Jugendsport

Die kleinsten Stars von Alba

Gemeinschaft unterm Korb: Vor fünf Jahren startete Berlins Basketball-Bundesligist sein Nachwuchsprojekt "Alba macht Schule"

Foto: Glanze

Es quietscht, wenn die Turnschuhe der Spieler auf dem Parkettboden bremsen. Genau wie der hellbraune Ball fliegen auch die Kommandos des Trainers durch die große Turnhalle. Über das Spielfeld bewegen sich die Teams zwischen den beiden Körben hin und her. Eine der beiden Gruppen trägt rote Hemden über dem Sportzeug. Beinahe ebenso rot sind einige Gesichter vor lauter Anstrengung. Aber deshalb nachlassen? Auf keinen Fall. Über ihren Köpfen hängt an der Wand ein riesiges Logo mit der Aufschrift "Alba Berlin Jugend". Das motiviert. Viele der Kinder, die regelmäßig hierherkommen, kennen die Bundesliga-Stars von Alba Berlin, sammeln Autogramme, hängen zu Hause die Poster der Spieler auf.

Es ist Dienstagnachmittag, und die Schüler der Grundschule am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg sind bei ihrem "Alba-Training". Zwischendurch unterbricht Trainer Marius Huth das Spiel und ruft alle zu sich. Die 26 erhitzten und aufgeregten Spieler, darunter sieben Mädchen, stehen im Halbkreis um ihn herum. "Ihr sollt den Ball nicht bloß einen Meter neben euch passen, sondern weiter weg", erklärt er. "Es sind genug Spieler da. Und ruft euch beim Passen nicht beim Namen. Ihr sollt euch sehen und dann den Ball abgeben." Sehr konzentriert hören alle zu - keiner albert herum, keiner stört. Kein Wunder, denn alle hier haben ein gemeinsames Ziel: richtig gut Basketball spielen. Und ziemlich stolz sind sie natürlich auch, dabei sein zu dürfen. "Alba macht Schule" heißt das Projekt, das den Basketballverein und die Berliner Schulen zusammenbringt. Heute vor fünf Jahren wurde die Initiative ins Leben gerufen - und bis heute haben bereits 1000 Berliner Kinder daran teilgenommen.

Dunking-Versuch am Hochbett

Mit dabei sind auch Jannis (9) und Julius (9), die seit dem vergangenen Jahr im Team mitspielen. "Ich würde am liebsten die ganze Woche nur Sport haben, am besten Basketball", sagt Jannis nach dem Training. "Korblegerübungen, Koordinationsübungen und zwischendurch Fangen spielen - das wäre toll." Beide finden es viel besser, hier Basketball zu spielen als zu Hause. "Bei mir in der Wohnung haben wir schon mal ein Loch in die Wand geschossen", erzählt Julius. "Und einmal haben wir versucht, an Julius' Hochbett einen Monsterdunk zu machen. Das hat nicht so gut funktioniert", sagt Jannis und kichert. Dann erklärt er seinen Monsterdunk: "Das ist ein extremer Wurf, bei dem der Spieler den Ball im Flug von oben versenkt und am Korb hängen bleibt." Demnächst wird ein Korb in Julius' Hinterhof installiert, damit sie auch in ihrer Freizeit spielen können.

Zweimal in der Woche gehen die beiden nach dem Unterricht über den Schulhof zum Training. Natürlich haben sie noch normalen Schulsport, in dem auch Basketball gespielt wird. "Seit ich fünf bin, werfe ich Körbe und dribbel durch die Gegend", sagt Jannis. "Ich nehme einfach immer Bälle in die Hand. Deswegen passt Basketball einfach gut zu mir, glaube ich." Die Mutter von Jannis, Susanne Boy, ist glücklich über das Angebot. "Jannis muss nicht von A nach B fahren, um zu trainieren", sagt sie. Und bei Turnieren ist sie selbstverständlich dabei. "Wir Eltern und der Großvater haben beim letzten Vorrundenspiel ganz schön mitgefiebert."

Die Grundschüler absolvieren fünf Stunden pro Woche Schulsport und vier Stunden Alba-Training bei Marius Huth. Der 24-Jährige hat die Basketball-A-Lizenz, die höchste Trainerlizenz, und ist zugleich die Unterstützung für die Sportlehrerin. Denn das gehört mit zum Konzept des Projekts "Alba macht Schule": Schul- und Vereinsport sollen verbunden werden. An zehn Berliner Grundschulen unterrichtet der Sportlehrer die Schüler gemeinsam mit einem Alba-Jugendtrainer. Sowohl die Schulen als auch der Klub profitieren davon. Denn im Schulsport kommen normalerweise 28 Schüler auf nur einen Lehrer. Und für Alba besteht so die Möglichkeit, Talente zu fördern und für den eigenen Nachwuchs zu sorgen.

Trotzdem steht für Henning Harnisch, Alba-Vizepräsident und im Verein für die Jugend zuständig, der soziale Gedanke im Mittelpunkt. "Wir wollen Selektion möglichst vermeiden. Uns ist zunächst einmal wichtig, dass möglichst viele Kinder Basketball spielen, sich mit dem Sport und Alba identifizieren." Mannschaftssport habe eine enorme Integrationsfähigkeit. "Es ist egal, ob sie irgendwann Rugby, Fußball oder Basketball spielen. Wir wollen Spiel und Spaß vermitteln und die inhaltlichen Grundlagen, die für alle Sportarten wichtig sind." Vor allem Koordination, Rhythmus, Beweglichkeit und Spielfähigkeit sollen durch das Projekt gefördert werden.

Ideal für Ganztagsschulen

Der 42-Jährige nennt drei Ziele für das Programm: "Wir suchen natürlich einerseits die künftigen Nationalspieler, wollen aber andererseits alle Kinder, die wir erreichen, auch beim Sport halten - und nicht zuletzt soll der Sport eine soziale Ebene schaffen." Seit 2005 ist die Zahl der Kinder, die jede Woche Basketball spielen, schnell gestiegen. Früher fand die Alba-Jugendarbeit ausschließlich in Kooperation mit dem TuS Lichterfelde statt. "Damals war die Berliner Innenstadt praktisch basketballfreie Zone", sagt Harnisch, selbst langjähriger Alba-Profi und Nationalspieler. "In Friedrichshain gab es noch nicht mal einen Basketballverein. Unter anderem in den Ortsteilen Wedding, Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Friedrichshain haben wir deshalb unsere Arbeit aufgenommen." Das Konzept wurde speziell für Ganztagsschulen entwickelt - kaum ein Schüler ist nach acht Stunden Unterricht noch in der Verfassung, anstrengendes Vereinstraining an einem ganz anderen Ort zu absolvieren. Dennoch ist dies häufig die Realität.

Zusammen mit dem Bezirk Pankow hat der Basketballverein die leerstehende Turnhalle auf dem Gelände der Grundschule am Kollwitzplatz vor vier Jahren für rund 400 000 Euro saniert. Sie wird auch von 14 Kindergärten in der Umgebung für Basketball genutzt. In der Schützenstraße in Mitte ist die Turnhalle des ehemaligen Charles-Darwin-Gymnasiums gerade fertig geworden. "Unser Ziel ist es, mit Trainern und Lehrern gemeinsam den Sportunterricht abzudecken", sagt Harnisch. Berlinweit nehmen nun 40 Schulen an dem Programm teil, Voraussetzung war, dass es dort zuvor bereits eine Basketball-AG gab. Eine eigene Grundschulliga gibt es inzwischen auch: 25 Schulen spielen dort mit.

Jannis und Julius hoffen darauf, bei Alba noch möglichst lange dabei zu sein. "Wenn das Training mal ausfällt, bin ich richtig sauer", sagt Jannis. "Zum Glück kommt das fast nie vor." Julius und er freuen sich "wie verrückt" auf die Geburtstagsfeier "Fünf Jahre Alba Jugend" heute. Das Größte aber wird für sie sein, wenn sie während der Halbzeit beim Bundesliga-Spiel Alba Berlin gegen Phoenix Hagen in der O2 World aufs Feld laufen dürfen, gemeinsam mit 800 anderen Schülern. Dann sind sie die Stars, zumindest schon mal für einen kurzen Moment.

Alba Berlin

Der Verein ging aus der BG Charlottenburg hervor und hat seinen Sitz heute in Prenzlauer Berg. Insgesamt wurde das Team acht Mal Deutscher Basketballmeister und sechs Mal Deutscher Pokalsieger - er ist der erfolgreichste deutsche Basketball-Club der vergangenen zehn Jahre. Das Wappentier des Vereins ist der Albatros.