Mediation

Wie Trennungskinder die Scheidung durchleiden

Vor sieben Jahren Trennten sich Bea und André. Ihr kleiner Sohn Fritz pendelte zwischen den Wohnungen der beiden Eltern. Er verkraftete die Trennung nur mühsam - und erst eine Mediatorin brachte etwas Ruhe in das Leben des verunsicherten Kindes.

Es gibt Kämpfe, bei denen es nicht ums Gewinnen geht - bei denen man auch mit einer Lösung zufrieden sein kann, die ganz anders aussieht, als man sie sich gewünscht hat. Diese Erfahrung haben André Winter und Bea Schramm gemacht, als sie sich nach ihrer Trennung über den Umgang mit ihrem Sohn Fritz zusammenraufen mussten.

"Eigentlich bin ich jetzt genau das, was ich nie sein wollte - ein Papa für jedes zweite Wochenende. Ich denke, dass es für ein Kind wichtig ist, auch Alltag mit seinem Vater zu haben, aber ich sehe auch, dass es für ihn besser ist, wenn ich mich mit seiner Mutter verstehe." Wenn André seine Situation als Trennungsvater beschreibt, klingt auch ein wenig Bitterkeit durch. Was er jetzt hat, ist das Ergebnis eines mühsamen Prozesses, bei dem Mutter und Vater lernen mussten, sich zurückzunehmen. Denn trotz aller Unterschiede in Ansichten und Lebensstil, die sie als Paar auseinanderbrachten, wollten beide für Fritz weiter Eltern sein.

Nach einem Jahr war die Liebe vorbei

André und Bea hatten sich im Endspurt ihres Studiums kennen und lieben gelernt, sie bekamen Fritz - ein Wunschkind, wie sie sagen - zogen zusammen. Zeit und Geld waren knapp. Nach einem Jahr war es mit der Liebe vorbei. "Weil wir nicht miteinander reden konnten und nicht erkennen konnten, was der jeweils andere brauchte", sagt André. "Weil wir einfach nicht zusammengepasst haben", sagt Bea.

Die Liebe ging, das Kind blieb und eine zunehmend schwierige Situation kam. "Bea hat sich dann von mir getrennt und darauf gedrängt, dass ich ausziehe", sagt der 39-jährige Reha-Pädagoge. "Aber ich wollte nicht darauf verzichten, Fritz zu Bett zu bringen, oder den Moment missen, wenn er morgens angekrabbelt kam." Die Situation eskalierte, es gab viel Streit und ging erst besser, als er dann doch auszog.

Auch Bea hatte sich nach der Geburt in einer Rolle wiedergefunden, die sie so nie haben wollte. Sie musste beruflich zurückstecken, während André seinen Weg weiter verfolgte, sie fühlte sich mit der Verantwortung für das Kind allein gelassen. Die 37-jährige Psychologin hat das Sorgerecht für Fritz - André hatte es bei der Vaterschaftsanerkennung abgelehnt. Aus Unwissenheit und Bequemlichkeit.

Wenig Rechte ohne Sorgerecht

Heute bereut er das und sieht, dass ein gemeinsames Sorgerecht mehr bedeutet als zwei Unterschriften: "Ich habe nicht erkannt, dass dies ein Bekenntnis zum Kind ist, zur gemeinsamen Erziehung und Verantwortung." Nach der Trennung konnten Bea und André schwer miteinander reden. André zog in die Nähe und kümmerte sich etwa drei Jahre lang mit um das Kind. Brachte Fritz zur Kita, frühstückte mit Mutter und Kind oder kam zum Abendessen - er wollte Vater sein. "Wir haben das eher locker gehandhabt", sagt er. "Ich hab es als gut empfunden - sie allerdings nicht."

"Ich wusste immer sehr klar, was ich für mich wollte und wann etwas für das Kind", sagt Bea. Für André sei diese Trennung der Bedürfnisse damals noch nicht zu erkennen gewesen. Es gab Streit ums Geld und darum, was ein Kind braucht. "Zweieinhalb Jahre hatte sie ihn gebeten, Unterhalt zu zahlen, und erst als sie mit dem Jugendamt drohte, habe er damit angefangen. "Es ist für viele Männer schwer zu verstehen, was Kinder kosten."

Auch über die Freizeitaktivitäten gab es Differenzen. Während er seine Vaterzeit mit Aktivitäten füllte, empfand sie den sensiblen Jungen als "völlig durch den Wind", wenn er nach Hause kam. Wenn außer der Reihe schnelle Hilfe gefragt war, fühlte André sich manchmal um seine freie Zeit gebracht. "Alles Projektionen", meint er heute selbstkritisch, "die angespannte Beziehung zur Mutter stand mir im Weg - das ist in so einer Trennungsphase das größte Problem."

Hin und Her zwischen den Eltern

Der ständige Streit, das Hin und Her zwischen den Eltern und die ungeklärten Probleme belasteten das Kind zunehmend. Sie beschlossen, eine Mediatorin einzuschalten. Ziel solcher Beratungsgespräche ist es vor allem, Umgangsregeln für den Alltag zu erarbeiten, ohne dass diese Verhandlungen durch schwelende Paarkonflikte torpediert werden. Dabei lernten André und Bea zunächst einmal zu trennen, was nur sie beide betrifft und welche Dinge geklärt werden müssen, weil sie mit dem Kind zu tun haben, sagt Bea. "Ich habe gesehen, wo ich loslassen darf und wo nicht."

Auch für André war die Mediation hilfreich. Vor allem weil die Mediatorin keine Partei ergriff. "Sie hat mir geholfen, meine Rolle in der Trennung zu finden." Er lernte, dass man dort immer nur an seinen eigenen Anteilen arbeiten kann. "Man kann beim Mediator keine Genugtuung für seine Verletzungen erhalten. Da ist keiner der Gute oder der Böse, jeder hat seine Anteile." Da sei bei ihm der Groschen gefallen.

Eltern müssten die Dinge trennen, die Paar- und die Elternebene, "das kriegen sie allein nicht unbedingt hin", meint André. "Ich finde, dafür müsste es eine neue Trennungskultur in unserer Gesellschaft geben, eine Begleitung für Eltern mit qualifizierten Angeboten, die das Kind in den Mittelpunkt stellt." Getrennte Eltern müssten sich klar machen, dass sie immer in Verbindung bleiben - ein Reifungsprozess. "Deshalb ist es wichtig, dass sie in der Anfangsphase begleitet und beraten werden, bevor sie sich zu viel verbauen."

Was kann man einem Kind zumuten?

André hat an sich gearbeitet und engagiert sich heute in seiner Freizeit beim Verein "Väteraufbruch für Kinder". Dort fand er nach der Trennung Unterstützung und will nun anderen Vätern, die mehr für ihre Kinder da sein wollen, helfen, die Weichen besser zu stellen.

Die Mediation half eine Zeit lang, löste aber die grundsätzlichen Differenzen nicht. "Bei klaren Absprachen ging es, aber für Bedürfnisse außerhalb unserer Regelungen ging es immer wieder schief", sagt André. "Wir haben unterschiedliche Ansichten. Auch darüber, was man einem Kind zumuten kann."

Bei alldem ging es Fritz nicht gut, er konnte die Trennung nicht verarbeiten und brauchte eine klare Ansage, wo sein Zuhause ist. Der unregelmäßige Wechsel zwischen den Wohnungen verunsicherte ihn. Nach einer erneuten Mediation vor der Einschulung beschloss Bea auf dringenden Rat eines Kinderpsychologen, einen Lebensmittelpunkt für Fritz zu bestimmen - bei ihrer kleinen Familie. Sie hatte inzwischen geheiratet und ein weiteres Kind bekommen.

Fritz gibt vor, was wichtig ist

André ist immer noch nicht gern Wochenend-Papa. Er sieht aber auch, dass es Fritz besser geht und dass alle ein besseres Verhältnis bekommen haben. "Eine Zeit lang hatte ich Angst, dass ich ihn nun nicht mehr sehe, aber jetzt reden wir gut und regelmäßig miteinander. Ich bin froh, dass wir nicht vor Gericht gelandet sind."

"Eine optimale Erziehung gibt es nicht, das hängt mit den innersten Werten und Überzeugungen jedes einzelnen zusammen - deswegen tut es auch so weh, sich darüber zu streiten", sagt Bea. "Unsere Auffassungen sind sehr unterschiedlich - ich will das gar nicht bewerten." Sie glaubt nicht, dass ein gemeinsames Sorgerecht in ihrem Fall viel geändert hätte. "Selbst in den schlimmsten Phasen war klar, dass wir das mit Fritz gemeinsam machen müssen." Sie weiß, dass Kinder ihren Vater brauchen. "Doch nun gibt Fritz uns vor, was wichtig ist. Er ist ein Kind, das Stabilität braucht, einen Mittelpunkt und feste Regeln, und damit müssen wir umgehen."

Auch wenn es ihn hart ankommt, keinen Alltag mit dem Kind zu haben: André will sich nicht streiten. Er hofft, dass sich der Junge weiter stabilisiert. "Wenn er etwas älter ist, kommt er vielleicht von selber auf die Idee, mal spontan beim Vater vorbeizuschauen. Daran wird Bea ihn sicher nicht hindern."

Sieben Jahre sind seit ihrer Trennung vergangen. Bea und André finden heute freundliche Worte füreinander. Beide wirken ruhig und reflektiert. Differenzen wird es immer wieder geben, aber - da sind sie sich einig - es geht dabei nicht um sie. Es geht um Fritz.