2011

Start in ein neues Leben

Für vier Berliner und ihre Familien wird 2011 vieles anders. Sie gehen in Rente, erleben die Geburt ihres ersten Kindes, schaffen sich ein Haustier an oder heiraten. Trotz aller Unsicherheit über das, was da in den nächsten Monaten kommen mag, haben sie das neue Jahr vor allem mit einem Gefühl begrüßt: mit Vorfreude

Foto: Marion Hunger

Der Ruhestand

Kein unsanftes Weckerklingeln, kein hastiges Rasieren, Duschen, Anziehen, Frühstücken und zur Dienststelle hetzen: Clemens Krause muss nicht mehr arbeiten gehen - er steckt jetzt in der Altersteilzeit und kann ausschlafen. Dabei ist er erst 58 Jahre alt. Wirklich freiwillig geht Krause nicht in den Ruhestand. "Mein Job bei einer Berliner Brauerei ist Einsparmaßnahmen zum Opfer gefallen", sagt er. Aus diesem Grund habe er sich mit seinem Arbeitgeber auf eine Altersteilzeit geeinigt. "Immerhin 36 Jahre lang habe ich für die Brauerei in der Verwaltung, darunter in Moabit, Spandau, Kreuzberg und in Hohenschönhausen, gearbeitet." Wehmütig ist Krause über den Abschied aber nur ein bisschen. "Mit meinen Kollegen habe ich mich immer gut verstanden. Deshalb war die Abschiedsfeier ganz schön traurig." Aber auch wenn er seine Kollegen vermissen wird, freut er sich auf das neue Jahr. "Ich muss mich bestimmt erst einmal in meiner neuen Rolle zurechtfinden. Keinen geregelten Tagesablauf mehr zu haben, stelle ich mir gewöhnungsbedürftig vor." Andererseits hat Clemens Krause viele Ideen für sein Leben ohne Arbeit: Schließlich ist er noch gut in Form und kann endlich seinem Hobby intensiver nachgehen. "Ich fahre sehr gerne Rennrad und plane schon ausgedehnte Strecken für das Frühjahr." Daneben ist Krause leidenschaftlicher Fotograf, vor allem Landschaftsbilder haben es ihm angetan.

Und dann ist da noch die Familie. Jetzt freut er sich, mehr Zeit für seine Eltern zu haben: "Beide leben noch und können endlich die Zuwendung von mir erhalten, die sie verdient haben." Auch die Lebenspartnerin von Clemens Krause sieht dem Jahr 2011 positiv entgegen. "Sie will mich für Reparaturarbeiten in ihren Friseursalons einplanen", erzählt er. "Damit ich nicht auf dumme Gedanken komme, wenn ich mich langweile." Gleichzeitig hoffe sie, öfter in den Genuss der Koch- und Backkünste ihres Lebensgefährten zu kommen. Besonders begehrt sei sein Apfel-Käsekuchen. "Meine Kuchen würde ich auch für Cafés backen", erzählt er. Wenn Krause dann noch Zeit bleibt, möchte er ehrenamtlich Senioren betreuen: "Einkaufen gehen, Besorgungen machen oder einfach nur Gesellschaft leisten - diese Arbeit stelle ich mir erfüllend vor." Doch zunächst widmet er sich einer anderen Beschäftigung: dem Reisen. Seine Lieblingsregion ist Schottland. Bereits in einigen Tagen steigt Krause erneut ins Flugzeug: Diesmal geht es nach Dubai.

Das erste Kind

Ein Dreikönigskind soll sie werden. Am 6. Januar hat Marie Stichtag. Ihre Eltern Carola Kirch und Olaf Heinecke sind schon ganz gespannt, wie sie aussehen wird und wie das Leben mit ihrer kleinen Tochter wohl sein wird. "Wir werden uns ganz neu kennenlernen mit Kind", vermutet Carola Kirch. Marie ist ein Wunschkind. Lange Zeit gehörte ein Baby nicht unbedingt in den Lebensplan der Gymnasiallehrerin, aber dann hat sie vor knapp zwei Jahren Olaf kennengelernt. "Ich habe mir immer drei Kinder gewünscht", sagt der 39-Jährige lachend. "Aber nun fangen wir erst mal mit einem an", sagt Carola (40), ebenfalls lachend. "Ja, aber zwei wären auch schön", ergänzt Olaf noch. Dass sie schwanger ist, hat Carola Kirch gemerkt, als sie und Olaf Heinecke gerade zusammengezogen waren. In ihrer neuen Altbauwohnung in Schmargendorf stapelten sich noch die Kisten, ein Kinderzimmer war nicht vorgesehen. Aber nun wird das Arbeitszimmer eben umfunktioniert. Noch deuten nur der Kinderwagen, die Wickelkommode und der Stubenwagen auf das neue Familienmitglied hin. "Ich finde es irgendwie komisch, das Kinderzimmer fertig einzurichten, bevor das Kind geboren ist." Am Anfang soll die Kleine ohnehin neben dem Elternbett schlafen. Olaf fragt sich allerdings, wie sich das Schlafdefizit auswirken wird, schließlich muss der selbstständige Ingenieur zwei Wochen nach der Geburt wieder arbeiten. "Aber das ist meine einzige Sorge, ansonsten bin ich erwartungsfroh", sagt er. Für Carola Kirch drängen sich in der Mutterschutzzeit die Verabredungen. "Wer weiß, wann ich wieder ins Kino oder in die Therme komme", sagt sie. Angst, nach der Geburt etwas zu verpassen, hat sie aber nicht, "das ist vielleicht der Vorteil, wenn man nicht ganz früh Kinder bekommt - ich habe die Freiheit jahrelang ausgekostet." Jetzt ist sie eher gespannt, wie es sich anfühlt, fremdbestimmt zu sein. Ein Jahr will sie bei ihrer Tochter bleiben, danach wieder mit einer halben Stelle an die Schule zurück - ein bisschen freut sie sich auch darauf, "aber bis dahin bin ich ganz auf Marie eingestellt".

Ein Haustier

Ein hat pechschwarzes Fell, weiße Pfoten und eine weiße Nase: Die Familie Mensel wird im neuen Jahr um ein Mitglied größer. Von nun an teilt sie sich ihre Wohnung in Buckow mit dem sechsjährigen Kater Davinci. Bislang lebte er im Tierheim Berlin in Falkenberg. "Wir haben uns tagelang die Katzen hier angeschaut", sagt Frank Mensel (42). Wichtig sei, dass sich das Tier mit Tochter Sarah verstehe. "Aber eigentlich suchen sich Katzen ihre Besitzer aus und nicht umgekehrt", sagt der Vertriebsmanager. Zwischen Kater und Familie habe die Chemie von Anfang an gestimmt. Und die Mensels kennen sich bereits mit Katzen aus. "Unsere alte Katze ist im Alter von 20 Jahren im vergangenen Frühjahr gestorben. Aber da Sarah mit einer Katze aufgewachsen ist, möchten wir jetzt eine neue haben", sagt Tamara Mensel (39). Deshalb stünden ein Kratzbaum sowie Katzenspielzeug bereits parat. Dass Davinci den Tagesablauf der Familie durcheinanderwirbeln wird, da ist sich die Sekretärin sicher: "Das fängt ja schon morgens an, wenn Davinci als Erster wach wird und nach seinem Frühstück verlangt", vermutet sie. "Wir Menschen sind für Katzen nur die Dosenöffner." Und auch in puncto Urlaubsplanung hat die Familie vorgesorgt. Bekannte werden sich um den Kater kümmern, wenn die Mensels auf Reisen sind.

Die achtjährige Sarah hegt noch einen speziellen Wunsch: "Hoffentlich kuschelt sich Davinci abends zu mir ins Bett." Doch zuerst muss sich der Kater an seine neue Umgebung gewöhnen. "Wir werden die Transportbox zu Hause öffnen und ihn dann in Ruhe die Wohnung erkunden lassen", sagt Frank Mensel. Wichtig sei, dass er schnell lerne, wo das Katzenklo steht. "Wir sind natürlich gespannt auf seine Vorlieben, Angewohnheiten und Macken", sagt er. Warum sich die Familie ihr Haustier ausgerechnet im Tierheim ausgesucht hat, kann Frank Mensel erklären. "Es gibt hier genug Tiere, die auf ein neues Zuhause warten. Da muss man nicht zu einem Züchter gehen." So beginnt nicht nur für Familie Mensel, sondern auch für Kater Davinci ein neuer Lebensabschnitt.

Die Hochzeit

Man muss Zeit haben zum Aufgeregtsein, und die haben wir im Moment nicht", sagt Olga Buchmüller. Trotz aller Hektik klingt ihr Lachen glücklich. Und sie hat auch allen Grund dazu. Am 13. Januar heiraten sie und ihr Verlobter Mathias Hoffmann (32). Sie studiert Kommunikationswissenschaften, er Philosophie und Theaterwissenschaften. Und in diesen Tagen, rund um den Jahreswechsel, gibt es so viel vorzubereiten und zu planen, dass sie kaum einen Gedanken darauf verwenden, wie rasant ihr Leben umgekrempelt wird. Denn die Hochzeit wird nicht die einzige Veränderung bleiben: Die beiden ziehen im März in eine größere Wohnung und erwarten im Mai ihr erstes Kind. Kennengelernt haben sie sich an einem Freitag, dem 13.: im März vergangenen Jahres bei einer Geburtstagsparty. Sie kellnerte für den Veranstalter, er war der Barkeeper und zum ersten Mal dabei. "Wir haben uns bei den Party-Vorbereitungen gesehen, und es hat sofort gefunkt", sagt die 25-Jährige. "Wir waren deshalb völlig sprachlos und haben uns noch nicht mal begrüßt. Während der Arbeit ging ich absichtlich oft bei ihm vorbei." Den langen Abend über tauschten sie Blicke und schließlich ihre Nummern aus - am nächsten Tag rief er sie sofort an.

Seitdem sind sie unzertrennlich. "Wir wussten einfach, dass wir zusammengehören", sagt die Braut. "Wir haben auch nicht groß darüber nachgedacht. Wir spürten auf einmal: Es passt." Im April 2009 zogen sie zusammen in eine kleine Wohnung in Prenzlauer Berg. Dass sie heiraten wollen, stand schon fest, bevor sie von der Schwangerschaft erfuhren - seit einem romantischen Heiratsantrag. Mathias Hoffmann holte seine Olga von der Uni ab und lud sie zu einem Frühstück an ihrem kleinen "Stammtisch" in ihr Lieblingscafé ein. Hier hatten sie seit Beginn ihrer Beziehung immer wieder gegessen. "Er hatte an alles gedacht, sogar das gleiche Essen wie beim ersten Mal hat es gegeben", sagt Olga. "Dann machte er mir den Antrag - mit Kniefall und allem Drum und Dran. Ich war überwältigt." Sie heiraten standesamtlich - und bevor der Bauch zu dick wird. Das ist Olga Buchmüller wichtig: "Ich will mich schließlich schön machen für die Hochzeit und nicht zum Standesamt kullern."