Geschichtswettbewerb

Die neue Lust auf die alte Zeit

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Christine Eichelmann

Florentin Hildebrandt ist begeisterter Tischtennisspieler. Und Langstreckenathlet. Bis zu 21 Kilometer rennt der 15-jährige Vereinsläufer. Für Elio Bier (14) ist der Tennisplatz wichtig und natürlich sein Schlagzeug. Skandale gehören für keinen der beiden zum Alltag. Bisher.

Dass sich das jetzt ändert, dass gesellschaftlicher Aufruhr bald einen guten Teil ihrer Freizeit füllen wird, das haben Elio und Florentin selbst so entschieden. Denn um "Skandale in der Geschichte" geht es beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, an dem die Schüler teilnehmen. Einen ersten Vorgeschmack darauf, dass ihre Anmeldung bei der Körber-Stiftung mehr zur Folge hat als etwas Lektüre in Büchern und Internet, bekamen die beiden Jungen in dieser Woche. Für einen dreitägigen Workshop der Stiftung wurden sie nicht nur vom Unterricht in der Bertha-von-Suttner-Oberschule freigestellt. Sie tauschten sogar ihre Jugendzimmer in den Pankower Elternhäusern mit schlichten Jugendherbergsbetten. Obwohl das Programm - vom Quellenstudium und einem Treffen mit Behördenchefin Marianne Birthler in der Stasi-Unterlagen-Behörde bis zum Seminar beim Historikerkongress an der Humboldt-Universität - gar nicht aus Berlin herausführte. "Das war anstrengender als Schule und ging immer früh los. Wir hätten das sonst gar nicht geschafft", sagte Elio.

Der Geschichtswettbewerb verfolge sie bis heute, "aber im positiven Sinne", berichtete eine der Preisträgerinnen von 2009, Bettina Frevert, beim Seminar auf dem Historikertag. "Helden der Arbeit" in der DDR lautete das Thema des Beitrags, den die damals 18-jährige Berlinerin für Deutschlands größten historischen Jugend-Forschungswettstreit verfasst hatte. Seitdem, so Frevert, gehe sie mit anderen Augen durch die Stadt. Straßennamen mit historischem Bezug, Denkmäler, die nicht gleich offenbaren, woran sie erinnern sollen - Spuren der Vergangenheit, die nirgendwo hinführen, wenn es beim ersten flüchtigen Blick bleibt. Bei Bettina Frevert wecken sie heute die Neugier.

Zeitungsausschnitt ergab das Thema

Was die Ehemaligen des Geschichtswettbewerbs Berliner Schülern und jetzigen Wettbewerbsteilnehmern in der Humboldt-Universität berichteten, hätte bei Elio und Florentin nicht nur Begeisterung auslösen müssen. Von ermüdender Archivarbeit war da die Rede, von Schreibblockaden, wenn die Forschungsergebnisse ausgewertet werden müssen. Sechs Monate haben die Junghistoriker Zeit, bis Ende Februar 2011. Elio und Florentin haben sich bisher noch nicht einmal auf einen Skandal festgelegt. Ideen steuerten der Geschichtslehrer ebenso bei wie die Eltern der Jungen. Die aber würden lieber ein eigenes Thema wählen. "Wenn unsere Eltern etwas vorschlagen, dann haben die dazu ja schon ihre Meinung", sagte Elio. Eigenständigkeit ist es, was die Körber-Stiftung von den Jugendlichen fordert. Elio und Florentin sehen das als Chance.

Dass der Wettbewerb nicht einfach werde, habe er von Anfang an gewusst, sagte Florentin. Die Leidenschaft, die im Seminar immer wieder durchklang, hat ihnen aber auch Mut gemacht. Elio: "Es wäre doch toll, wenn wir im Archiv etwas finden würden, was bisher noch nicht bekannt war." Klar seien schon die Hausaufgaben "nicht gerade das, wozu man Lust hat", ergänzte Florentin. "Aber wenn ich mal ein Referat mache und mich richtig in ein Thema vertiefe, dann macht das auch Spaß."

Rahul Kulka hat der Wettbewerb vor gut einem Jahr so viel Spaß gemacht, dass der heute 17-Jährige am Sonnabend nach Oxford zieht. Im Frühjahr legte er am Werner-von-Siemens-Gymnasium das Abitur ab, jetzt beginnt sein Geschichtsstudium. Am Anfang allerdings hatte er vor ähnlichen Hürden gestanden wie Elio und Florentin. Eine ganze Zeit lang stöberte er in allem, was er fand, nach vergessenen Helden - dem Thema des letzten Durchlaufs. Eine Zeitungsnotiz in der elterlichen Sammlung von Zeitzeugnissen weckte sein Interesse. 13 Jahre war der Papierschnipsel alt, und hätte er gefehlt in dem Ordner, es wäre wohl niemandem aufgefallen. Rahul aber reizte die Meldung über die Umbenennung der Berliner Hans-Beimler-Straße in Otto-Braun-Straße 1995 und über die Verärgerung, die das bei Teilen der Ost-Berliner Bevölkerung auslöste. Dass seine Entscheidung für den Kommunisten Beimler in der Lichterfelder Familie durchaus nicht nur Beifall auslöste, fachte auch bei Rahul das Interesse noch an. Linker Aktivist in der Weimarer Republik und von den Nazis verfolgt, in der DDR zum Staatshelden stilisiert und nach der Wiedervereinigung wegen seines ungeklärten Verhältnisses zum Stalinismus wieder vom Sockel gehoben: "Das ist kein perfekter Held, sondern einer, der die politischen Wechsel in Deutschland im 20. Jahrhundert widerspiegelt", so Kulka.

Akademische Auszeichnung

Was er erlebte, als er die Emanuel-Lasker-Oberschule in Friedrichshain besuchte, überraschte ihn aber doch. Zu DDR-Zeiten trug ein Teil der Schule den Namen Hans Beimlers. Kulka: "Dass wussten einige der Lehrer gar nicht. Und als ich nach alten Unterlagen über Beimler fragte, hieß es, die seien verschwunden." Für den Berliner mit indisch-stämmiger Mutter, der drei Jahre nach dem Mauerfall geboren wurde, gilt die Beschäftigung mit Beimler seither auch als Beitrag zur inneren Wiedervereinigung Deutschlands.

Beim Geschichtswettbewerb hatte Kulka 2009 einen zweiten Bundespreis erhalten. Eine weitere Auszeichnung folgte gestern Abend vom Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD), die sich bis heute auf dem Historikertag treffen. Zum ersten Mal hatte sich Europas größter geisteswissenschaftlicher Kongress mit der Schülersektion auch für potenziellen Nachwuchs geöffnet. Daneben wurden die Preisträger-Arbeiten des Geschichtswettbewerbs erneut evaluiert und der neu ausgelobte Schülerpreis des VHD vergeben. Kulka teilt sich den Preis mit der Baden-Württembergerin Giovanna-Beatrice Carlesso.

Die Latte liegt hoch für Elio und Florentin, und das wissen die beiden auch. "Klar fordert einem das Respekt ab", sagte Florentin. " Aber schließlich", meinte Elio, "geht es ja nicht nur um den Preis."