"Wintersport"

Welcher Schlitten ist der richtige?

Der Winter ist noch lange nicht vorbei und es soll bald wieder schneien. Mit guter Ausrüstung macht das Rodeln dann gleich doppelt so viel Spaß

Foto: Christian Hahn

"Bahn frei, Kartoffelbrei!", gellt eine hohe Stimme über die Piste. Eine Wolke aus Schnee und Eis stiebt auf, als der schicke Rundhorn-Schlitten auf einer Kufe knapp an einem knallroten Plaste-Ufo vorbeischrammt. Das Buchenholz-Cabriolet bricht aus der Spur, wirft die Rodlerin ab, dass die Ohrklappen der Wollmütze nur so flattern, und bleibt am Rand der Piste in einem Schneehaufen stecken. Winterzeit ist Schlittenzeit. Und Schnee und eisige Temperaturen sollen nächste Woche wieder zurückkommen. Dann werden auf den Berliner Hängen wieder allerlei Gefährte unterwegs sein, die dick vermummte Piloten möglichst rasant von A (oben) nach B (unten) befördern. Doch welches ist der ultimative Rodel? Wir haben nach harten Kriterien getestet und verglichen. Bewertet wurden Design, Komfort und Fahrverhalten, Geschwindigkeit und Bremse. Die Jury: ein Vater und die unbestechlichsten Tester der Welt - Debora (12), Linus (11) und Jannis (12). Das Testgelände: der Schwarze Grund in Zehlendorf.

Klassiker: Der "Davos"-Holzschlitten

Den Startplatz belegt als Erstes - wer sonst? - die Davos-Klasse. Dem Design nach ist der "Davoser" der Vater aller Schlitten. Seit 1883 werden mit den Holzmodellen Rennen gefahren. Am besten wirken sie in der puristischen Ausführung in Buche oder Esche, möglichst als wendige Zweisitzer. Die Kosten liegen bei 40 Euro plus - je nach Länge, Holzart und Ausführung. Doch die entscheidende Frage lautet: Fährt auch gut, was gut aussieht? Wir testen den 90 cm langen Booster in Esche mit den typischen roten Schutzkappen von der bayerischen Traditionswerkstatt Gloco. Eigengewicht: 4 kg, Belastbarkeit: 150 kg.

Die typische hohe Bodenfreiheit gaukelt dem Pistenneuling ein biederes, robustes Familiengerät vor, auf dem es sicher und gemächlich bergab geht. Aber in jedem Davoser steckt ein Wolf im Schafspelz. Gierig funkeln seine plan aufliegenden Kufen mit Metallbeschlag der vereisten Strecke entgegen. Wir packen den Klassiker fest an den Querstreben. Elastisch schluckt der Davoser die Schockwellen der überfrorenen Maulwurfhügel, um nach wenigen Sekunden am Tempolimit zu kratzen. Die Beschleunigung drückt den Piloten in die Rückenlage. "Deswegen liebe ich ihn: Er ist einfach der Schnellste", lobt Debora (12) ihren Davos. Und seine sagenhafte Spurtreue garantiert eine sichere Schussfahrt. Hier gilt: je länger der Schlitten, desto besser der Geradeauslauf.

Schwierig wird es allerdings in komplizierten Steillagen. Der Davoser wird mit den Füßen gesteuert. Doch einmal entfesselt, ignoriert er zaghafte Trittkommandos. Wer den Holzblitz durch Kurven und zum Stoppen zwingen will, muss herzhaft in die Vollen treten. Und trotz aller Mühe ist die Kurvenlage bisweilen lausig. Solche Dynamik im Hochgeschwindigkeitsbereich ist nichts für Sonntagsrodler.

Fazit: Der Davoser bekommt als Winterallrounder vier von fünf möglichen Schneeflocken. Abzüge gibt es für die veraltete Bremstechnik - und zu viel Schnickschnack beim offerierten Zubehör. Dazu gehören zum Beispiel Gurtbespannung, Schiebelehne und Kinderlehne - sogar für Zwillinge zu haben.

Fun-Ufo: Der Rutschteller

Der nächste Kandidat zaubert Rennflair in den Schnee. In Design, Material und Konstruktion ist der Rutschteller von Tecno Pro der geborene Herausforderer des Davos. Fläche statt Kufe, Hand- statt Fußbremse und eine radikale Gewichtsreduzierung auf 1300 Gramm bei einem Durchmesser von 65 cm machen das Modell zu einem echten Killer. Es rauscht in Ferrari-Manier unter jedem Weidezaun durch, wenn die Konkurrenz schon längst in den Maschen hängt. Zumindest optisch ist der Teller ein Gewinn auf jeder Piste.

In puncto Speed und Bremse lebt der Tecno-Pilot einsam. Bei 80 kg Höchstlast fliegt man allein und schnell und oft genug unkontrolliert. Linus (11) schätzt an seiner "Schüssel" genau das: den Mix aus Nervenkitzel und Aerodynamik. "Man ist windschnittig direkt über dem Eis und weiß nie genau, was gleich passiert." Die Limits hängen von den Nerven des Piloten ab. Sind sie erreicht, lauern unter bunten Griffmulden zwei giftige Fangzahnbremsen. Die bringen den Glider blitzartig zum Stoppen, zerschrammen allerdings schnell die mühsam angelegte Eisbahn. Bei Komfort und Fahrverhalten zollt der Rutschteller seiner Optik Tribut. Federung? Nein, danke! ABS, Knautschzone, Airbags? Fehlanzeige. Slalom und Eigenachsrotation sind seine Stärken, weniger die Spurführung. Wer glaubt, die Regeln der Physik im Fun-Ufo zu bezwingen, lernt die Jungs vom Roten Kreuz am Pistenfuß schneller kennen, als ihm lieb ist. Schluss ist für diesen Boliden bei minus 20° Celsius und bei Sprungschanzen über 20 Zentimeter. Es ist kein Gerät für Sicherheits-, sondern für Fun-Fanatiker.

Fazit: Der Tecno-Pro-Rutschteller erschliddert sich drei von fünf Schneeflocken. Im lockeren Pulverschnee dem Davoser fahrtechnisch überlegen und mit Preisen um 14 Euro ein Schnäppchen, reicht es zum Protzen nicht. Dazu bietet das Fun-Ufo zu wenig Fahrkomfort und Ausstattung. Die Kurvenlage ist ein Witz.

Augenschmaus: Der Lenkrodel

Ein Blickfang ist Kandidat drei: der kleine Lenkrodel von AlpenGaudi. Mitternachtsblau glänzt er oben am Hang. Die sportwagenähnliche Karosserie des 1,9 Kilo schweren Einsitzers aus kältestabilem HDPE-Kunststoff ist aus einem Stück gestanzt. Der flache Look, die fein geschwungene Linie des ergonomisch geformten Pilotensitzes versprechen Dynamik am Berg und sind einfach schick. Die Front besticht mit einem energischen Lenkbuckel und einer herausragenden Mittel-Lenk-Kufe. Das Interieur glänzt mit einem aufgeräumten Cockpit. Wo andere Hersteller mit Blaulicht, Hupen und ähnlichem Firlefanz Szenetauglichkeit simulieren, vertraut der AlpenGaudi auf das Understatement seines rechteckigen Lenkrades, dessen Griffrillen auch dem fusseligsten Wollhandschuh Halt bieten. Der AlpenGaudi ist unser Design-Sieger.

Doch in der Kategorie "Komfort und Fahrverhalten" ist leider Schluss mit Gaudi. Die Maße (Länge 93, Breite 39, Höhe 25 cm) wirken hingehockt viel kleiner als draufgeschaut. Auch sonst erinnert viel an einen alten Trabi, etwa die knarzende Lärmkulisse in der Fahrgastzelle, wenn die Rennplaste auf Betriebstouren kommt. Die Welt der Lenkrodel ist das Mittelmaß Berliner Abfahrten. Puristen schwärmen von den Gleiteigenschaften auf mittelsteilen, mittellangen, mittelweichen Pisten. Sprungschanzen sind nur bedingt zu empfehlen.

Die Spur mit breiten, langgezogenen Außenkufen, das Lenkgetriebe aus Stahl und der Rundumspoiler stehen ebenso für aktive Fahrsicherheit wie die beiden seitlichen Handbremsen, obwohl der Bob auch bei "Speed und Bremse" Federn lässt. In den drei Testläufen stürzten zwei Fahrer nach dem Bremsen. Eine Bremskralle bricht ab, eine Lenkung klemmt - trotz Prüfsiegel und Ausweis für 50 Kilogramm bei dynamischer Belastung.

Unser Fazit für den Lenkrodel lautet: drei von fünf möglichen Schneeflocken. Rennbobs sehen schick aus, sind gut fürs geruhsame Show-Cruisen, bewegen sich mit einem Preis von etwa 30 Euro in der mittleren Kategorie, sind aber für grobes Gelände ungeeignet.

Naturerlebnis: Die Tüte

Letzter im Test: die Discounter-Tüte. Konkreter: der "Light-Ice de Luxe", alltagssprachlich auch "Lidl" genannt. Zugegeben - er ist der Augentod unter den Testschlitten. Die bunte Plastiktüte muss mit breitem Kreuz entfaltet werden. Wer nicht als Knauser gelten will, hat immer drei farblich topaktuelle, frisch gebügelte Modelle in der Tasche und wählt seinen Polyethylen-Flachschlitten nach Konsistenz und Kälte des Belags direkt am Gipfel. Dann forsch ins Starterfeld eingereiht, und ab geht's.

Merke: Je hässlicher die Tüte, desto fescher sollte der Pilot sein. Dafür ist die 20-Cent-Konkurrenz in Anschaffung, Unterhalt und Reparatur die Lösung für Geizige. Bei "Speed & Bremse" sind Talent und Mut gefragt. Tütenfahrer wissen, dass sie die Griffe vor sich zwischen den Beinen halten sollten, um einen geschmeidigen Bug aufzubauen, der die Piste unter der Tüte hält. Je härter und glatter die Bahn, desto besser. Die Fußbremsen sind meist exakt aufeinander abgestimmt und bringen das Gefährt rasch und sicher zum Stehen. Tütenfahrer sind Naturburschen, denen Schwielen am Hintern und Schneeflocken in der Nase nichts ausmachen. "Im Stehen machte es am meisten Spaß - aber eigentlich nur, wenn man gerade keinen richtigen Schlitten hat", sagt Jannis (12). Er kennt noch eine andere Alternative: Er hat an seinem Skateboard die Räder abgeschraubt und macht auf Snowboard. Doch zurück zur Tüte. Den "Light Ice" auf Komfort und Fahrverhalten zu testen ist gemein, muss aber sein. Das Ergebnis lautet schlicht: Bei Kurven hat er seine liebe Not. Den konstruktiven Mängeln kommt man nur mit konsequentem Tuning bei. Ein Stück Pappe in der Tüte sorgt für Federung, Stabilität und deutlich verbesserten Fahrkomfort.

Fazit: Auch wenn der "Light Ice de Luxe" und seine Tütenheimer Freunde beim Leergewicht, Kofferraum (maximale Zuladung 12 kg) und beim Einparken in Auto, Bus und Bahn Siegertypen sind, reicht es im Schlittentest nur für zwei Schneeflocken. Der Einsatz in wurzeligem Gelände und auf Langbahnen bleibt heikel. Der Fahrkomfort genügt nur einfachsten Ansprüchen. Doch er ist allemal besser als die reine Poporutsche.