Pflegemutter

Das ganze Leben für die Kinder

Sie braucht ihr Lachen und ihre Gegenwart: Franziska Gravenhorst (76) hat zwei eigene und 34 Pflegekinder großgezogen. Jetzt leitet sie eine Kita in Spandau

Foto: Sergej Glanze

In einem Restaurant könnte es eng werden für Familie Gravenhorst. Der Ballsaal eines Hotels müsste es schon sein, wenn tatsächlich alle einmal zusammenkämen: die 76 Jahre alte Franziska Gravenhorst, ihre zwei Töchter und ihre 34 Pflegekinder, die heute längst alle erwachsen sind. Wenn dann Plätze frei bleiben sollten bei diesem Familientreffen, gäbe es da auch noch weit mehr als 100 Kinder aus Spandau, die Franziska Gravenhorst ein Stück auf ihrem Lebensweg begleitet hat - als Chefin einer Kita, die sie selbst vor 14 Jahren gründete.

"Ein Leben ohne Kinder um mich herum kann ich mir gar nicht vorstellen", sagt die Rentnerin, die nie in Rente ging. Den Mädchen und Jungen ordnet sie ihren Tagesablauf unter, von morgens um 4 Uhr bis zum späten Nachmittag. Ihnen widmet sie ihre Kraft, ihre Zeit, ihre Kreativität. Da bleibt der Pädagogin keine Zeit, sich hängenzulassen. Nicht lange reden - einfach machen. Das könnte ihr Motto sein.

An diesem Morgen steht sie in der großen Küche ihres Spandauer Hauses und schält Mohrrüben. Flink und mit jahrzehntelanger Routine schneidet sie die Rüben in kindermundgerechte Scheiben und wirft sie in einen der beiden dampfenden Kochtöpfe. Kartoffelbrei, Fischstäbchen und buntes Gemüse stehen heute auf dem Speiseplan - für 60 Personen. Franziska Gravenhorst hat weder Köchin noch Gastronomin gelernt, aber für ihre Kita-Kinder steht sie selbst am Herd, täglich.

Abschied vom Filmgeschäft

Doch es gab auch eine Zeit, da konnte sich die zierliche Frau nicht ständig um Haushalt und Familie kümmern. 1934 in Breslau geboren, verbringt Franziska Gravenhorst ihre Kindheit in Schlesien und kommt in der Nachkriegszeit nach Berlin. Hier, in München und in Kiel arbeitet sie als Trickfilmzeichnerin und Trickkamerafrau - und fängt nebenbei auch noch ein Pädagogikstudium an. Da bleiben ihr und ihrem Lebensgefährten Wolfgang nicht viel Zeit, um sich um die Töchter Ira und Andrea zu kümmern. Franziska Gravenhorst leidet mehr und mehr unter dem Gefühl, nicht genug Zeit mit den beiden verbringen zu können. "Ich dachte, dass meine Kinder alles haben: Haus, Garten, Spielzeug", sagt sie. "Aber dann merkte ich: Ihnen fehlte meine Erziehung. Sie wurden häufig krank, hatten wenig Selbstbewusstsein, weinten, wenn ich zur Arbeit ging, und brachten schlechte Schulnoten nach Hause." Damals erkennt Franziska Gravenhorst, dass sie ihren Beruf aufgeben will, um für ihre Töchter da zu sein.

Aber es bleibt nicht bei zwei Kindern im Hause Gravenhorst. Kaum Hausfrau geworden, bewirbt sich die Spandauerin beim Jugendamt um eine Pflegeerlaubnis. Sie will Kindern, die es nie gut im Leben hatten, Geborgenheit geben. Aber sie sieht ihre Lebensaufgabe auch als Arbeit, über deren Bezahlung sie sich freut. Mit dem Geld, das sie für die Pflege erhält, will sie vor allem eins erreichen: "Für alle meine Kinder sollte mein Haus kein Heim, sondern ein richtiges Zuhause sein", sagt sie.

Ihr erstes Pflegekind heißt Murat und ist erst neun Monate alt, als die Familie ihn zu sich nach Hause holt. Berufung, ja, das ist die Pflege von Kindern für Franziska Gravenhorst in jedem Fall. Aber für die Pädagogin werden die Mädchen und Jungen auch zum Beruf, und auf den kleinen Murat folgen schnell sieben weitere Kinder. Sie kommen aus Heimen und Familien, die sie nicht mehr haben wollen. "Es war ein unglaubliches Gefühl, diesen Kindern ein Zuhause zu geben", erzählt die zierliche Frau mit den halblangen weißen Haaren. "Ich schenkte ihnen meine Aufmerksamkeit und Liebe und durfte dafür miterleben, wie sie bei mir aufblühten." Doch einfach ist diese Umstellung für die Familie nicht: Zwar trägt ihr Lebensgefährte Wolfgang die Entscheidung mit und übernimmt die Rolle des Pflegevaters. Doch die eigenen Töchter betrachten die Pflegekinder zunächst als Konkurrenz. Sie mussten sich erst daran gewöhnen, dass jetzt auch noch andere Kinder im Haus waren. Und wieder muss sie aufpassen, dass ihre eigenen Kinder nicht zu kurz kommen. Denn schließlich brauchen die Pflegekinder sehr viel Aufmerksamkeit und Zuwendung: "Manche waren völlig heruntergekommen und mussten erst einmal erzogen werden", sagt die 76-Jährige. "Zuerst brachte ich ihnen bei, nicht zu klauen und ehrlich zu sein." Doch selbst wenn Franziska Gravenhorst von diesen Erinnerungen erzählt, lächelt sie. Auch über Micha, ihr schwierigstes Kind. "Er hatte von seiner Mutter keine Liebe bekommen und ärgerte mich ständig", erzählt sie. Ein Streich wird ihr für immer in Erinnerung bleiben: "Micha holte einen Bierkrug aus Steingut aus der Küche, füllte ihn mit Urin und stellte ihn hoch oben auf sein Regal. Als ich den Krug dort entdeckte und herunterziehen wollte, entleerte er sich über mir." Doch der schwierige Junge mit seinen derben Streichen wird später zu ihrem Lieblingskind: "Plötzlich war er wie ausgewechselt. Er benahm sich und machte sogar Abitur." Auch an ihr Pflegekind Sibylle denkt sie oft. "Als sie mit fünf Jahren zu uns kam, hatte sie bisher nur den Hof ihres Hochhauses gesehen. In unserem Garten erblickte sie zum ersten Mal in ihrem Leben den Mond und rief ihrer kleinen Schwester zu: Kieck mal, die Lampe!"

Bundesverdienstkreuz zum Geburtstag

Franziska Gravenhorst unterbricht ihr Kochen nur für Sekunden, während sie vom Leben in ihrer Großfamilie erzählt. Mittlerweile sind die Fischstäbchen fertig gebraten. Franziska Gravenhorst räumt die Küche auf und reinigt alle Ablagen. Drei Herde stehen dort, ein Muss für die Bewältigung des morgendlichen großen Kochens. In dieses Haus in der Spandauer Wilhelmstadt zieht die Familie Anfang der 70er-Jahre. Es bleibt nicht beim Tapezieren und Streichen: Die Gravenhorsts bauen an, bald steht jedem Kind ein eigenes Zimmer zur Verfügung. "Mit Fernseher", fügt die alte Dame hinzu und lächelt. Meist leben acht Pflegekinder zur selben Zeit im Hause. Die Kinder bleiben alle so lange, bis ihre Zukunft gesichert ist. "Ich verschaffte jedem Kind einen Ausbildungsplatz und eine Wohnung", sagt sie.

Sobald ein Pflegekind ausgezogen ist, schickt das Jugendamt ein neues. Selbst als sich der Weg von ihr und ihrem Lebensgefährten 1984 trennt, hält sie an ihrem Beruf fest: Die Pädagogin führt die Großpflegestelle kurzerhand alleine weiter. Bis 1995. Da wird Franziska Gravenhorst 61 Jahre alt. Ihren Geburtstag hat sie noch genau vor Augen: "Der Stadtrat stand mit einem Blumenstrauß und dem Bundesverdienstkreuz vor der Tür und erklärte mir freundlich, dass ich jetzt alt bin und in Rente gehen soll." Nach 24 Jahren als Pflegemutter. "Doch ich hatte gar keine Lust, die Beine hochzulegen", sagt sie. "Mein gesamtes Leben lang war ich von Kindern umgeben. Da konnte ich jetzt nicht einfach ohne sie leben. Denn zu verfolgen, wie Kinder groß werden, wie sie vergnügt sind und Spaß haben, das war unglaublich beglückend." Aber es gab auch einen finanziellen Grund, neue Pläne zu fassen: In eine Rentenversicherung hatte Franziska Gravenhorst nicht eingezahlt. Das Geld, das sie für die Pflege erhielt, gab sie für den kindgerechten Umbau des Hauses, für Spielzeug, Anziehsachen, Möbel aus.

Von dem neuen Lebensplan, den sie als 61-Jährige fasste, erzählt Franziska Gravenhorst, während sie Kartoffelbrei, Fischstäbchen und Mohrrüben in Wärmebehälter abfüllt, das Essen in ihren gelben Kleinbus lädt, der vor dem Haus geparkt ist, und sich hinter das Steuer setzt. "Ich entschloss mich, eine Kita zu gründen, und stellte einen Antrag bei der Kita-Aufsicht." Der wird bewilligt, aber Franziska Gravenhorst kann die Kita nicht in ihrem Haus einrichten, sondern muss einen Kredit aufnehmen, um zwei Wohnungen in der Wilhelmstadt zu kaufen und gemeinsam mit ihren Töchtern herzurichten. Nach der Eröffnung der Kita - noch im Jahr 1996 - steigt die Zahl der Kinder schnell von 15 auf 50. Mittlerweile sind dort acht Erzieherinnen tätig.

Zeichnungen auf Bestellung

Als Franziska Gravenhorst die grün gestrichene Tür zu einer der Wohnungen öffnet, brechen die Kinder ihre Spiele ab und umringen sie. "Gicka ist da!", rufen sie. "Gicka ist das erste Wort, das meine Tochter sagte. Seitdem werde ich so genannt", erklärt die Kita-Chefin ihren Spitznamen. Sie drückt die Mädchen und Jungen zärtlich an sich, greift aber sofort ein, als zwei Jungen sich heftig zanken. Nachdem der Streit geschlichtet ist, setzt sich auf einen der Kinderstühle und zeichnet Bilder - auf Bestellung. Ein Pferd. Ein Haus. Einen Schäferhund.

Allzu viel Zeit hat "Gicka" heute aber nicht - auf ihrem Schreibtisch zu Hause wartet der Papierkram: Kinderlisten, Bilanzen, Dienstpläne. Arbeiten fast ohne Pause: Den Abschluss bildet das große Wäschewaschen. Doch auch in ihrem Haus ist Franziska Gravenhorst oft von den Kita-Kindern umgeben. "Weil ich nicht lange bei den Kindern in der Kita bleiben kann, kommen sie zu mir." Ein volles Haus, das von Kinderstimmen erfüllt ist - das ist es, was sie braucht.

Am Abend sieht sie müde aus. Und glücklich. "Jüngere Menschen glauben häufig, dass man mit 60 verbraucht ist und keine Kraft mehr hat", sagt sie. "Aber das stimmt nicht." Es tut ihr weh, wenn sie die Skepsis der jüngeren Generation spürt. "Wer alt ist, wird weniger akzeptiert und gilt als unbrauchbar", meint sie. Doch Franziska Gravenhorst wird gebraucht. Von 50 Kindern. Deshalb denkt sie nicht an einen Ruhestand. Sie hat auch keine andere Wahl: Schließlich ist sie auf das Einkommen der Mieten für die Kita-Eigentumswohnungen angewiesen. "Die beiden Wohnungen müssen noch 30 Jahre lang abbezahlt werden", erzählt sie. "Aber was soll's. Ich bin ja erst 76."