Interview

"Man muss zuerst die Freundschaft des Kindes erwerben"

Viele zusammengewürfelte Familien zerbrechen an Alltagskonflikten. Darüber, wie man die in den Griff bekommen kann, sprach Astrid Herbold mit Peter Brink, Diplom-Psychologe bei der Familienberatung Berlin-Mitte

Berliner Morgenpost: Herr Brink, Sie beraten viele Patchwork-Familien, was sind da die häufigsten Konflikte?

Peter Brink: Oft entsteht Streit, wenn der neue Stiefvater sich zu schnell einmischt, also eine Erziehungsrolle übernimmt. Oder wenn er von der Mutter diese Position zugewiesen bekommt, obwohl er noch gar nicht die Zustimmung des Kindes hat, es erziehen zu dürfen.

Berliner Morgenpost: Das Kind muss seine Zustimmung geben?

Peter Brink: Ja, Kinder signalisieren, ob sie sich von einem Erwachsenen etwas sagen lassen wollen. Und der Zeitpunkt ist dann, wenn eine Freundschaft zwischen dem Kind und dem Stiefelternteil entstanden ist. Das heißt, der Stiefelternteil muss immer erst die Freundschaft des Kindes erwerben.

Berliner Morgenpost: Das klingt gut. Aber wie funktioniert das in der Realität?

Peter Brink: Indem man dem Kind Angebote macht, zum Beispiel gemeinsame Unternehmungen. Vor allem aber geht es darum, sich für das Kind zu interessieren, es nicht nur billigend in Kauf zu nehmen, weil man sich eine neue Partnerschaft wünscht. Sondern dass man als Erwachsener wahrnimmt, dass da ein Kind ist, das eigene Interessen hat.

Berliner Morgenpost: Und wenn man eine solide Beziehung aufgebaut hat, darf man auch mal meckern?

Peter Brink: Ja, aber es ist auch dann immer besser, wenn die leiblichen Eltern eher den strengen Part in der Erziehung übernehmen und die Stiefeltern eher großzügig sind, das Kind zum Beispiel auch mal in Schutz nehmen.

Berliner Morgenpost: Wird die Situation einfacher oder schwieriger, wenn in einer Patchwork-Familie gemeinsame Kinder dazukommen?

Peter Brink: Gemeinsame Kinder stabilisieren zwar die neue Beziehung, aber oft auf Kosten des älteren Kindes. Das gemeinsame Kind steht dann für die neue Kernfamilie, das große Kind fühlt sich schnell an den Rand gedrängt. Wichtig ist deshalb, dass der leibliche Elternteil einen sehr engen Draht zu seinem Erstgeborenen hat. Da brauchen Eltern viel Fingerspitzengefühl, damit das ältere Kind eine gute Position innerhalb der Familie behält. Das Kind darf nie das Gefühl haben, für einen neuen Partner oder eine neue Familie geopfert zu werden - zum Beispiel, indem man es zum anderen Elternteil "abschiebt".

Berliner Morgenpost: Der Traum jeder Patchwork-Familie ist, dass sich alle blendend verstehen, das getrennte Paar, die neuen Partner, alle Halb- und Stiefgeschwister untereinander. Was, wenn das trotz aller Bemühungen einfach nicht klappt?

Peter Brink: Die Eltern müssen akzeptieren lernen, dass es in komplexen Familien auch unterschiedlich intensive Beziehungen gibt. Vielleicht bleibt der Stiefvater eben nur ein väterlicher Freund. Vielleicht können sich die Stiefgeschwister nicht leiden, auch wenn sie altersmäßig scheinbar perfekt zusammenpassen. Das muss man aushalten können.

Berliner Morgenpost: Bei so vielen Komplikationen, die Familien drohen - kann da Patchwork überhaupt gelingen?

Peter Brink: Natürlich kann es gelingen. Aber die Erwachsenen müssen von Anfang an versuchen, typische Fehler zu vermeiden.