Kinder-Freundschaften

Wir wollen immer Freunde bleiben

Sie spielen, sie lachen, sie streiten. Freundschaften zwischen Kindern sind vielschichtig und für Außenstehende oft undurchschaubar

Foto: David Heerde

In der Schule sitzen sie nebeneinander, sie verbringen die Pausen miteinander, sie lachen über dieselben Dinge, sie freuen sich jeden Tag aufs Neue aufeinander. Aber wenn man Charlotte und Sophie fragt, was sie denn so sehr an der anderen mögen, dann listen sie nicht positive Eigenschaften auf, sondern sind erst einmal ratlos. Das, was Freunde wirklich zusammenhält, lässt sich eben nur schwer fassen. Für Charlotte und Sophie sind es vielleicht eher die vielen schönen gemeinsamen Erlebnisse und Erfahrungen. Der erste Urlaub zusammen, auf den sie monatelang hingespart haben, zum Beispiel, indem sie sich mittags in der Kantine immer ein Essen geteilt haben. Oder Nachmittage, an denen sie gemeinsam auf dem Teppich lagen und die eine der anderen vorgelesen hat. Oder gemeinsames Shoppen, bei dem die eine treffsicher das Oberteil vom Ständer nimmt, das genau den Geschmack der anderen trifft. Und es ist dieses Verständnis füreinander, das Sophie an ihrer Freundin schätzt: "Wenn ich mich in irgendwelchen Argumentationen verstricke und alle schon sagen, Sophie, man versteht dich nicht, erwidert Charlotte: Doch, ich weiß genau, was sie meint." Und Charlotte ergänzt, Sophie sei die Einzige, der sie wirklich alles anvertrauen würde.

Die Freundinnen kennen sich seit der ersten Klasse. Den Anfang ihrer Freundschaft haben sie Charlottes großer Schwester zu verdanken. Die hatte Sophie schon bei einem Schnuppertag im Hort kennengelernt und zu ihrer kleinen Schwester gesagt: "Die ist nett, setz dich mal neben die." Das tat Charlotte dann auch und schon bald waren die beiden Mädchen unzertrennlich. Und sind es heute, zehn Jahre später, umso mehr. Auch wenn die beiden 17-Jährigen kaum noch Zeit miteinander verbringen können, weil Charlotte sich schon auf ein Horn-Studium vorbereitet und viel im Orchester spielt.

Freunde haben für Kinder einen sehr hohen Stellenwert. Wie aus einer aktuellen Umfrage der Kinderzeitschrift "Geolino" und Unicef vom Dezember hervorgeht, stehen Freunde bei deutschen Kindern gleichauf mit der Familie an erster Stelle. Und als wichtigste Werte haben die befragten Kinder Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Vertrauen genannt. Kriterien, auf denen offenbar auch die Freundschaft zwischen Sophie und Charlotte basiert. Und weil das Vertrauen zwischen den beiden so groß ist, trübt es heute auch nicht mehr ihre Zweisamkeit, wenn sich die eine mal mit anderen Freundinnen verabredet. In der Grundschulzeit hat das schon mal für Irritationen gesorgt. "Als Sophie in der Grundschule mit einem anderen Mädchen mehr befreundet war als mit mir, hat mich das schon traurig gemacht", erinnert sich Charlotte. Aber das ist Vergangenheit. Mit den Jahren haben sie gelernt, dass auch eine beste Freundin eigene Wege gehen kann.

Keine basisdemokratische Harmonie

Auch Emilia und Nele haben sich in der ersten Klasse kennengelernt und angefreundet. Die beiden achtjährigen Mädchen aus Charlottenburg spielen in den Pausen oft in einer Gruppe von sechs, sieben Mädchen. Ihr Lieblingsspiel ist es dann, "andere auszuspionieren", erklärt Emilia. In der Gruppe kommt es aber immer wieder zu neuen Konstellationen, neuen besten und allerbesten Freundinnen - und auch mal zu Gemeinheiten und Ausschlüssen. "Die Gruppe ist längst kein Ort basisdemokratischer Harmonie", schreibt Familienberater Jan-Uwe Rogge in seinem Buch "Der große Erziehungsberater". Bei Gleichaltrigen gehe es auch mal grob und gemein zu, dabei ist der Anlass für Zickenkrieg oder Prügeleien für Außenstehende oft nur schwer nachzuvollziehen. Aber manchmal auch für die Kinder selbst. "Hinterher fragen wir uns dann eigentlich immer, wieso wir uns überhaupt gestritten haben", sagt Nele. Aber aus der Erfahrung Streit hat Emilia auch gelernt, sich nicht nur auf eine Freundin zu konzentrieren, "denn wenn man sich mit der total zerstreitet, dann hat man doch niemanden mehr zum Spielen", erklärt sie pragmatisch. Und doch sind Freundinnen für sie nicht austauschbar. Nele hat sie zum Beispiel schon Geheimnisse erzählt, die sie anderen nie anvertrauen würde.

"Freundschaftsbeziehungen sind ein Ort der Herausforderung und ein Übungsfeld für sich entwickelnde soziale Verhaltensweisen", heißt es im Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik. Das heißt auch, dass die Bedeutung von Freunden altersabhängig ist. Freundschaften unter Kindergartenkindern sind oft Zweckbündnisse, man findet sich, um gemeinsam zu spielen. Doch bei manchen Kindern erwächst daraus schnell mehr - wie bei Grete und Leif. Gretes Mutter fasziniert, dass die beiden Fünfjährigen ganz ohne Worte ins gemeinsame Spiel finden. Grete und Leif fällt immer etwas ein, und wenn sie sich nur damit beschäftigen, die letzten verbliebenen Eisschollen im Garten nach einem für die Eltern undurchschaubaren System von links nach rechts und von rechts nach links zu tragen. Ohne vorherige Absprache und dennoch im besten Einvernehmen. "Wie ein altes Ehepaar gehen die beiden miteinander um", hat Gretes Mutter beobachtet, "im Umgang zeigen sie ganz eingefahrene Entscheidungsstrukturen."

Wenn Grete nach dem Kindergarten am Nachmittag die Zeit zu lang wird ohne Leif, dann geht sie schon mal allein die kleine verkehrsberuhigte Straße in einer Zehlendorfer Siedlung entlang zu ihrem Freund. Wenn es dann klingelt und niemand vor der Tür zu sehen ist, dann weiß Leifs Mutter schon: Das ist Grete. Denn ihr Kopf reicht noch nicht an das Glas in der Tür heran. Den Gang zur Freundin traut sich Leif noch nicht allein zu, aber das muss er auch nicht - er weiß ja, Grete kommt. Seine Grete, "die nie meckert - nie im Leben", wie er voller Ernsthaftigkeit betont. Gretes Mutter hat selbst noch eine Freundin aus Sandkastenzeiten, nun ist sie gespannt, wie sich die Beziehung zwischen Grete und Leif weiter entwickelt, wenn sie im Sommer in verschiedene Schulen gehen werden. Immerhin ist das ein Zeitpunkt, an dem viele Freundschaften auseinandergehen und neue entstehen. Und mit dem Eintritt in die Schule knüpfen Kinder überdies fast nur noch Freundschaften zu Kindern ihres eigenen Geschlechts.

Unterschiede ziehen sich an

Nur wenige Freundschaften halten tatsächlich vom Sandkasten bis ins Jugendalter. Aber manchmal eben doch, wie bei Jasper und Moritz. Sie waren vier Jahre alt, sie sie sich kennenlernten, genauer gesagt, als ihre Mütter sich kennenlernten und beschlossen, dass die beiden Jungen doch zusammen zum Kinderturnen gehen könnten. Die Idee fanden ihre Söhne ziemlich blöd, und das Teilen dieser Ansicht war es vielleicht, die sie auf Anhieb zusammengeschweißt hat. Statt sich an Kasten, Trampolin oder Bock zu erproben, verkrümelten sich die zwei lieber in einen Spieltunnel und alberten dort herum. Die Mütter meldete die Jungen auch bald wieder vom Turnen ab - aber die Freundschaft blieb. Obwohl der eine bald zum Hockey, der andere zum Klettern ging, obwohl sie in verschiedene Schulen gingen. Obwohl der eine sich gern ausruht und Bücher liest, der andere nur selten ein Buch in die Hand nimmt und ungern still sitzt. Aber vielleicht ist es diese Unterschiedlichkeit im Wesen, durch die sie sich so gut ergänzen: "An Moritz gefällt mir, dass man ihn so schnell von Sachen überzeugen kann und dass man mit ihm alles ausprobieren kann." Neue Ideen kommen meist von Jasper, und Moritz findet dann einen Weg, wie man sie umsetzen könnte. Die Experimentierfreude der beiden Zwölfjährigen versetzt ihre Eltern allerdings nicht immer in Begeisterung - zum Beispiel wenn sie testen, wie gut Lack auf einer Steinmauer hält.

Dennoch kommt es zwischen den beiden Jungen schon mal zu Konflikten. Aber nach acht Jahren Freundschaft kennen sie alle Seiten des anderen und stellen durch einen Streit die Freundschaft nicht infrage. "Jetzt hat er mal wieder seine fünf Minuten", sagt sich Jasper, wenn Moritz mal schlechte Laune hat, und lässt ihn einfach in Ruhe, bis er von selbst wieder auf ihn zugeht. Große Entschuldigungen braucht es meistens nicht. Das Geheimnis ihrer Freundschaft hat auch etwas mit Gelassenheit zu tun. "Wir müssen nicht alles toll finden am anderen", sagt Jasper, "trotzdem ist Moritz mein bester Freund."