Telefonaktion

Wie kommt unser Kind auf die Wunschschule?

Bei der großen Telefonaktion der Berliner Morgenpost haben sich die Leser vor allem über die Rechtslage informiert

Foto: M. Lengemann

Die Anmeldung an den weiterführenden Schulen beginnt nach den Winterferien. Doch viele Eltern sind verunsichert, welche Schule sie wählen sollen. Die Aufnahmekriterien haben sich geändert, und viele Sekundarschulen haben erst im vergangenen Jahr ihr Profil entwickelt. Sechs Experten beantworteten deshalb in einer großen Telefonaktion Fragen der Leser. Hier ein Auszug aus den Fragen und Antworten.

Auswahlkriterien

Anett R. aus Mitte: Wie hoch ist der Prozentsatz der Schulen, die ausschließlich nach der Durchschnittsnote der Förderprognose auswählen? Wie hoch ist er bei Sekundarschulen und wie hoch bei Gymnasien?

Siegfried Arnz von der Bildungsverwaltung: Insgesamt wählen 52 Prozent aller Oberschulen im Fall der Übernachfrage ausschließlich nach der Durchschnittsnote der Förderprognose aus, bei den Integrierten Sekundarschulen sind es 50 Prozent und bei den Gymnasien 53 Prozent. 19 Prozent aller Oberschulen haben keine Kriterien festgelegt.

Aufnahmegespräch

Siegfried Arnz von der Bildungsverwaltung: Was darf in einem Aufnahmegespräch zwischen der Schulleitung und den Eltern beziehungsweise dem Kind gefragt werden?

Siegfried Arnz: Ein Aufnahmegespräch dient zunächst ausschließlich der Information und dem Kennenlernen, es wirkt sich nicht auf die Aufnahmechancen an der Schule aus. Nur in dem Fall, dass zwei oder mehr Kinder nach den festgelegten Kriterien auf dem gleichen Rangplatz sind, kann die Entscheidung in einem Auswahlgespräch getroffen werden. Eine Schule mit mathematisch-naturwissenschaftlichem Profil kann dann im Aufnahmegespräch zum Beispiel die besondere Eignung oder das besondere Interesse für Mathematik und Naturwissenschaften erfragen, wenn sie dies vorher als Kriterium festgelegt hat. Oder eine Schule mit musikalischer Bildung kann erfragen, wie ernst es der Schülerin oder dem Schüler mit seinen musikalischen Aktivitäten ist.

Anmeldung

Siegfried Arnz: Bin ich verpflichtet, bei der Schulanmeldung auch eine Zweit- und Drittschule anzugeben?

Elternvertreter Manfred Thunig: Nein, verpflichtet sind Sie dazu nicht. Aber ich würde es Ihnen sehr raten. Denn wenn Ihre Wunschschule überlaufen ist und Sie keine Alternative angeben, kann das Bezirksamt Ihnen einfach eine zuweisen, die dann nicht einmal in Ihrem Bezirk liegen muss. Daher ist es besser, Sie geben noch zwei weitere Schulen an, die für Sie in Frage kommen würden. Sie erhöhen damit die Chancen, an einer Schule angenommen zu werden, die Ihnen zusagt.

Zweit- und Drittwunsch

Elternvertreter Manfred Thunig: Wahrscheinlich reicht der Notendurchschnitt meines Kindes nicht für die Wunschschule. Wie stehen nun unsere Chancen, bei der Zweit- oder Drittwahl angenommen zu werden?

Manfred Thunig: Zunächst werden immer die Härtefälle aufgenommen. Danach werden 60 Prozent der Plätze verteilt, nach welchen Kriterien, das entscheidet die Schule. In Ihrem Fall geht es offensichtlich nach Notendurchschnitt. Wenn Ihr Kind bei diesen 60 Prozent nicht dabei ist, haben Sie noch eine weitere Chance: Denn 30 Prozent der Plätze müssen verlost werden. Für die Zweit- und Drittwahl gelten die gleichen Kriterien. Damit Ihnen nicht das Gleiche wieder passiert, empfiehlt es sich, dort unbedingt Schulen zu nennen, die nicht so überlaufen sind. Die gibt es eigentlich in jedem Bezirk. Sie können sich dazu auch beim Bezirkselternausschuss erkundigen. Und falls es bei allen drei Schulen nicht klappt, weist das Bezirksamt Ihnen eine zu. Das richtet sich danach, was für Schulwünsche Sie angegeben haben. Also, wenn Sie ein Gymnasium wollten, muss der Bezirk einen Platz auf einem Gymnasium finden, wenn Sie sich für eine Sekundarschule entschieden haben, muss er dort fündig werden. Allerdings muss die Schule nicht unbedingt im Wohnbezirk liegen.

Chancen

Manfred Thunig: Mein Sohn erhält eine Gymnasialempfehlung, sein Notendurchschnitt liegt bei 2,0. Wir haben uns Ihre Schule, die Friedensburg-Oberschule, am Tag der offenen Tür angesehen und waren sehr angetan. Hat mein Sohn eine Chance, an Ihrer Sekundarschule aufgenommen zu werden?

Schulleiter Paul Schuknecht: Die Chancen Ihres Sohnes liegen bei beinahe 100 Prozent. Natürlich kann ich keine Versprechung machen, aber wir haben in den vergangenen Jahren alle Schüler mit Gymnasialempfehlung aufgenommen, und über den Daumen gepeilt werden wir wohl auch alle Bewerber mit einer Durchschnittsnote der Förderprognose bis zu 2,7 oder 2,8 bei uns begrüßen. Zum Leistungsniveau: Bei uns haben pro Jahrgang etwa 20 Prozent der Schüler eine Gymnasialempfehlung, aber 30 Prozent gelangen in die Oberstufe. Außerdem sitzen bei uns nur 24 Schüler in einer Klasse, wir haben unterschiedliche Förderangebote. Aber natürlich kann Ihnen niemand voraussagen, wie sich Ihr Kind während der Pubertät entwickelt.

Starker Jahrgang

Schulleiter Paul Schuknecht: In diesem Jahr geht ja durch die vorgezogene Einschulung vor einigen Jahren ein anderthalbfacher Jahrgang an die Oberschulen. Gibt es denn überhaupt genügend Plätze?

Thomas Duveneck von der Bildungsverwaltung: Obwohl das Einschulungsalter um ein halbes Jahr vorgezogen wurde, ist der Jahrgang der heutigen sechsten Klassen nur um rund 16 Prozent größer. Also ist es nicht ganz so dramatisch, wie viele Eltern befürchten. Offenbar war der Jahrgang nicht so geburtenstark, möglicherweise wurden aber auch im Jahr zuvor mehr sogenannte Kannkinder schon früher eingeschult. Wir haben gemeinsam mit den verantwortlichen Bezirken natürlich Vorsorge getroffen und für diese Schüler zusätzliche Plätze eingerichtet.

Härtefälle

Thomas Duveneck von der Bildungsverwaltung: Was sind eigentlich Härtefälle?

Thomas Duveneck: Die Härtefallregelung kommt nur dann zum Tragen, wenn die Nachfrage an einer Schule größer ist als das Platzangebot. Maximal zehn Prozent der Plätze sind dann zunächst für Härtefälle reserviert, diese müssen aber natürlich nicht alle ausgeschöpft werden. Bei einem Härtefall muss der Besuch einer anderen Schule als der gewünschten aus bestimmten Gründen unzumutbar sein. Ein solcher Fall könnte beispielsweise vorliegen, wenn ein Elternteil alleinerziehend ist und eine Behinderung hat und deshalb eine andere Schule nur schwer erreichen könnte. Aber auch hier kommt es auf den Einzelfall an. Geschwisterkinder an der gewünschten Schule sind allein kein Härtefall. Es muss schon ein anderer Grund hinzukommen, wie in dem Beispiel genannt. Wenn es weniger als zehn Prozent Härtefälle gibt, dann können die Schulen die 60 Prozent der Schüler, die sie selbst auswählen, entsprechend aufstocken.

Transparenz

Thomas Duveneck: Wie transparent läuft das Auswahlverfahren ab?

Thomas Duveneck: Die Schulen haben ihre Auswahlkriterien offengelegt. Die Kriterien mussten eingereicht werden und wurden von der Senatsverwaltung überprüft. Wenn wir Zweifel daran hatten, dass die Prüfung, das Gespräch oder der Test transparent oder gerecht bewertet wird, haben wir nachgefragt. Wenn beispielsweise ein Test an zwei Tagen durchgeführt wird, dürfen natürlich nicht dieselben Fragen gestellt werden. Hinterher muss die Schule gegenüber dem Schulamt begründen, warum sie das eine Kind aufgenommen hat und warum das andere nicht. Die Eltern erfahren in den Ablehnungsbescheiden dann auch, welche Kriterien ausgereicht haben. Eine Begründung muss es geben.

Schulwahl

Thomas Duveneck: Mein Enkel kommt in die siebte Klasse. Er hat einen Notendurchschnitt von 3,3. Eigentlich ist er ein guter Schüler, aber er hat Konzentrationsschwierigkeiten. Woher sollen wir wissen, welche weiterführende Schule am besten für ihn ist?

Thomas Duveneck: Die Förderprognose beruht auf den Noten der fünften (2. Halbjahr) und sechsten Klasse (1. Halbjahr). Alle Fächer zählen mit, die Hauptfächer (Deutsch, Mathe, Fremdsprache und Nawi) werden bei der Ermittlung des Durchschnitts aber doppelt gezählt. Dadurch erhalten sie ein größeres Gewicht. Außerdem werden Lernkompetenzen eingeschätzt, also beispielsweise wie das Durchhaltevermögen ist. Eine Sekundarschule wäre für ihren Enkel die richtige Wahl, aber auch die Montessori-orientierte neue Gemeinschaftsschule in Steglitz-Zehlendorf könnte gut geeignet sein.

Vergleichbarkeit von Noten

Thomas Duveneck: Wir machen uns Sorgen, ob unsere Kinder bei der Bewerbung an einer übernachgefragten Schule benachteiligt sein könnten, weil unsere Grundschule bei der Notengebung strenger ist als andere Schulen. Wird das berücksichtigt?

Rechtsanwältin Simone Pietsch: Es ist richtig, dass die Lehrer einen gewissen Spielraum bei der Benotung haben. Die Note als solche ist gerichtlich kaum anfechtbar. Hinterfragt werden könnte allerdings die Entscheidung der jeweiligen Schulkonferenz, die festlegt, ab wie viel Prozent erbrachter Leistung es eine Eins gibt. Manche Schulen geben beispielsweise ab 99 Prozent eine Eins, andere schon bei 98 Prozent. Diesbezüglich könnte man in einem Musterverfahren prüfen lassen, ob die Festlegungen hinnehmbar sind.

Ganztagsschule

Rechtsanwältin Simone Pietsch: Meine Tochter soll auf die Sophie-Scholl-Sekundarschule gehen, weil dies eine Ganztagsschule ist und nahe unserer Wohnung liegt. Ich bin alleinerziehend und arbeite in der Gastronomie. Ist das ein Härtefall?

Simone Pietsch: Es kann durchaus sein, dass ihre Situation unter die Härtefallreglung fällt. Sie müssen nachweisen, dass Sie schwierige Arbeitszeiten haben und dass weder der Vater noch andere Geschwister zur Betreuung anwesend sind. Wenn ihre Tochter einen guten Notendurchschnitt hat, besteht außerdem die berechtigte Chance, dass sie zu den 60 Prozent der Schüler gehört, die die Schule auswählen kann. An der Sophie-Scholl-Schule gibt es darüber hinaus ein Musikprofil und dafür entsprechende Aufnahmekriterien.

Geschwisterregelung

Simone Pietsch: Werden Geschwisterkinder an der Wunschschule bevorzugt?

Simone Pietsch: Die Tatsache, dass bereits ein Geschwisterkind an der Schule ist, an der das andere Kind lernen soll, ist kein Härtefall. Eltern haben nur dann einen Rechtsanspruch darauf, dass Geschwisterkinder an derselben Schule lernen, wenn weitere Kriterien hinzukommen. Das könnte beispielsweise die Behinderung des betreffenden Kindes sein oder die Tatsache, dass ein Elternteil alleinerziehend ist und Arbeitszeiten nachweisen kann, die sich schwer mit der Betreuung der Kinder vereinbaren lassen, sodass eine andere Schule unzumutbar wäre.

Begehrte Schulen

Simone Pietsch: Unsere Tochter bekommt mit einen Notendurchschnitt von 2,0 eine gymnasiale Empfehlung. Wir halten vier Gymnasien, die alle sehr beliebt sind, aber auch die Friedensburg-Sekundarschule für geeignet. Wie sollen wir bei der Auswahl vorgehen?

Simone Pietsch: Mein Rat, wählen Sie die Schule, deren Aufnahmekriterien den Fähigkeiten ihrer Tochter am meisten entsprechen. Wenn Sie die Friedensburg-Schule in Erwägung ziehen, dürfen Sie die nicht als Zweit- oder Drittwunsch angeben. Diese Schule ist sehr begehrt und sicher bereits mit den Erstwünschen belegt. Sollte es mit keiner der drei Wunschschulen klappen, darf Ihnen im Übrigen nur eine Schule zugewiesen werden, zu der der einfache Schulweg nicht länger als 55 Minuten beträgt.

Klage

Simone Pietsch: Kann ich bereits klagen, wenn mein Erstwunsch abgelehnt wird?

Simone Pietsch: Sie müssen den Rechtsweg einhalten. Der sieht vor, dass Sie innerhalb von einem Monat nach Erhalt der Ablehnung zunächst Widerspruch einlegen müssen. Erst wenn der zurückgewiesen ist, können Sie klagen.

Förderbedarf

Simone Pietsch: Mein Sohn hat ADHS und deshalb einen sonderpädagogischen Förderstatus. Kann ich ihn an jeder weiterführenden Schule anmelden oder muss ich eine wählen, die einen Integrationsschwerpunkt hat?

Schulleiter Ralf Treptow: Sie können Ihr Kind an jedem Schultyp anmelden, der für das Kind in Frage kommt. Sie haben sogar gute Chancen, einen Platz an der Wunschschule zu bekommen, denn über Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf wird vorab entschieden. Allerdings empfehle ich, dass Sie sich für eine Schule entscheiden, die auf Förderung eingestellt ist und bei der Förderung zum Schulkonzept gehört.

Leistungsdruck

Schulleiter Ralf Treptow: Mein Sohn hat einen Notendurchschnitt von 2,4. Er möchte gern auf das Gymnasium, das schon sein älterer Bruder besucht, ich bin mir aber nicht sicher, ob der Druck zu groß ist und deshalb eine Sekundarschule besser wäre. Was würden Sie aus Ihrer Sicht raten?

Ralf Treptow: Wenn Sie bereits gute Erfahrungen mit dem Gymnasium gemacht haben und auch ihr Sohn emotional zu dieser Schule tendiert, spricht nichts dagegen. Sie sollten sich jedoch noch einmal mit den Lehrern der Grundschule unterhalten, denn die kennen das Lernverhalten Ihres Sohnes schließlich am besten. Sollten die Lehrer der Grundschule nicht das Gymnasium als Schulart empfehlen, sollten Sie genau nachfragen warum. Sie sind aber nicht gezwungen, der Empfehlung der Grundschule zu folgen. Wenn die Nachfrage am Gymnasium größer ist als das Platzangebot, zählt bei der Aufnahme meist der Notenschnitt. Die genauen Bedingungen sollten Sie bei der Schule ihres Erstwunsches erfragen. Letztlich gibt es auch die Möglichkeit, über das Losverfahren einen Platz zu bekommen. Die Tatsache, dass ein Bruder bereits an diesem Gymnasium lernt, ist nicht automatisch ein Härtefall.

Ralf Treptow: Die Entscheidung für das Gymnasium muss übrigens nicht endgültig sein. Falls Sie feststellen, dass der Druck am Gymnasium für Ihr Kind doch viel zu hoch ist, können Sie die Entscheidung jederzeit korrigieren und im Laufe des Schuljahres oder am Ende des Schuljahres an eine Sekundarschule wechseln. Außerdem gibt es ja auch noch die einjährige Probezeit am Gymnasium.