Medizin

Arzneimittelallergien sind seltener, als Eltern denken

| Lesedauer: 4 Minuten
Cornelia Werner

Allergien bei Kindern nehmen zwar zu. Aber nicht alles, was auf den ersten Blick wie eine Allergie aussieht, ist auch eine. Das gilt besonders für Allergien gegen Arzneimittel. Wie große europäische Studien zeigen, wird der Begriff der Arzneimittelallergie viel zu schnell und zu häufig verwandt

"Bei Umfragen in Ambulanzen gaben Eltern von jedem zehnten Kind an, es sei allergisch gegen Arzneimittel. Bei genauerer Untersuchung stellte sich dann aber heraus, dass das nur bei jedem zehnten dieser Kinder wirklich der Fall war", sagt Privatdozent Dr. Hagen Ott, Kinderdermatologe am Hamburger Kinderkrankenhaus Wilhelmstift und Spezialist für Arzneimittelreaktionen. Das könne gefährlich werden, wenn Kinder in akuten Erkrankungsfällen schnell Medikamente bräuchten und die Ärzte sie ihnen nicht geben können, weil nicht klar sei, ob die kleinen Patienten dagegen wirklich allergisch seien.

Häufig werde eine allergische Reaktion mit bekannten Nebenwirkungen eines Medikaments verwechselt, zum Beispiel Durchfall nach Antibiotika, oder mit den Symptomen einer Erkrankung. "Wenn das Kind Schnupfen hat und nach einer Antibiotikagabe Hautausschlag bekommt, dann gehen die Eltern davon aus, dass er mit dem Arzneimittel zusammenhängt. Dabei hat der Ausschlag in neun von zehn Fällen nichts mit dem Arzneimittel zu tun, sondern mit dem Infekt, den das Kind hat", sagt Ott.

Am häufigsten sind Allergien gegen Antibiotika, Epilepsiemedikamente und Schmerzmittel. Die allergischen Reaktionen zeigen sich auf zwei unterschiedliche Arten: den Soforttyp und den Spättyp. Bei der Soforttypallergie treten innerhalb von 30 bis 60 Minuten nach Einnahme des Medikaments Symptome auf. Das reicht von einer leichten Quaddelbildung und Juckreiz über eine Schwellung des Gesichts bis zur Atemnot, Kreislaufproblemen und dem lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock, bei dem das Herz-Kreislaufsystem versagt. Dies allerdings ist im Kindesalter selten. Beim Spättyp kommt es am häufigsten zu einem masern- oder scharlachartigen Hautausschlag, typischerweise am fünften bis siebten Tag der Therapie. Der Hautausschlag ist über den ganzen Körper verteilt und kann mit Juckreiz verbunden sein. Das ist eine harmlose Reaktion, aber man sollte trotzdem das Arzneimittel absetzen. "Außerdem sollten diese Patienten regelmäßig vom Arzt kontrolliert werden, der beurteilt, ob es sich wirklich um diese harmlose Form des Hautausschlages handelt oder ob es sich zu einer schweren Arzneimittelreaktion der Haut entwickelt", sagt Ott. Dafür gibt es typische Warnsignale: "Wenn eine Arzneimittelreaktion die Schleimhäute betrifft, sich Hautblasen bilden oder sich schießscheibenartige Strukturen auf der Haut zeigen, muss der Patient vom Arzt gesehen werden."

Mit einer Häufigkeit von eins zu einer Million kann sich eine sehr gefährliche Arzneimittelreaktion entwickeln, bei der sich die gesamte Oberhaut ablösen kann und die im Kindesalter mit einer Sterberate von 25 Prozent verbunden ist. Die Patienten müssen in Spezialabteilungen behandelt werden, da auch die Schleimhäute und innere Organe massiv geschädigt werden können. Auch wenn solche Situationen selten sind, wird die Arzneimittelallergie zunehmend wahrgenommen.

Vor allem Eltern von Kindern, die an Asthma oder Neurodermitis leiden, fürchten allergische Reaktionen auf Arzneimittel. Ott gibt Entwarnung: "Diese Kinder haben nicht häufiger Arzneimittelallergien als andere. Das liegt daran, dass sich die entsprechenden Allergene grundsätzlich unterscheiden", sagt er.

Wer schnell jedes Symptom ohne fachärztliche Abklärung als Allergie deutet, kann gefährliche Situationen heraufbeschwören, so Ott: "Es wird dann brenzlig, wenn Allergien gegen Basismedikamente wie zum Beispiel das Schmerzmittel Paracetamol oder gegen Antibiotika bestimmter Substanzklassen angegeben werden. Da sind wir gerade im Kindesalter auf wenige Wirkstoffgruppen beschränkt und haben nur sehr begrenzte Therapiemöglichkeiten." Deswegen appelliert Ott an Eltern und Kinderärzte, potenzielle Allergien in der beschwerdefreien Phase von einem Allergologen abklären zu lassen.

"Ausschlag hat in neun von zehn Fällen nichts mit dem Arzneimittel zu tun"

Dr. Hagen Ott, Kinderdermatologe