Heinz-Brandt-Sekundarschule

Wo Kinder und Lehrer gemeinsam üben

Mit ungewöhnlichen Angeboten motiviert eine Sekundarschule in Weißensee ihre Schüler

Foto: Michael Brunner

Der 13-jährige Mirco legt den Kopf in den Nacken. Konzentriert verfolgt er die Flugbahn der drei rot-weißen Bälle, die er gerade in die Luft geworfen hat. Blitzschnell fängt er dann mit beiden Händen einen Ball nach dem anderen auf, um jeden sofort wieder hoch zu werfen. Manchmal setzt er auch seinen Kopf mit ein, oder ein Knie. "Bis zu hundert Mal hintereinander habe ich das schon geschafft", sagt Mirco. Und schnauft. Jonglieren ist ganz schön anstrengend. Neben Mirco trainieren an diesem Montagmorgen auch Patrick, Raik und Tobias das Jonglieren. Die vier sind Schüler der siebten Klassen der Heinz-Brandt-Sekundarschule in Weißensee. Dort bietet Malte Gregorzewski in der so genannten bewegten Pause einen Jonglierkurs an. Der ist inzwischen vor allem bei den Jungen sehr gefragt. "Die Schüler merken, dass sie durch kontinuierliches Üben und entsprechende Hilfe etwas lernen können, was sie vorher noch nicht konnten", sagt Malte Gregorzewski. Und sie würden erkennen, dass das auch in jedem Unterrichtsfach wie etwa in Mathe oder Englisch so funktioniert.

Der Erfolg spornt an

Patrick jedenfalls findet es cool, jonglieren zu können, und zeigt bei jeder Gelegenheit gern, was er drauf hat. Bei der Weihnachtsfeier hat er sich zum Beispiel einige Mandarinen gegriffen und losgelegt. Seine Mitschüler haben ihn bewundert. "Das sind Erfolgserlebnisse, wie die Schüler sie brauchen", sagt der Jongleurlehrer. Er hat das Jonglieren auch erst beim Training mit den Kindern erlernt. "Sie haben gesehen, dass auch ich mich anstrengen und viel üben muss. Das hat sie motiviert."

Malte Gregorzewski ist Diplomvolkswirt und seit Abschluss seines Studiums für zwei Jahre an der Heinz-Brandt-Schule tätig. Dort ist er in vielen Bereichen aktiv. Unter anderem kümmert er sich um die Öffentlichkeitsarbeit. In dieser Funktion hat er die Bewerbung der Schule für den Deutschen Schulpreis der Robert-Bosch-Stiftung organisiert. Mit großem Erfolg: Die Heinz-Brandt-Schule gehört nun als einzige Berliner Schule zu den 20 Schulen aus dem gesamten Bundesgebiet, die Anwärter auf den Schulpreis 2011 sind. Die Jury wählte sie aus insgesamt 119 eingegangenen Bewerbungen aus.

Seit Anfang des Monats werden die 20 Schulen von Mitgliedern dieser Jury besucht und begutachtet. Die Heinz-Brandt-Schule ist heute an der Reihe. Drei Jurymitglieder werden mit Lehrern, Eltern und Schülern sprechen und das Konzept der Schule genau unter die Lupe nehmen. Im Anschluss wird die Jury Ende März bis zu 15 Schulen für den Deutschen Schulpreis 2011 nominieren. Malte Gregorzewski und das Kollegium der Heinz-Brandt-Schule hoffen, dass auch sie dabei sein werden. Schulleiterin Miriam Pech bleibt allerdings gelassen: "Selbst wenn wir nicht nominiert werden sollten, werten wir es als großen Erfolg, überhaupt soweit gekommen zu sein."

Ihre Schule, eine ehemalige Hauptschule, befindet sich in einem sozial schwierigen Kiez in Weißensee. Von den insgesamt 223 Schülerinnen und Schülern haben mehr als die Hälfte eine Lernmittelbefreiung, weil sie aus sozial schwachen Elternhäusern kommen. "Unsere Schüler sind deshalb besonders stolz auf die Nominierung", sagt die Schulleiterin.

Mit dem Deutschen Schulpreis werden Schulen ausgezeichnet, die mit neuen Konzepten und erfolgreicher Praxis begeistern, Lernfreude wecken und Perspektiven geben. Wie zum Beispiel die Heinz-Brandt-Schule. Mit der Umwandlung in eine Sekundarschule hat sich die ehemalige Hauptschule auf einen neuen Weg gemacht. "Wir wollen eine Schule für alle sein", erläutert Miriam Pech. Das bedeutet, dass jeder Schüler willkommen ist und auch förderbedürftige Kinder gern aufgenommen werden. Schon jetzt haben 15 Prozent der Schüler der Heinz-Brandt-Schule einen Förderstatus.

Zum neuen Konzept gehört auch, dass nicht nur Lehrer, sondern auch Künstler, Handwerker, Studenten und Eltern den Schulalltag gestalten und den Schülern viele Kurs-Angebote machen. So kommt Leben in die Schule. Außerdem wird großen Wert darauf gelegt, dass sich die Schule in den Kiez hinein öffnet. Ein Beispiel dafür sind die Führungen über den nahe gelegenen Jüdischen Friedhof, die von den Schülern seit vier Jahren für interessierte Berliner, aber auch Touristen angeboten werden. Jeder Schüler, der in diesem Projekt mitarbeitet, erforscht die Geschichte einer Grabstätte, die dann während der Führung erzählt wird.

Zu den Menschen von außerhalb, die an der Schule mitarbeiten, gehört Malte Gregorzewski. Der Hamburger hat in seiner Heimatstadt, Berlin und Antwerpen Volkswirtschaft und Politikwissenschaften studiert und vor eineinhalb Jahren sein Diplom gemacht. Seitdem ist er an der Heinz-Brandt-Schule als Fellow im Einsatz. Fellows sind besonders erfolgreiche Hochschulabsolventen, die von der Organisation Teach First Deutschland für zwei Jahre an Schulen in Problemkiezen vermittelt werden. Dort sollen sie die Lehrer im Unterricht und bei der Arbeit im Freizeitbereich unterstützen. Allein in Berlin sind gegenwärtig 30 Fellows im Einsatz.

Den Kindern etwas zurückgeben

Gregorzewski arbeitet gern mit den Schülern der Heinz-Brandt-Schule. Er steht den Lehrern in den Fächern Ethik, Englisch und Arbeitslehre zur Seite und engagiert sich als Coach für den Mittleren Schulabschluss. Er gibt Gitarren- und Batmintonkurse, betreut temporäre Lerngruppen und den Wahlpflichtkurs Lernen lernen. Auch die Gestaltung der "bewegten Pause" sowie der betreuten Mittagszeit liegt in seinen Händen. "Meine wichtigste Funktion ist es, immer für die Schüler ansprechbar zu sein", sagt er.

Malte Gregorzewski will zurückgeben, was er selbst an Bildungschancen genossen hat. "Ich fühle mich verantwortlich", sagt er. Und profitiert auch selbst von dieser Arbeit. An der Uni bekomme man eine gute fachliche Ausbildung. Wie man aber mit Menschen umgeht, sie motiviert, ihnen bei der Lösung von Problemen hilft, das lerne man nur, indem man es tut. Und noch etwas ist ihm wichtig: "Lehrer machen einen sehr schwierigen Job." Im öffentlichen Bewusstsein sei das oft nicht klar. Das zu ändern, betrachtet er ebenfalls als seine Aufgabe.

Nach dem Ende seines Einsatzes im Sommer kann sich Gregorzewski vorstellen, im Bereich Bildungsökonomie zu forschen. Doch zunächst gilt es, die Jury von der Arbeit der Lehrer und Schüler an der Heinz-Brandt-Schule zu überzeugen. "Es wäre ein toller Abschluss meines Einsatzes, würden wir den Deutschen Schulpreis gewinnen", sagt er.