Circus Krone

Eine schrecklich lustige Familie

Der Clown-Clan: Im Cirkus Krone bringt allabendlich eine ganze Familie das Publikum zum Lachen - die Familie Alexis. Ihr Handwerk, die vielen Sprachen und ihre Musikalität lernten Tony, Jeanette, Totti und Tonito nicht in der Schule, sondern durch das Leben als Clown.

Tonito Alexis verteilt mit einer Quaste großzügig weißen Puder in seinem Gesicht. "Willst du auch?" fragt er und dreht den Kopf zu Nashorn Tsavo. Doch das guckt den 17-Jährigen nur erstaunt an. Clown Tonito stört das nicht, er redet einfach gut gelaunt weiter auf den grauen Dickhäuter ein.

Seit dem 17. September malt sich Tonito in einem Wagen auf dem Festplatz an der Clayallee in Zehlendorf jeden Tag gegen 14.30 Uhr erst das Gesicht weiß, dann Ohren und Nase rot, anschließend fixiert er die Schminke mit weißem Puder. Sechs Tage die Woche macht er das, montags hat er frei. Zwei Vorstellungen gibt er pro Tag, die letzte endet um etwa 23 Uhr. Tonito tritt allerdings nicht allein auf. Denn der 17-Jährige ist nicht der einzige Clown mit dem Nachnamen Alexis. Auch sein Bruder, sein Vater und seine Mutter arbeiten als Clowns.

Ganz hinten links auf dem Platz des Circus' Krone, vorbei an den Käfigen der Tiger und Löwen und hinter den Wagen der Shaolin-Mönche, hat die gesamte Familie Alexis im Moment ihr Zuhause. Oberhaupt des Clans ist Vater Tony, er ist 54 Jahre alt und gilt als einer der Besten auf seinem Gebiet. Stolz erzählt er, dass er schon mit Freddy Quinn und Dieter Hallervorden aufgetreten ist.

"Mein Vater war Clown, mein Großvater war Clown, mein Urgroßvater war Clown - und meine Kinder arbeiten auch nicht", lacht Tony. Er habe seine Söhne immer gefragt, ob sie wirklich in seine Fußstapfen treten wollten. Wenn nicht, wäre das kein Problem gewesen, beteuert er. "Aber man wird als Clown geboren", sagt der Spanier mit rauer Stimme und starkem Akzent, "das ist man mit Leib und Seele. Das kann man nicht lernen".

Tony und seine deutsche Frau Jeanette leben im zwölf Meter langen Wohnmobil, von innen kaum von einem Häuschen zu unterscheiden. Daneben steht der Wagen des 27 Jahren alten Sohns Jeanny - Künstlername "Totti" - und seiner Frau. Ein Stück weiter jener von Tonito. Die Clownsfamilie sieht sich jeden Tag, schließlich sind sie nicht nur Mutter, Vater und Kinder, sondern auch Nachbarn und Kollegen. Sie treten zusammen auf, bekommen gemeinsam Gehalt, das sie untereinander aufteilen.

Gruß ans Nashorn

Die Alexis-Söhne können sich ein Leben außerhalb des Zirkus schlecht vorstellen, auch wenn sie in vielen Städten und Ländern Freunde haben, die mit dem Leben in der Manege nichts zu tun haben. "Ich werde unruhig, wenn ich länger als acht Wochen an einem Ort bin", sagt Totti. Alles, was für andere Kinder, die nicht im Zirkus aufwachsen normal sei, sei für sie immer exotisch gewesen. "Wir stehen morgens auf, begrüßen das Nashorn und den Löwen. Für uns ist das der Alltag", fügt Bruder Tonito hinzu. Ansonsten unterscheide sich ihr Leben aber dann doch nicht von dem anderer Familien. "Wir machen ganz normale Dinge. Müssen waschen, bügeln, einkaufen. Das erledigen wir vor der Vorstellung", sagt Mutter Jeanette.

Der Circus Krone funktioniert mit seinen 400 Mitarbeitern, dem Waschsalon, dem eigenen Kraftwerk, dem Restaurant, dem Schreiner, dem Metzger und dem Bürgermeister wie eine eigene Stadt. Selbst eine Schule haben die Zirkusleute, hier wird nach bayrischem Lehrplan unterrichtet. Tonito hat sie vor einem Jahr noch besucht. Für acht Personen ist dort Platz. Es gibt hier viele Altersgruppen, Nationalitäten, Religionen. Jeder bekommt sein Material. Hier lernen Vorschulkinder und solche, die den Hauptschulabschluss machen möchten. "Eine Schule im Zirkus zu haben, ist gut. So musste ich nicht in jeder Stadt in eine neue Klasse", sagt Tonito. Einen Abschluss hat er allerdings nicht, auch wenn er immer relativ gut in der Schule war. Zu klar war die ganze Zeit für ihn ohnehin, was er einmal werden würde. Seitdem er drei Jahre alt ist, steht er als Clown in der Manege. "Für mich kam nie etwas anderes infrage", sagt er.

Viele Dinge, die Andere in der Schule lernen, hat er ganz selbstverständlich im Zirkusleben mitgenommen. Er und sein Bruder sprechen fließend Spanisch, Deutsch, Französisch, Englisch und Italienisch. Auch Portugiesisch und einige skandinavische Sprachen verstehen beide durch die vielen Reisen und die Menschen aus unterschiedlichen Nationen, die mit ihnen arbeiten, ziemlich gut. Außerdem spielen Tonito und Totti Saxofon, Posaune, Trompete und Konzertina, eine kleine Ziehharmonika, die als das typische Instrument der Clowns gilt. Vieles hat ihr Vater ihnen beigebracht. "Als ich sechs Jahre alt war, hat er mir eine Trompete in die Hand gedrückt und gesagt, ich solle ein bisschen üben. Seitdem spiele ich. Noten lesen habe ich aber nie gelernt", sagt Totti.

Frau als Spaßmacherin

Er hat sich ein wenig von seiner Familie emanzipiert und tritt auch mit einem eigenen Programm auf. Kurzzeitig hat der 27-Jährige sogar mal mit einer anderen Karriere als der des Clowns geliebäugelt. "Ich hatte mal eine Zeit lang eine Band und habe auch Promotion gemacht. Aber das war alles nichts", erzählt er. Verheiratet ist Totti mit einer Frau, die nicht aus einer Zirkusfamilie stammt. Sie hat sich der Alexis-Familie angeschlossen und reist mit ihr mit. Auch wenn sie als einzige nicht als Clown arbeitet.

Ohnehin ist es ungewöhnlich, dass eine Frau als Spaßmacherin in die Manege steigt. Auch bei Mutter Jeanette Alexis lief ihr Einstieg ins Clowngeschäft nicht ganz unkompliziert ab. Die 49-Jährige stammt aus einer Zirkusfamilie, Tony und sie lernten sich quasi in der Manege kennen. Die beiden heirateten, nach der Hochzeit arbeitete Jeanette zwei Jahre lange gar nicht, war damit aber sehr unglücklich. Sie hatte schließlich ihr ganzes Leben in der Manege gestanden, Elefanten geritten, jongliert, Akrobatiknummern präsentiert.

Tony hatte zu der Zeit eigentlich ein Programm mit seinem Bruder, er wollte nicht so gern, dass Jeanette als Clown auftrat. Eine Frau in seinem Programm konnte er sich nicht vorstellen. Eines Tages schminkte sich Jeanette dann einfach als Clown und trat mit auf. "Ich habe sie erst gar nicht erkannt, aber dann war sie fast besser als ich, das hat mich überzeugt", sagt er. 25 Jahre ist das jetzt her.

Mittlerweile spielt sie den kleinen Bruder ihres Mannes. Als "dumme Auguste" verkleidet kann man die beiden fast nicht auseinanderhalten. Beide sind bunt gekleidet, eher laut und geben sich ein bisschen trottelig. Tonito hingegen spielt den Weißclown, eine etwas elegantere, seriösere Form des Clowns, der paillettenverzierte Kostüme trägt, die für einen fünfstelligen Betrag in Paris gefertigt wurden. Gerade für Berlin hat er ein neues bekommen.

Das allein genügt natürlich nicht, um ein guter Clown zu sein. Was muss man denn überhaupt können? "Man muss Menschenkenner sein, man muss akrobatisch sein, man muss jonglieren können, außerdem muss man musikalisch sein", sagt Tony Alexis. Der 54-Jährige ist sehr stolz auf seine Söhne, auch darauf, dass sie so gute Clowns geworden sind. Wenn er davon spricht, wie großartig sie sind, bekommt der Spanier ganz feuchte Augen.

Tony möchte arbeiten bis es nicht mehr geht. In seinem Beruf gibt es schließlich kein Rentenalter. Auftreten könne man bis man 95 ist.

"Clown kann man sein, so lange man die Hose allein anziehen kann", sagt er. Und seine Frau und seine Söhne nicken.

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