Serie: Große Pädagogen, Teil 9

Der Kollektiverzieher - Anton Semjonowitsch Makarenko

In der DDR wurde er verehrt, im Westen skeptisch beäugt. Sein Motto: "Ich fordere dich, weil ich dich achte."

Er war der große Praktiker unter den Pädagogen: Anton Semjonowitsch Makarenko (1888-1939). Während sein Vorgänger wie Rousseau oder Rudolf Steiner das Gros ihrer Theorien im stillen Kämmerlein entwickelt hatten, konnte Anton Makarenko auf einen reichen Erfahrungsschatz als Leiter eines Heimes für jugendliche Straftäter zurückgreifen. "Ich habe mir meine Pädagogik nicht ausgedacht", sagte er einmal.

Makarenkos Werk, das zahlreiche Ratschläge für den Umgang mit renitenten Jugendlichen enthielt, war stets umstritten. In Russland galt seine Arbeit mal als "bahnbrechend", mal als "antisowjetisch". Im Westen wurde er als "Klassiker der Pädagogik" bezeichnet aber auch als "pädagogischer Diktator" verunglimpft.

Anton Semjonowitsch Makarenko wurde im ukrainischen in Belopolje als Sohn eines Eisenbahnarbeiters und einer Adeligen geboren. Die Schule schloss er mit Auszeichnung ab, anschließend besuchte er einen einjährigen pädagogischen Kurs und arbeitete bereits als 17jähriger als Grundschullehrer. Dem Beruf blieb er treu und besuchte ein Lehrerseminar und arbeitete als Schulleiter. Im Jahr 1920 übernahm Makarenko den Aufbau der Gorki-Kolonie für jugendliche Rechtsbrecher. Die Zeiten nach der "großen sowjetischen Oktoberevolution" als desolat zu bezeichnen, wäre untertrieben. Es herrschte eine Hungersnot, die Zahl der Obdachlosen lag damals zwischen sieben und neun Millionen, die Kriminalitätsrate war gewaltig. Makarenkos Zöglinge waren im Krieg verwaiste und verwahrloste Kinder - junge Diebe, Bandenmitglieder, Kindersoldaten, Kinderprostituierte. Seine Arbeit war eine enorme Herausforderung, bei der er ständig seine Grenzen spürte. Er kämpfte mit seinen Mitarbeitern um Nahrung, um Kleidung, gegen Krätze, Läuse und Krankheiten. Als niederschmetternd aber empfand er die Erfahrung, dass fünf von etwa 400 Zöglingen sich jedem Erziehungsversuch widersetzten. Sie lehnten, wie er glaubte, "die gesamte menschliche Kultur" radikal ab. "Mich empörte der schlechte Stand der pädagogischen Technik und meine technische Ohnmacht. Widerwille und Zorn packten mich bei dem Gedanken an die pädagogische Wissenschaft: Wie viel Jahrtausende gibt es sie schon!", schrieb Makarenko, später heißt es: "....nicht einmal mit einem einzelnen Rowdy wird man fertig, es gibt keine Methode, kein Werkzeug, keine Logik, einfach nichts". Die Pädagogik war in seinen Augen "eine seit Jahrhunderten währende Scharlatanerie".

Und so entwickelte Makarenko eine Form der Kollektiverziehung, die auf verinnerlichter Disziplin, Selbstverwaltung und nützlicher Arbeit beruhte. Die Erziehung des Einzelnen sollte durch das "Kollektiv" erfolgen. Makarenko hielt es für sinnvoll und effektiv, wenn Jugendliche so wenig direkte Anweisungen wie möglich von Erziehern erhielten. Von der Verfolgung durch Stalin blieb Makarenko bis zu seinem frühen Herztod im Alter 51 Jahren verschont. Man nimmt an, dass das zum einen daran lag, dass sich Makarenko stets von der Politik ferngehalten hat. Außerdem galt die im Jahre 1927 von ihm gegründete Dserschinski-Kolonie als Kaderschmiede der sowjetischen Geheimpolizei Tscheka, was ihn ebenfalls vor den Stalinschen Säuberungen bewahrt haben könnte.

Heute weckt das Wort "Kollektiverziehung" bei den meisten Menschen Abscheu oder Argwohn. Zudem wurden Makarenko und seine Pädagogik in der DDR verehrt, ein riesiges Kinderheim in Treptow trug seinem Namen. Stellt man Makarenkos Namen allerdings lediglich mit Stubenappellen, Politdrill und Fähnchenschwenken in einen Zusammenhang, dann tut man seiner Pädagogik, deren wichtigster Leitspruch "Ich fordere dich, weil ich dich achte" lautete, unrecht. Denn Makarenkos Weltbild war stark durch Rousseau und Pestalozzi geprägt. Die Prügelstrafe lehnte er ab. Die Autorität des Erziehers sollte nach seinem Willen auf seinem Respekt vor dem Kind, seiner absoluten Aufrichtigkeit gegenüber den Zöglingen und dem festen Vertrauen in den Menschen beruhen. Doch vor allem war Makarenko Pragmatiker und Realist. "Gesunden Menschenverstand" hielt er in der Pädagogik für unerlässlich.