Interview mit Jan-Uwe Rogge

"Eltern sollten nicht gleich die Alarmglocken schrillen hören, wenn ihre Kinder lieber allein spielen"

Freunde sind für die soziale Entwicklung unerlässlich. Kinder setzen sich in Freundschaften mit den eigenen und den Bedürfnissen anderer auseinander, sie lernen sich anzupassen, zu streiten, Kompromisse zu schließen.

Aber nicht immer gefallen die Freunde der Kinder auch den Eltern. Familienberater Jan-Uwe Rogge rät hier zu mehr Gelassenheit. Im Gespräch mit Annette Kuhn erklärt der 63-Jährige auch, wieso Jungen lieber mit Jungen und Mädchen mit Mädchen spielen und wieso Kinder sich auch mal instrumentalisieren lassen dürfen.

Berliner Morgenpost: Von welchem Alter an bauen Kinder Freundschaften auf?

Jan-Uwe Rogge: In der Regel fängt es um das zweite, dritte Lebensjahr herum an, aber das hängt auch vom Temperament des Kindes ab. Freundschaften im Kindergartenalter sind eher soziale Kontakte, und je jünger die Kinder sind, desto weniger sind Freundschaften etwas Überdauerndes.

Berliner Morgenpost: Wie verändern sich Freundschaften denn mit der Entwicklung der Kinder?

Jan-Uwe Rogge: Ich bezeichne Freunde als Entwicklungsabschnittsgefährten. Und in den einzelnen Entwicklungsetappen haben Freundschaften einen unterschiedlichen Stellenwert. Je jünger die Kinder sind, desto eher sind Freunde Spielkameraden. Wenn die Kinder in die Schule kommen, gehen die meisten Freundschaften aus dem Kindergarten mit einem Mal zu Ende. Es gibt dann den besten Freund, die beste Freundin. Und es gibt sehr unterschiedliche Freundschaften und häufige Wechsel. In der Pubertät repräsentieren Freunde dann vor allem Werte und Normen, mit denen man sich identifiziert, oder auch Normen, die die elterlichen Normen konterkarieren.

Berliner Morgenpost: Wie unterscheiden sich Mädchen- und Jungenfreundschaften?

Jan-Uwe Rogge: Die Freundschaften bei Jungen sind meist hierarchisch strukturiert, es gibt den Chefbestimmer, einen Stellvertreter und noch ein bisschen Fußvolk. Die Freundschaften sind häufig körperorientiert und von recht groben Umgangsformen geprägt. Mädchenfreundschaften sind hingegen eher gleichberechtigt, aber Freundinnen können sehr gemein und zickig miteinander sein. "Du bist nicht mehr meine Freundin" oder "Ich lade dich nie mehr ein" sind typische Sätze, die bei Jungen eher nicht vorkommen, da heißt es eher mal: "Du Arschloch" oder "Verpiss dich". Es fließen bei Mädchen auch viel häufiger Tränen.

Berliner Morgenpost: Was hält Freunde zusammen?

Jan-Uwe Rogge: Das hat etwas zu tun mit Temperament, mit Charakter, mit gemeinsamen Interessen, mit gemeinsamen Erfahrungen. Freunde grenzen sich auch gern von anderen ab. Freundschaften definieren sich häufig über Symbole, Geheimsprachen. Schon Vier-, Fünfjährige haben oft einen Code, der eine Solidarisierung nach innen hin darstellt. Manchmal haben Freundschaften auch einen manipulativen Charakter. Man trägt bestimmte Klamotten, man hat bestimmte Gegenstände, um dazuzugehören.

Berliner Morgenpost: Im Kindergarten sind oft noch Mädchen und Jungen miteinander befreundet, aber spätestens in der Grundschule bleiben die Geschlechter für sich. Woran liegt das?

Jan-Uwe Rogge: Das fängt schon um das dritte Lebensjahr herum an. Mädchen und Jungen bilden dann eine geschlechtliche Identität aus, aus der sich auch bestimmte Spielformen herleiten. Bei Jungen kann man häufig bewegungsorientierte Spiele festmachen, sie sind häufiger großräumig orientiert. Während Mädchen sich meist auf viel kleinerem Raum bewegen, sozialere Spiele, Rollenspiele praktizieren. Mädchen sind auch schon im Kindergartenalter weiter als Jungen, emotional, sprachlich, intellektuell. Das macht durchaus ein viertel bis ein halbes Jahr aus. In der Schule werden diese Unterschiede noch größer, da sind Mädchen oft sogar ein bis zwei Jahre voraus. Jungen entwickeln deshalb nicht selten ein Minderwertigkeitsgefühl, fühlen sich den Mädchen gegenüber nicht gewappnet. Auch daher konzentrieren sich Jungen und Mädchen eher auf ihresgleichen.

Berliner Morgenpost: Manche Kinder wollen sich gar nicht immer verabreden - ist das bedenklich?

Jan-Uwe Rogge: Das größere Problem haben damit meist die Eltern, nicht die Kinder. Man sollte nicht gleich die Alarmglocken schrillen hören, wenn Kinder lieber allein spielen. Es gibt Kinder, die nur sehr wenige Freunde brauchen, weil sie mit sich selbst genug anfangen können. Vor allem introvertierte Kinder. Oder sie haben unsichtbare Freunde. Kinder, die gern lesen, wenden sich zum Beispiel gern den Helden im Buch zu. Auch diese Identifikation mit Fantasiekonstrukten fällt unter die Rubrik Freundschaft.

Berliner Morgenpost: Besteht da nicht die Gefahr, dass Kinder den Herausforderungen einer realen Freundschaft ausweichen?

Jan-Uwe Rogge: Nein. Unsichtbare Freunde tauchen nicht selten in Rollenspielen auf. Das Kind versetzt sich in andere Figuren hinein, spielt schwach-stark, gut-böse. Da findet auch eine Auseinandersetzung statt. Ein Problem wird es natürlich immer dann, wenn Kinder nur noch in einer Traumwelt leben, wenn die Bindung zu Traumgefährten zwanghafte Züge einnimmt. Aber bis in die Pubertät hinein sind unsichtbare Freunde erst einmal ein völlig normaler Bestandteil der Entwicklung.

Berliner Morgenpost: Können auch die vielen Freunde in sozialen Netzwerken zu Fantasiegefährten werden?

Jan-Uwe Rogge: Wenn sich ein Jugendlicher in dieser multimedialen Welt verliert, hat das nicht selten mit Problemen in der Realwelt zu tun. Aber das ist ausgesprochen selten. Die Netzwerke gehören nun mal zu unserer Zeit, was nicht heißt, dass man als Eltern da nicht aufpassen muss.

Berliner Morgenpost: Wenn Kinder keine Freunde haben, ist das für Eltern ein Problem, aber wenn sie Freunde haben, fragen sich Eltern oft, ob es die richtigen sind.

Jan-Uwe Rogge: Falsche Freunde gibt es fast gar nicht. Freunde haben, was das soziale Lernen anbelangt, einen herausragenden Stellenwert. Schon wenn Kinder in den Kindergarten kommen, helfen Freunde bei der Ablösung aus dem Familienverbund. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten: Kinder ordnen sich in bestimmte Hierarchien oder in einen Verbund ein, oder es werden Freunde wichtig, die etwas anderes repräsentieren als das, was das Kind in der Familie kennt. Wenn Kinder in einer Familie groß werden, in der ein gesitteter Umgangston gepflegt wird mit "bitte" und "danke" und "könntest du mal", da werden dann auch Freunde wichtig, die gern Kraftausdrücke verwenden. Natürlich sind die eigenen Kinder manchmal nicht mehr so pflegeleicht, wenn sie neue Freunde kennenlernen.

Berliner Morgenpost: Da muss man dann als Eltern durch?

Jan-Uwe Rogge: Wenn der Freund meines Kindes mit am Esstisch sitzt und sagt: "Schmeiß mal die Butter rüber", dann kann ich ihn sehr wohl auffordern, sich den Umgangsformen in meinem Haus anzupassen und "bitte" zu sagen. Ich halte es für pädagogische Feigheit, wenn Eltern erst nach dem Besuch dem eigenen Kind sagen: "Ich möchte nicht, dass du dich so ausdrückst!"

Berliner Morgenpost: Eltern haben auch oft Angst davor, dass ihr Kind in einer Freundschaft untergebuttert, instrumentalisiert wird.

Jan-Uwe Rogge: Das Instrumentalisieren hat immer einen positiven und einen negativen Aspekt. Sich in neue Strukturen einzubinden, hilft Kindern manchmal, sich aus vertrauten Zusammenhängen zu lösen. Die Autorität der Eltern tauscht man durch eine andere Autorität, eine andere Bindung ein. Ein Problem wird es immer dann, wenn das Kind überdauernd manipuliert wird. Aber der Großteil der Kinder erkennt sehr genau, wo der andere ihnen gut tut und wo nicht. Im Übrigen ist es doch klar, dass Freundschaften auch mit negativen Aspekten verbunden sind. Wenn Kinder dann mal traurig sind, ist es wichtig, das Kind zu trösten, aber man muss nicht gleich in die Freundschaft eingreifen und sagen: "Da gehst du nicht mehr hin." Wenn Eltern Probleme mit den Freunden ihrer Kinder haben, rate ich ihnen, diese Freunde nach Hause einzuladen. Meistens werden sie dann feststellen, dass es keine "Monster", sondern durchaus ganz angenehme Zeitgenossen sind.

Mehr über Freundschaften erklärt Jan-Uwe Rogge in "Der große Erziehungsberater" (Rowohlt, 9,95 Euro) und im Internet unter www.familienzirkus.com