Senioren

Zusammen lachen, weinen, beten

Eine Initiative hilft Senioren mit Migrationshintergrund dabei, ihre besonderen Probleme im Alltag zu meistern

Foto: Reto Klar

Altun Aktürk ist eine Frau, die mit offenen Augen durch die Welt geht. Als im vergangenen Winter alle Gehwege vereist waren, beobachtete sie, dass viele alte Menschen es nicht schaffen, eine Straße während der kurzen Grünphase der Ampeln zu überqueren. Oft kommen sie nur bis zur Verkehrsinsel zwischen den zwei Fahrbahnen, wo sie wieder warten müssen. Die 67-Jährige sprach mit Lokalpolitikern - und hatte Erfolg. Ein paar Wochen später leuchteten einige Ampeln in ihrem Stadtteil Neukölln länger grün, und inzwischen werden auch die ersten größeren Verkehrsinseln gebaut.

Altun Aktürk strahlt, wenn sie von dieser Errungenschaft erzählt. Es ist nicht ihre einzige. Die gebürtige Istanbulerin, die vor 40 Jahren nach Berlin kam, um in einer Textilfabrik und später als Stationshilfe im Krankenhaus zu arbeiten, ist eine von 17 Seniorenvertretern im Bezirk Neukölln. Sie will dabei helfen, ihren Bezirk fit zu machen für die Bedürfnisse der älteren Generation - gerade auch für Migrantinnen und Migranten wie sie selbst. So fordert sie, dass in Seniorenheimen mehr Gerichte ohne Schweinefleisch angeboten werden, weil Muslime dies aus Glaubensgründen nicht essen dürfen. Oder sie setzt sich dafür ein, dass Informationsmaterial nicht nur auf Deutsch, sondern auch in anderen Sprachen erscheint.Auf Verständnis stößt sie dabei nicht immer. Altun Aktürk ist die einzige Migrantin im Gremium der Neuköllner Seniorenvertreter. "Ich war zwar gewählt, aber überhaupt nicht ernst genommen", schildert sie die ersten Eindrücke ihrer Tätigkeit.

Mutig und schlagfertig sein

Dass Altun Aktürk trotzdem dabei geblieben ist, verdankt sie Ulrika Zabel vom Kompetenzzentrum "Interkulturelle Öffnung der Altenhilfe". Die Sozialpädagogin unterstützt zusammen mit ihrer Kollegin Meltem Baskaya und drei weiteren Mitarbeitern ältere Migrantinnen und Migranten in Berlin bei ihrem ehrenamtlichen Engagement, etwa in Kulturtreffs oder als Seniorenvertreter. Es sind Einwanderer der ersten Generation, Gastarbeiter, die in den sechziger Jahren nach Deutschland kamen und hier geblieben sind. Im Kompetenzzentrum in Friedrichshain lernen sie, vor Publikum zu sprechen, ihre Anliegen und Forderungen zu formulieren und schlagfertig zu argumentieren. "Ulrika Zabel habe ich einen großen Teil meines Selbstvertrauens zu verdanken. Sie hat mir immer wieder Mut gemacht und mich zu Podiumsdiskussionen geschubst", erzählt Altun Aktürk.

In fünf der zwölf Berliner Stadtbezirke sitzen inzwischen Migranten in der Seniorenvertretung oder in anderen Gremien. Ginge es nach Ulrika Zabel und Meltem Baskaya, sollen es noch deutlich mehr werden. "Unser Ziel ist es, bei der Wahl zur Seniorenvertretung im November 2011 in jedem Stadtbezirk auch Kandidaten mit Migrationshintergrund zu haben", sagt Meltem Baskaya. Denn sie wissen am besten, was ihre Landsleute brauchen, um sich auch im Alter in der neuen Heimat zu Hause zu fühlen.

So wie Juliya Pankratyeva aus der Ukraine und Tamara Kravcova aus Russland, die in der Gropiusstadt einen Interkulturellen Treffpunkt für ältere Menschen im Gemeinschaftshaus organisieren. Dort wird gekocht und gesungen, Gymnastik gemacht und getanzt - natürlich zu traditioneller Musik. Und auch Deutsch lernen die Senioren bei den Treffen zusammen. "Hier können wir uns gegenseitig helfen, von der Heimat erzählen, zusammen lachen und weinen und beten", sagt Tamara Kravcova. Gaafar Saad aus dem Sudan, seit 35 Jahren in Berlin zu Hause, hat im Pangea-Haus in Charlottenburg-Wilmersdorf ein Stück Heimat für seine Landsleute geschaffen. Rund 80 Menschen treffen sich regelmäßig im Sudan-Club, feiern Hochzeiten, Geburtstage und Beerdigungen zusammen - so, wie es in ihrer Kultur üblich ist. Antonio Maximino aus Angola engagiert sich ehrenamtlich in der Sonderkommission Migranten des Bezirksamts Marzahn-Hellersdorf. Doch es geht ihm wie den meisten seiner Mitstreiter nicht nur darum, den eigenen Landsleuten zu helfen: Der Jurist unterstützt Arbeitslose und Senioren aus vielen Nationen bei Behördengängen und hilft ihnen, sich durch das Beamtendeutsch der Antragsformulare zu kämpfen.

Das Kompetenzzentrum will für solche Initiativen werben und die Idee der interkulturellen Seniorenarbeit in ganz Deutschland bekannt machen. Um Geld für ihre Vorhaben zu sammeln, stehen Ulrika Zabel und ihre Kollegen in ständigem Kontakt mit der Senatsverwaltung und den Migrationsbeauftragten der Stadtbezirke. Das Kompetenzzentrum selbst wird von der Caritas, der Arbeiterwohlfahrt und dem privaten Pflegedienst Vitanas finanziert. Neben einem politischen Pionierprojekt will das Kompetenzzentrum an der Simplonstraße auch ein Forum für engagierte Senioren sein. Willkommen sind Menschen aller Kulturkreise und Nationen. Hier diskutieren sie über ihre Situation - und über die Probleme, die viele Senioren in Berlin haben: über hohe Mieten, die Veränderung der Kieze oder die Bekämpfung der Einsamkeit. Hier reden sie aber auch darüber, was Integration bedeutet und was Integration braucht. Sie debattieren über den Bau von Moscheen in der Stadt - und darüber, wie man die Vorurteile gegen Migranten abbaut, die aus ihrer Sicht in einigen Seniorenvertretungen herrschen.

Auch Regina Riemer hat sich zu diesen Fragen mittlerweile eine Meinung gebildet. Die 66-Jährige wohnt unweit des Kompetenzzentrums. Nachdem ihr Mann, den sie lange gepflegt hatte, vor drei Jahren starb, überfiel sie die Einsamkeit. Im Kompetenzzentrum sei sie mit offenen Armen empfangen worden, erzählt sie. Sie ist begeistert von der Atmosphäre und genießt den Kontakt zu den unterschiedlichen Menschen. Und wünscht sich, dass die älteren Migranten in Berlin mehr Aufmerksamkeit bekommen. "Wir brauchen Aufklärung!", ruft sie. "Integration funktioniert nur, wenn wir uns füreinander interessieren und kennenlernen."

Sich besser kennenlernen

Auf Vorschlag von Ulrika Zabel gestaltete Regina Riemer unlängst eine Kiezbesichtigung für die Menschen vom Kompetenzzentrum. Sie hilft auch hin und wieder im Büro und kümmert sich um die Bewirtung der Gäste. Bei manchen Themen ist sie mittlerweile sogar deutlich rigoroser als viele Migrantinnen und Migranten selbst. So fordert sie etwa Gebetsräume an Schulen und in Betrieben, in denen viele Muslime arbeiten. Altun Aktürk, die engagierte Türkin aus Neukölln, sieht das anders. Sie findet, dass der Glauben Privatsache ist. "Gebetsräume und Kruzifixe haben in der Schule nichts zu suchen", sagt sie. "Da gehen die Kinder hin, um zu lernen."

Von dem, was sie selbst im Kompetenzzentrum gelernt hat, will sie etwas an andere weitergeben. Immer wieder spricht Altun Aktürk Freunde an, lädt sie ein, auch mal im Zentrum vorbeizuschauen oder für die Wahl zur Seniorenvertretung zu kandidieren. Sie würde sich schon freuen, wenn mehr Menschen zur Wahl gingen. Alle fünf Jahre findet die Wahl zur Seniorenvertretung statt. Wahlberechtigt sind alle Kiezbewohner ab 60 Jahren, doch bei der letzten Wahl im Jahr 2006 füllten nur sehr wenige Senioren einen Stimmzettel aus. "Ich höre oft, das alles sei sinnlos, man könne sowieso nichts verändern. Aber ich bleibe da dran", sagt Altun Aktürk. Die Unterstützung ihrer Mitstreiter aus Friedrichshain ist ihr sicher.