Erfahrungsbericht

Wie der Jugendarrest eine 17-Jährige verändert

Sarah* wurde wegen gefährlicher Körperverletzung zu vier Wochen Jugendarrest verurteilt. Die 17-Jährige sitzt ihre Strafe in Berlin ab. Mit Morgenpost Online sprach sie über ihren Alltag, ihre Tat und ihre Wünsche für die Zukunft

Foto: Tjaden

"Innerhalb der Woche werde ich morgens um 7 Uhr geweckt. Jemand klopft an. Sofort aufstehen. Bett machen, Zimmer aufräumen, fegen. Dann esse ich mit den anderen zusammen Frühstück. Danach Zähneputzen. Und dann ist man wieder eingeschlossen. Zwei dürfen die Station putzen, die müssen dann nicht aufs Zimmer.

Manchmal sage ich auch Zelle. Das rutscht mir so raus. Es fühlt sich so an. Aber hier sagen wir eigentlich Zimmer. Dort sind wir wieder bis zum Mittag und danach bis zur Freizeit um 15.30 Uhr. Die Beamtin kommt hoch und geht mit uns auf den Hof. Bis 16.30, manchmal 17 Uhr sind wir dann draußen. Anschließend haben wir Aufschluss. Das heißt, wir können uns frei auf unserem Flur bewegen, telefonieren oder duschen. Um 17.30 Uhr gibt es Abendessen. Ich finde das sehr früh. Meistens kriege ich später am Abend dann wieder Hunger.

Die Leute mit Stufe III haben um 18 Uhr wieder Einschluss. Die Stufe II hat um 19.30 und Stufe I um 21 Uhr. Wenn man hier ankommt, wird man 24 Stunden am Stück eingeschlossen, danach ist man Stufe III. Abhängig von seinem Benehmen arbeitet man sich bis zur Stufe I hoch. Wenn man Fehler macht, wie beim Rauchen erwischt werden oder mit den Beamten diskutieren, wird man runtergestuft. Ich bin mittlerweile Stufe I, obwohl ich es mir schon einmal verscherzt hatte.

Anfangs war ich hier "Ausgänger". Das heißt, ich hatte eine Arbeit im Restaurant und kam nur zum Schlafen in die Anstalt. Am dritten Tag wurde ich von der Arbeit angerufen, ich solle schnell kommen. Vor Ort warteten schon zwei Beamte auf mich. Als herauskam, dass ich nicht zur Arbeit ging, musste ich durchgängig in Haft. Das war mir gar nicht so klar, weil ich bei meiner Einweisung so geheult habe, dass ich die Ausgehbestimmungen nicht richtig las.

So wird die Freizeit verbracht

In der Freizeit spiele ich Kicker oder dusche gerne länger. Ich gucke fast gar kein Fernsehen. Das hätte ich vorher nicht gedacht. Um 9 Uhr abends kann ich noch nicht einschlafen. Ich bin das nicht gewöhnt. Außerdem ist neben dem Gelände die U-Haft. Die grenzt genau an unsere Mauer. Da schreien die Männer durch ihre Fenster. Das ist übertrieben laut. Viele schreien auf Arabisch. Manchmal denke ich, die sind genau neben mir. Um 11 oder 12 Uhr geben die langsam Ruhe, und dann kann ich schlafen.

Letzte Woche hatte ich MKT - Modulares Kompetenz-Training. Eine Polizistin kam zu uns und hat von der Arbeit erzählt. So aus ihrer Sicht. Superspannend. Wir konnten die gleich duzen. Dann hatte ich noch eine Drogenberatung. Wir haben über die Gefahren von harten Drogen gesprochen. Mit unserem Leiter unterhielten wir uns über unsere Gerichtsverhandlung; warum wir hier seien und was wir anders machen sollten.

Das Schlimmste? Da fallen mir einige Sachen ein. Erstens das Essen, zweitens die Langeweile. Wenn man allein im Zimmer ist und sich über die kleinsten Dinge Gedanken macht, die man draußen gar nicht beachtet; das ist schlimm. Hier drinnen gibt es nur leere Wände. Hier kannst du nur lesen oder nachdenken. Poster dürfen wir nicht, wegen der Pinnadeln. Allerdings habe ich mir Fotos auf meinen Tisch gestellt, von meiner Mutter und meinem Hund.

Das Dritte ist die Sehnsucht. Mama, mein Freund und mein Hund. Das ist wirklich das, was mich richtig fertigmacht. Nach zwei Wochen darf man zwei Leute empfangen. Ich konnte mich gar nicht entscheiden. Schrecklich ist, nicht zu wissen, was die anderen da draußen machen und wie es denen geht. Das Telefon kostet total viel Geld hier. Einen Euro die Minute auf das Handy.

Jungen werden selten gesehen

Mit 90 Prozent der Wächter komme ich gut klar. Die sind teilweise auch richtig menschlich. Mit den anderen Mädchen verstehe ich mich super. Gerade wenn man so lange hier ist wie ich. Es ist sehr schön zu quatschen. Ohne meine Zimmernachbarin würde ich das gar nicht durchhalten. Wir wissen alles voneinander. Zu gewissen Personen habe ich Freundschaften geschlossen.

Ich schreibe auch sehr viele Briefe. Draußen hat man ja einen PC, aber hier? Draußen lese ich auch keine Bücher. Da gucke ich Fernsehen. Bin ich ehrlich, das ist so. Aber wenn ich hier eingeschlossen bin, dann lese ich viel. Meistens spannende Romane, auch ein bisschen anspruchsvoller.

Die Jungs sehen wir selten. Manchmal kurz beim Essen oder auf dem Hof. Da gibt es schon ein paar nette. Denen geht's genauso wie uns. Die spielen hier immer den harten Max, aber wenn die alleine sind, denken die auch viel nach. Die Einrichtung ist schon wie im richtigen Knast. Noch nicht mal einen Lattenrost haben wir. Ein Brett und 'ne dünne Matratze. Keiner will hier freiwillig rein. Am Anfang denkt man: "Das mache ich locker." Aber das ist nicht so. Ich weine eigentlich jeden Tag.

Zwischenfälle gibt es schon regelmäßig. Vor allem Körperverletzung. Meistens gegen sich selber. Viele der Mädchen ritzen. Letztens hatte ein Junge gesagt, er wolle sich mit dem Bettlaken aufhängen. Aber echt - wegen vier Wochen hängt man sich doch nicht auf. Andere sitzen zehn Jahre. Viele schmuggeln auch Drogen 'rein oder sind auf Entzug und werden dann aggressiv. Also, im Vergleich zum Rest bin ich hier schon recht vernünftig.

Ihre Mutter weinte während des Prozesses

Ich habe mit der Arreststrafe gerechnet. Aber gleich vier Wochen? Das war ein kleiner Schock. Meine Eltern und mein Freund waren bei der Verhandlung dabei. Sie waren nicht sauer auf mich, sie wussten ja schon lange, was ich getan hatte. Mama weinte trotzdem die ganze Zeit. Ist schon hart. Ich wurde wegen drei Sachen angeklagt, aber letztlich nur wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Vor einem Jahr habe ich ein Mädchen verprügelt.

Dann waren da noch mal Körperverletzung und "Widerstand gegen ein Vollstreckungsbeamten" - ich hatte einen Polizisten mit einem Messer bedroht. Beide Sachen wurden dann allerdings eingestellt. Ich glaube, ich hatte einen guten Anwalt oder die hatten zu wenige Zeugen. Damals lebte ich in einer betreuten Einzelwohnung, und meine Betreuerin organisierte das ganze Rechtliche.

Die Tat war sehr spontan. Ich stand unter Alkoholeinfluss. So viele Promille waren es aber gar nicht, hat jedenfalls nicht für "unzurechnungsfähig" gereicht. Ich hatte jetzt mittlerweile seit acht Monaten keinen Tropfen Alkohol mehr. Wenn ich schon Wodka rieche, wird mir sofort schlecht. Ich war nicht ich selbst - ich meine, in der Nacht. Wenn ich jetzt darüber nachdenke: Nie wieder! Was habe ich da getan? Wenn noch mal etwas passiert, komme ich nicht mehr hierher, sondern direkt nach Lichtenberg in den Frauenknast.

Gute Vorsätze für die Zeit danach

Morgen habe ich einen Termin mit "StartKlar". Eine Organisation, die mir dabei hilft, meine Schule zu machen. Hilfe, damit man draußen klarkommt. Bisher habe ich nur die achte Klasse gemacht. Ich will aber noch den mittleren Schulabschluss. Den brauche ich. Ich kann schließlich nicht den ganzen Tag zu Hause sitzen. Jetzt kriege ich ja auch Hartz IV und das geht ja mal gar nicht. Danach dann eine Ausbildung. Weiß noch nicht, in was. Bei der Telekom soll es ganz gut sein, habe ich gehört. Aber den ganzen Tag im Büro sitzen? Dafür bin ich zu hibbelig.

Nach dem hier werde ich jedenfalls nichts mehr anstellen. Diese vier Wochen sind einfach zu krass. Ich würde das nicht noch mal aushalten, und mein Freund macht das auch nicht mit, wenn ich länger abwandere. Ich mach nichts mehr. Hier drin ist es ja wirklich nicht schön. Vielleicht auf der Homepage, aber nicht in echt. Die haben das hier schon ganz richtig gemacht, mit dem Essen und der Sehnsucht. Da will man nur nach Hause.

Ich habe eine Liste, an der ich jeden Tag durchstreiche, der vorbei ist. Aber es wird einfach nicht weniger, obwohl ja nur noch zwei Wochen bleiben. Wenn ich endlich rauskomme, werden mich mein Freund und meine Familie abholen, und dann gehen wir essen. Am besten McDonalds. Danach nach Hause und einfach mal richtig baden. Das Duschen hier ist nicht das Wahre.

* Namen von der Redaktion geändert