist, ist allerdings umstritten. Als reines Arbeitszeitmodell greife es viel zu kurz; wichtig sei eine besser ausgestattete Pflegeversicherung und perspektivisch ein Pflegegeld nach dem Vorbild des Elterngelds, hieß es aus der Opposition. Die Wirtschaft kritisierte die Familienpflegezeit als neue Belastung für die Betriebe. Sie enthalte einen scharfen Kündigungsschutz, berge unklare Anspruchsvoraussetzungen und bringe neue Bürokratie, monierte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag. Zudem bremsten derartige gesetzliche Vorgaben das Eigenengagement und die Kreativität der Betriebe. "Pflege ist eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft und deshalb muss auch die Wirtschaft ihren Beitrag leisten", konterte indes Elisabeth Bußmann, Präsidentin des Familienbunds der Katholiken. Pflegende Angehörige bräuchten einen verbindlichen Rechtsanspruch für eine Familienpflegezeit. "Absichtserklärungen der Arbeitgeber reichen nicht aus", so Bußmann.

Die Motive von Familien, ihre Angehörigen selbst zu pflegen, sind sehr verschieden. Neben dem Wunsch der Senioren nach möglichst viel Eigenständigkeit und wenig Veränderungen spielen laut Klaus Pawletko vom Verein "Freunde alter Menschen" auch die teils desolaten Zustände in den stationären Einrichtungen eine Rolle. Zudem sei die finanzielle Belastung ein wesentlicher Faktor. Rund 2500 Euro koste die ambulante Pflege, die stationäre auch mal 1000 Euro mehr, so Pawletko. Etliche Haushalte lebten von der Rente der Senioren und dem Pflegegeld. Dabei übernähmen die Pflegeaufgaben meist die weiblichen Familienmitglieder. Pawletko: "Pflege ist nach wie vor Frauensache."

"Pflege ist eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft"

Elisabeth Bußmann, Präsidentin des Familienbunds der Katholiken